Meisterstücke aus Südtirol

Südlich vom Alpenhauptkamm

Auch in Südtirol gibt es für junge Tischlergesellen nach der dualen Ausbildung eine Möglichkeit zur Weiterqualifikation: An der Landesberufsschule für Handel, Handwerk und Industrie „Christian Josef Tschuggmall“ in Brixen können sie sich berufsbegleitend auf die Meisterprüfung vorbereiten. BM zeigt vier ausgewählte Meisterstücke der Brixner Schule.

„Das Meisterstück hatte für mich von Anfang an einen sehr hohen Wert“, schreibt Martin Winkler aus Ritten, „es sollte ein Unikat werden und die, die darauf spielen, begeistern.“ Der Meisterschüler entwickelte einen komplexen Kickertisch aus Räuchereiche und Mineralwerkstoff mit vielen kniffeligen Details. Die Idee dafür entstand schon einige Jahre vor der Realisierung des Stückes. So entwickelte Winkler, der in den vergangenen sechs Jahren im Projektmanagement und in der Arbeitsvorbereitung tätig war, das Möbel komplett auf CAD zeichnerisch durch und „baute“ es als 3D-Modell mit sämtlichen Bohrungen und Verbindungen auf.

Herz des Kickers ist das aus weißem Mineralwerkstoff tief gezogene Spielfeld, das in weichem Radius in die Stirn- und Seitenteile übergeht. Im Bereich der Spielfeldlinien ist das Material von unten ausgedünnt und mittels LEDs hinterleuchtet. Die untere, ebenfalls thermisch verformte Abdeckung aus schwarzem Mineralwerkstoff nimmt neben der notwendigen LED-Technik eine Drehschublade mit Holzvollauszügen auf, aus der die zurückkommenden Bälle entnommen werden können. Die Oberfläche des Traggestells aus Räuchereiche ist gebürstet und mit PUR-Lack lackiert, die Spielfiguren sind Sonderanfertigungen aus mattverchromtem Stahl.
Elegant gewunden
„In sich gedrehter Säulenschrank“, so nannte Stefan Gampenrieder aus Ritten sein Meisterstück. Der Korpus des nach oben um 22,5° verdrehten Möbels ist aus 15 Schichten kreuzweise verleimtem Nussbaumfurnier aufgebaut. Durch diese Form ergibt sich eine ebenfalls gedrehte, das heißt nicht lotrechte Aufschlagsebene für die Türen. Der Meisterschüler löste das Problem und entwickelt spezielle, scherenartige Scharniere – je zwei unterschiedliche pro Tür – aus schichtverleimtem Nussbaum. Zwei dezente Griffe aus Schwarzstahl dienen dabei zum Öffnen der stumpf aufschlagenden Türen. Im Inneren findet sich im unteren Teil eine auf Holzvollauszügen geführte Schublade und oben ein durch eine Türe verschlossenes Fach. Beide sind auf der Außenseite in einem kräftigen Grünton (RAL 6029) lackiert und bilden einen kräftigen Kontrast zum dunklen Nussbaumholz.
Nach der Natur geformt
Aus der natürlich geformten Waldkante eines Massivholzbrettes heraus entwickelte Paul Haller aus Wiesen sein Meisterstück, ein Sideboard in Kirschbaum und Ahorn. Die Front seines Möbels folgt dem Schwung der unbesäumten Kante der Deckplatte aus 42 mm starkem Kirschbaum. Diese wird durch in die Unterseite eingelassene, T-förmige Stahlprofile stabilisiert und ist über Schrauben und in die Platte eingelassene Rampamuffen am Korpus befestigt. Die Platte wurde mit einem klaren, hochglänzenden Epoxydharz beschichtet, um kleine Risse, Äste und den Splint sichtbar zu lassen.Der dreiteilige Korpus wird über die horizontal in Ahorn furnierte Front zusammengebunden, wobei sich das Fugenbild der Schubkästen über die Tür bis hin zum Vitrinenkorpus fortsetzt. Die drei mit offenen Maschinenzinken verbundenen Schubkästen aus Ahorn tragen nach außen gewölbte Vorderstücke und sind auf mechanischen Vollauszügen (Blum) geführt. Die S-formig, aus Biegesperrholz und MDF schichtverleimte Tür in der Mitte ist an 155°-Topfscharnieren (Blum) auf Gehrung angeschlagen. Der rechte Korpusteil nimmt eine Vitrine auf. Ein gut gelöstes Detail hier: Das VSG-Glas ist derart abgestuft, sodass das Glas zur Front bündig ist. Für die Beleuchtung der Vitrine sorgen hinter dem oberen und unteren Boden aus satiniertem ESG angebrachte LED-Leuchten, die über einen verdeckt eingebauten Näherungsschalter gesteuert werden. Zur Bestückung der Vitrine und zur Revision der Elektrik lässt sich die rechte Seite öffnen. Um einem Vergilben des Ahornfurniers vorzubeugen, wurde die Front weiß pigmentiert und mit mattem PUR-Lack lackiert.
Die perfekte Welle
Nicht nur die Surfer dieser Welt sind auf der Suche nach der „perfekten Welle“, bisweilen auch Tischler. Florian Torggler aus Brixen hat sie gefunden mit seinem Meisterstück „the perfect wave“, einem Doppelbett in Canaletto-Nuss, brüniertem Messing und beigem Leder. In elegantem Schwung bauen sich die flachen Bettseiten zur aufbrandenden Welle des Kopfteils auf. Um diesen Schwung nicht zu unterbrechen, verzichtete er auf die sonst üblichen, seitlich angebrachten Nachtkästchen.
Der Kern der 70 mm starken Welle ist aus Biegesperrholz aufgebaut, das beidseitig mit einer 10 mm starken Schicht aus Nussbaumfurnieren belegt ist. In die Seitenkanten ist 3 mm starkes brüniertes Messingblech eingelassen, das auch die Seiten der Bettwangen und das Kopfteil bedeckt. Die beiden mit beigem Leder bezogenen Kopfstützen lassen sich mittels spezieller Hebebeschläge nach oben schieben und geben je eine dahinterliegende Nische frei. Beim Öffnen wird ein Kontaktschalter betätigt, der die Nischenbeleuchtung steuert. Zwei weitere, flächig in das obere Ende der Welle eingelassene Mattglasscheiben dienen durch LEDs beleuchtet als Leselichter. Aus dem Korpus am Kopfende des Bettes lassen sich seitlich flache, lederbespannte Tablare herausziehen, die als Ablage und gleichzeitig als Ladestationen für Tablet und Mobiltelefon dienen. Um einen möglichst leichten Eindruck zu erhalten ist das Bett am Kopfende mittels Keilleisten an der Wand befestigt und liegt am Fußende auf einer nach innen versetzten und zusätzlich schrägen Stahlkonstruktion auf. Ein umlaufend in die Unterseite des Bettes eingelassener LED-Streifen lässt das Bett schwebend wirken. (hf/Quelle: Meisterschüler)

