Cloud Computing ist in aller Munde, spielt aber in der Praxis kleiner und mittlerer Unternehmen noch kaum eine Rolle. Wofür steht „die Cloud“? Wie weit ist diese Technik heute? Wo wird sie bereits erfolgreich eingesetzt und was ändert sich für den Anwender?
Immer mit aktuellen Programm-Versionen arbeiten, ohne permanent in neue Hard- und Software investieren zu müssen – welcher IT-Verantwortliche eines kleinen oder mittleren Unternehmens will das nicht?
Genau das – und noch mehr verspricht eine neue Form der netzbasierenden Bereitstellung von Hard-, Soft- und Serviceleistungen. Dabei werden virtuelle Rechner- und Speicherkapazitäten, Dienstleistungen oder Programme genau dann bei einem Anbieter online angemietet, wenn sie auch tatsächlich gebraucht werden. Kosten sowohl für den Aufbau als auch für die Anpassung der eigenen Infrastruktur entfallen.
Cloud-Dienste kommen mit vergleichsweise bescheidener Hardware aus, denn die Anwendung läuft nicht mehr lokal auf dem eigenen PC, sondern auf einem Rechner irgendwo im weltweiten Datennetz. Wer glaubt, mit Cloud Computing versuche die Computerbranche buchstäblich das Blaue vom Himmel zu versprechen, um an neue Einnahmequellen zu kommen, der irrt.
Die „Cloud“ ist längst Realität. Die meisten nutzen schon Teile davon, ohne es zu bemerken. Cloud-Vorreiter sind nämlich verbreitete Online-Dienste wie Google Mail für den Versand und die Verwaltung elektronischer Post, Google Text & Tabellen für die Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Grafik, Picasa oder Flickr für die Präsentation und Verwaltung von Digitalfotos etc. Auch Online-Bestelldienste wie beispielsweise Amazon nutzen schon seit einiger Zeit die Cloud, um ihre IT-Kapazitäten bei Nachfragespitzen schnell hoch- und später entsprechend auch wieder herunterzufahren.
Cloud Computing, ASP, SaaS & Co. – wie bitte?
Der Begriff „Cloud“ (englisch für „Wolke“), steht letztlich als Synonym für Datennetze wie das Internet: Programme und Daten sind nicht mehr auf der Festplatte des eigenen PCs gespeichert, sondern irgendwo auf so genannten Servern (Computer und Programme, die einen Zugang zu speziellen Online-Dienstleistungen ermöglichen) im weltweiten Datennetz abgelegt. Das bietet den wesentlichen Vorteil des plattform-, zeit- und ortsunabhängigen Datenzugriffs: Programme und auch Daten können auf mobilen PCs oder Smartphones unterwegs, vom Kunden aus oder auch im Urlaub genutzt werden, sofern eine ausreichend schnelle mobile Internetverbindung vorhanden ist.
Da die gesamte IT-Infrastruktur in sehr kurzer Zeit an den aktuellen Bedarf angepasst werden kann und nutzungsorientiert abgerechnet wird, lassen sich Stoßzeiten und Auftragsflauten kostengünstig bewältigen sowie darüber hinaus auch veränderte Organisationsprozesse oder Geschäftsmodelle berücksichtigen.
Auch die Teamarbeit wird einfacher: Arbeiten beispielsweise mehrere Personen gleichzeitig an einem Auftrag, muss man Dokumente nicht mehr umständlich per E-Mail hin und her schicken. Alle Beteiligten greifen auf dieselben Inhalte zu und jede Änderung wird sofort sichtbar. Bei der Bereitstellung von Hard-, Soft- und Serviceleistungen über Netzwerke – das können öffentliche Netze wie das Internet oder das firmeninterne Intranet sein – gibt es verschiedene Ausprägungen: Während beim so genannten Application Service Providing (ASP) Anbieter eine auf den jeweiligen Kunden zugeschnittene Applikation offerieren, geht Software as a Service (SaaS) noch einen Schritt weiter, indem Standard-Applikationen via Internet einem breiten Publikum zur Verfügung gestellt werden.
Infrastructure as a Service (IaaS) stellt Rechnerinfrastruktur (Rechenkapazität, Speicherplatz) über das Internet bereit, während Platform as a Service (PaaS) Online-Entwicklungstools zur Verfügung stellt.
Cloud Computing ist quasi alles zusammen. Es verallgemeinert das Prinzip der Online-Bereitstellung auf die komplette IT-Infrastruktur (Rechenleistung, Speicherplatz, Software, Dienste), die bedarfsorientiert zur Verfügung gestellt und nutzungsabhängig abgerechnet wird. Im Gegensatz zum Grid Computing, bei dem Rechner vernetzt werden, um beispielsweise rechenintensive Probleme gemeinschaftlich zu lösen, werden beim Cloud Computing von einem Anbieter zentral gesteuerte IT-Ressourcen für einzelne Nutzer offeriert.
