Um- und Innenausbau einer Scheune in Belgien

Geschickt gestapelt

Früher wurde hier die Mistgabel geschwungen, jetzt trifft man sich zum Meeting. Der Architekt Guiseppe Farris verwandelte einen alten Stall in ein modernes Büro. Der Clou: die XXL-Holzkonstruktion aus 40 recycelten Eichenbalken, die scheinbar spielerisch übereinander liegen. Katharina Ricklefs

I Der Bauherr, der auf dem Land lebt und in der Stadt arbeitet, wünschte sich auf seinem Anwesen ein Home-Office mit kleiner Bibliothek, um auch mal abends oder am Wochenende von zu Hause arbeiten zu können. Das einstmals landwirtschaftlich bewirtschaftete Gehöft aus dem frühen 19. Jahrhundert liegt in der belgischen Provinz Westflandern, umgeben von Feldern und Wiesen. Um Geschäftliches und Privates räumlich strikt voneinander zu trennen, fiel seine Wahl für das neue Büro auf ein zuletzt nicht mehrgenutztes Nebengebäude etwas abseits vom Haupthaus. Über 200 Jahre hatte der betagte Backsteinbau mit Satteldach vornehmlich als Stall und Scheune gedient. Als Architekt engagierte der Bauherr den Guiseppe Farris, der bereits drei Jahre zuvor mit dem stringenten Umbau eines Farm- in ein Wohnhaus sein Feingefühl im Umgang mit alten Gemäuern unter Beweis gestellt hatte. Der ursprünglich aus Italien stammende Architekt führt seit 2008 das Architekturbüro Studio Farris Architects in Antwerpen.

Alte Schale, neuer Kern
Die aus roten Backsteinen gemauerte Fassade wurde lediglich renoviert, sodass charmante Details wie die steile Hühnerleiter erhalten blieben. In starkem Kontrast zu der äußeren Erscheinung gestaltete der Architekt Guiseppe Farris den Innenraum. Hier erinnert nichts mehr an den einstigen Stall: das bis dato in kleine, einzelne Räume auf zwei Geschossen unterteilte Innere wurde bis unter den First entkernt und freigelegt, sodass ein einziger großer Raum entstand. Nach dem sogenannten Box-in-Box-Prinzip fügte der Architekt eine separate Konstruktion aus Sichtbeton ein, die die Grundform des Altbaus nachzeichnet. Die innere Hülle aus Beton wurde dabei durch eine Trennlage vom Backsteinmauerwerk und dem Boden entkoppelt, da das Mauerwerk und der Untergrund durch die jahrzehntelange Nutzung als Stall mit Sulfaten belastet waren. Sulfate können die Bausubstanz empfindlich angreifen und Schäden am Beton verursachen. Der bisherige Eingang an der Längsseite wurde beibehalten und mit einer Ganzglastür versehen. Eine bis dato schmale Türöffnung an der Giebelseite wurde zu einer großen Terrassentür mit einem Hebe-Schiebetürelement erweitert. Zusätzliche Fensteröffnungen an den Giebelseiten sowie vier großen Oberlichter im neuen Ziegeldach sorgen für reichlich Tageslichteinfall.
Holz-Recycling deluxe
Für einen Wow-Effekt sorgt jedoch der skulpturale Innenausbau, der auf den ersten Blick an eine XXL-Version des beliebten Geschicklichkeitsspiels Jenga erinnert. Mit der Konstruktion aus gestapelten Holzbalken, die zugleich Raumteiler, Möbelstück und Treppe ist, zoniert der Architekt Guiseppe Farris geschickt den Innenraum. Unten eine geschützte Besprechungsecke, oben auf der offenen Galerie zwei Arbeitsplätze, und die Vor- und Rücksprünge rundum dienen als Regale für eine kleine Bibliothek. Mit der offenen Galerieebene gelingt es dem Architekten die Grundfläche von 100 m² um etwa ein Drittel zu vergrößern. Die Holzkonstruktion besteht aus 40 recycelten Eichenbalken, die von einem im Vorfeld abgerissenen Anbau, in dem früher Heu gelagert wurde, stammen. Alle Balken weisen denselben Querschnitt von 35 auf 46 cm auf. Für den Innenausbau wurden die massiven Holzbalken nach der Demontage vor Ort gereinigt, abgehobelt und abschließend mit Öl behandelt. Der kürzeste Eichenbalken ist 70 cm lang, der längste misst stolze 5 m. Die Konstruktion besteht aus neun übereinander angeordneten Schichten, die über eingeschlitzte Stahlprofile unsichtbar miteinander verbunden sind. Die begehbare Skulptur ist selbsttragend. Wenn in Zukunft der Innenraum einmal anders genutzt werden sollte, kann sie einfach entfernt werden. Um ein angenehmes Schrittmaß zu erhalten, wurden die Trittstufen für die Treppe zur Galerie aus den massiven Balken ausgenommen. Die auskragende Galerieebene erhielt einen passenden Eichenholzboden, der mit einer Balkenlage aus sieben Kanthölzern unterspannt wurde. Die oberste, neunte Lage der Stapelkonstruktion, die als Einfassung und Absturzsicherung der Galerie dient, besteht nur auf den ersten Blick aus den massiven Balken. Vielmehr entwarf Guiseppe Farris als Stauraum Kabinettschränke mit Schiebetüren aus 10 mm starken, geölten Eichenholzbrettern, deren äußere Abmaße den Holzbalken entsprechen. Zwei mit schwarzem Linoleum bezogene Platten markieren die Arbeitsplätze. I

Die Autorin
Katharina Ricklefs schreibt als freie Journalistin über die Themen Architektur, Design und Bauwesen. Für BM verfasst sie regelmäßig Objektberichte zu schönen bis ungewöhnlichen Innenausbauten.

Objektbeteiligte

Architektur
Studio Farris Architects
2000 Antwerpen, Belgien
Innenausbau
N.V. Vooruitzicht
2000 Antwerpen, Belgien
Bauunternehmen
Art by Valens
1060 Brüssel, Belgien