Aus- und Weiterbildung für Tischler in Südtirol

Erstausbildung
An der seit 50 Jahren bestehenden Südtiroler Landesberufsschule für Handel, Handwerk und Industrie „Christian Josef Tschuggmall“ in Brixen finden neben der Lehrlingsausbildung in den traditionellen Ausbildungsbereichen Holz- und Metalltechnik auch die Ausbildung für die Fachrichtungen Fachinformatik, Schönheitspflege, Handel und Verwaltung statt.
Neben der Lehrlingsausbildung im bekannten Dualen System haben Jugendliche hier die Möglichkeit, über eine 3-jährige Berufsfachschule einen Beruf zu erlernen. Ausbildungsschwerpunkt bildet auch in diesem Fall der berufsbezogene Praxisunterricht. Nach dem Abschluss einer Berufsfachschule stehen den Absolventinnen und Absolventen zwei Wege frei: Sie können direkt in die Arbeitswelt einsteigen oder ein 4. Spezialisierungsjahr anhängen. Seit dem Schuljahr 2014/15 können Jugendliche, die das 4. Jahr mit einer positiven Abschlussprüfung bestanden haben, über ein Aufnahmeverfahren die 5. Klasse besuchen und so die Matura-Prüfung (Abitur) ablegen.
Meisterschule
Neben der regulären Unterrichtstätigkeit bietet die Brixner Berufsschule (in Zusammenarbeit mit dem Amt für Lehrlingswesen und Meisterausbildung) eine Vielzahl an Weiterbildungsmöglichkeiten und Umschulungslehrgängen an – dabei kommt der Meisterausbildung eine besondere Bedeutung zu. Der Weg zum Meister in Südtirol führt, mehrere Jahre dauernd, über berufsbegleitende Vorbereitungskurse und Prüfungen. Dabei muss das fachliche Können in Theorie und Praxis ebenso unter Beweis gestellt werden, wie das Wissen in Sachen Unternehmensführung und Ausbildung von Lehrlingen.
Die Meisterprüfung im Handwerk besteht aus vier Prüfungsteilen: Unternehmensführung, Berufspädagogik, Fachtheorie und Fachpraxis. Die Prüfungen richten sich nach dem jeweils gültigen Meisterprüfungsprogramm und können in beliebiger Reihenfolge abgelegt werden. Die Prüfungsteile Unternehmensführung, Fachtheorie und Fachpraxis sind in mehrere kleine Prüfungen, die sogenannten Modulprüfungen, unterteilt. (hf)