Unter Betriebs-, Eigentums- und Organisationsaspekten werden Private Clouds für eine geschlossene Nutzergruppe und Public Clouds für eine große Anzahl verschiedener Nutzer unterschieden. Am häufigsten sind Kombinationen (so genannte Hybrid Clouds) aus Private und Public Clouds sowie traditioneller IT-Umgebung.
Wo Wolken sind, ist auch Schatten …
Cloud Computing hat auch Nachteile. Viele beschleicht ein komisches Gefühl bei dem Gedanken, sensible Unternehmensdaten nicht mehr auf der eigenen Festplatte zu speichern, sondern in einem externen Netzwerk, bei dem man nicht kontrollieren kann, wer wann darauf Zugriff hat.
Einer aktuellen Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC vom Januar 2011 zufolge nutzt unter 351 befragten mittelständischen Unternehmen nur jedes zehnte Cloud Computing. 80 Prozent der Befragten sieht auf absehbare Zeit keinen Bedarf. 70 Prozent der Cloud-Skeptiker argumentieren mit der Sorge um mangelnde Datensicherheit im Internet.
Viele (immerhin etwa ein Drittel) wissen aber auch nicht, was Cloud Computing ist und welche Vorteile und Möglichkeiten es in diesem Zusammenhang gibt. Unternehmen, die bereits Cloud-Services nutzen, sehen als größten Nachteil den Kontrollverlust über die eigenen Daten sowie die wachsende Abhängigkeit von Fremdfirmen (44 Prozent). Eine nicht ausreichende Datensicherheit befürchten 34 Prozent der Nutzer.
Von den Unternehmen, die Cloud Computing einführen wollen (12 Prozent), versprechen sich die meisten Kosteneinsparungen (83 Prozent). Ein weiteres Motiv ist für knapp 80 Prozent der Befragten, dass Mitarbeiter zeit- und ortsunabhängig auf Daten zugreifen können. Diese Erwartungen sind, gemessen an den Erfahrungen, die Nutzer von Cloud-Services bereits gemacht haben, weitgehend realistisch.
Eine deutliche Diskrepanz zeigt sich allerdings bei der Bewertung der Flexibilität der Dienstleistung. So glauben rund 70 Prozent der Nicht-Nutzer, dass sich Cloud-Services einfacher und schneller an veränderte Organisationsprozesse oder Geschäftsmodelle anpassen lassen als eine im Unternehmen vorgehaltene IT-Infrastruktur. Diese Einschätzung teilen nur 46 Prozent der Nutzer von Cloud Computing.
Gegen die Cloud sprechen auch ganz praktische Hürden: So vereiteln teilweise mangelnde Datenübertragungsraten und Stabilitäten mobiler Funknetze ein flüssiges und störungsfreies mobiles Arbeiten. Selbst bei schnellen Datennetzen wie DSL kann es bei komplexen Anwendungen (CAD, Grafik, Visualisierung etc.) durchaus zu Beeinträchtigungen im Arbeitsfluss kommen.
Bei Branchenprogrammen, die in den Betrieben meist pausenlos laufen, entfällt ferner der Vorteil der nutzungsorientierten Abrechnung. Auch aus rechtlicher Sicht sollte man einiges bedenken, denn Cloud-Computing-Verträge haben so manche Besonderheit. Beispielsweise sollte man in diesem Zusammenhang prüfen, welche Konsequenzen es hat, wenn der Vertrag ausläuft oder beispielsweise durch eine außerordentliche Kündigung beendet wird.
Erste Wolken in der Softwarebranche
Auch für die Software-Anbieter selber hat die Cloud Vorteile: Es müssen keine Updates/Upgrades versandt werden, alle Anwender sind auf dem gleichen Versionsstand und Einnahmen fließen regelmäßig.
Ob angesichts relativ geringer Mietgebühren das bisherige Modell der Serviceverträge bzw. Updategebühren nicht vorteilhafter ist, bleibt jedoch abzuwarten. In jedem Fall erfordert die Cloud auch bei den Anbietern ein Umdenken – insbesondere in den Bereichen Marketing, Vertrieb und Kundenbindung. Tatsache ist, dass Cloud-Anwendungen zunehmen. So stellte Marktführer Microsoft kürzlich mit Windows Azure eine Cloud Computing-Plattform und mit dem neuen Office 365 eine Cloud-Office-Lösung vor.
Auch bei Branchenlösungen ziehen seit einiger Zeit erste Wolken auf. Je nach Anwendung und Ausrichtung sind die anbietenden Softwarehäuser unterschiedlich weit mit der Realisierung der Cloud: So basiert etwa die Branchensoftware Schreiners Büro von Informationssysteme Dinklage aus Murnau seit Jahren konsequent auf der Webservertechnik. Der Nutzer mietet einen Cloud-Server mit den benötigten Leistungsdaten und setzt darauf die gemietete Software ein. Die Miete beträgt inklusive aller Arbeitsplätze 1 Euro/netto pro Tag, der Mietvertrag ist problemlos jederzeit kündbar. Als Arbeitsplatz ist im Prinzip jedes internetfähige Gerät einsetzbar: Windows-, Mac-, Linux-PC, Note-/Netbook, iPad, iPhone, etc.
Mit Adulo Hosting bietet das Softwarehaus Adulo aus Hettstadt eine Cloud-Lösung für Bauelementehändler an. Zu den Vorteilen gehören neben der automatischen Aktualisierung eine einfache Stammdatenpflege und eine flexible, mobile Nutzung, die ein mobiles Aufmaß auf der Baustelle oder den Zugriff auf Bürodaten von zuhause oder vom Urlaubsort aus ermöglicht.
Die DMS-Lösung Stratos Bau von Stratos aus Leipzig kann Rechnungen, Bürgschaften, Bescheinigungen und andere Bauakten digital verwalten, rechtssicher und finanzamtskonform archivieren. Mit der Cloud-Lösung lassen sich Niederlassungen, Baustellen und Geschäftspartner online einbinden. Der konsequente Einsatz vertrauter Web 2.0 Funktionalitäten wie Einladen, Teilen oder Abonnieren vereinfacht die Bedienung und gestaltet kooperative Prozesse effizienter. Extragroup aus Münster sieht für komplexe Anwendungen derzeit kaum Möglichkeiten, zumal aktuelle Internetleitungen nicht ausreichen, um beispielsweise CAD flüssig auf einem Cloudserver betreiben zu können. Das High-Speed-Datennetz VDSL ist bisher nur sporadisch verfügbar. Zudem sind Mietpreise für leistungsfähige Cloudserver mit etwa 0,90 Euro pro Stunde relativ hoch, weshalb sich die Anschaffung eines Rechners eher lohnt. Für Branchensoftware reichen zwar aktuelle Cloud-Kapazitäten, dafür kauft man sich Branchensoftware lieber, da sie sowieso permanent genutzt wird.
Ähnlich sieht dies OS Datensysteme aus Ettlingen: Derzeit gebe es keine konkrete Anfrage nach Cloud-Lösungen. Die Kundenmehrzahl nutze Serverlösungen, die bei Bedarf einen Online-Zugriff über VPN auf den eigenen Server ermöglichen. Für das eigene Dokumenten-Management-System werde es aber in Kürze eine Cloud-Lösung geben. Die „Wolke“ sei fraglos ein Trend – es bedürfe jedoch noch entsprechender Softwarelösungen, leistungsfähiger Datenleitungen, Sicherheitsmechanismen und vertrauenswürdiger Provider.
Fenster- und Fassadensoftware-Hersteller Klaes aus Bad Neuenahr-Ahrweiler ist nach eigenen Angaben bereits mitten in der Cloud. In beiden Bereichen – der private und public cloud – seien bereits Lösungen bei den Kunden implementiert worden. Das Thema werde weiter wachsen und auch die Entwicklungen bei Microsoft zeigten ganz klar in diese Richtung. Wichtig sei, dass es dabei mittlerweile nicht mehr nur um so genannte „Webanwendungen“ gehe, sondern um den Betrieb von kompletten Software-Lösungen auf externen Servern und den Zugriff per Internet.
Knackpunkt Datensicherheit: Was passiert, wenn …?
Der neuen Technik sind vor allem psychologische Hürden gesetzt: Sensible Daten will keiner gerne hergeben. Wer seinen Server samt Daten im Betrieb stehen hat, anstatt in irgendeinem Rechenzentrum, hat ein besseres Gefühl.
Die Aussicht auf Kostenvorteile wird alleine nicht reichen, um Unternehmen zur Umstellung zu bewegen. Wie komme ich an meine Daten bei einem Serverausfall? Was passiert bei Hacker-Angriffen auf den Server? Was ist, wenn es lokale Netzprobleme gibt? Das sind essenzielle Fragen, die vorher zu klären sind.
Es gibt zwar Lösungen, wie das der DATEV im Bereich der Lohn- und Finanzbuchhaltung, die schon über Jahre problemlos und reibungsfrei arbeiten. Die neue Technik wird dennoch wohl auf einen Generationswechsel warten müssen, bis die Cloud als zeitgemäße Form der EDV-Nutzung wahrgenommen und Daten ebenso selbstverständlich dem Netz anvertraut werden, wie es die junge Anwendergeneration bereits jetzt (häufig allerdings allzu sorglos) mit privaten Daten in Sozialen Netzwerken tut. (Marian Behaneck).
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