Sanierung einer Kindertagesstätte mit Tagesschule in Bern

Wachgeküsst

1872 als Wohnhaus mit Werkstatt eines Schreinermeisters erbaut, nimmt ein historisches Handwerkerhaus mit Nebengebäude im Berner Lorrainequartier nach der umsichtigen Sanierung durch die Arbeitsgemeinschaft zweier Architekturbüros heute eine Kindertagesstätte mit Tagesschule auf.

Die Schweizer Landeshauptstadt Bern betreibt im hinteren Lorrainequartier, einem historischen Handwerkerviertel, in mehreren Häusern Kindertagesstätten. Die Gebäude Lorrainestraße 41 bis 49 sind als Ensemble denkmalpflegerisch geschützt und als erhaltenswert eingestuft. Schon seit mehreren Jahrzehnten nutzte die Stadt Bern die Gebäude als Standort für eine Kindertagesstätte und Tagesschule. 2009 musste das Gebäude Nr. 41 nach einem Wasserschaden geschlossen werden. Das Hochbauamt der Stadt Bern entschied sich, einen Wettbewerb mit Präqualifikation, das heißt mit ausgewählten Teilnehmern, auszuschreiben. Dabei wurde es den teilnehmenden Büros freigestellt, die Gebäude Nr. 41 und 45 zu sanieren oder zu ersetzen.

Aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst
Die Arbeitsgemeinschaft der Architekturbüros Feissli Gerber Liebendörfer und Freiluft gewann 2012 den Projektwettbewerb mit dem Projekt „Dornröschen“. Die beiden Gebäude Lorrainestr. 41 und 45 sollten erhalten bleiben, denn die Architekten überzeugten die Jury und die Bauherrschaft, an diesem besonderen Ort behutsam vorzugehen und für Kontinuität zu sorgen. Ein Neubau konnte dies ihrer Meinung nach nicht leisten. Die alten, heruntergekommenen Gebäude sollten deshalb aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst, sorgfältig umgebaut und wieder als Kindertagesstätte genutzt werden. Im größeren Haus fanden Baby- und Kindergruppe Platz, im kleineren die Jugendgruppe. Dass diese Nutzungen gut zu den vorhandenen, kleinteiligen Strukturen passen, war ein Glücksfall, der es unter anderem ermöglichte, den Charakter der Häuser und ihrer Umgebung zu erhalten.
Erhalten oder neu bauen?
Bei ersten Abbrucharbeiten kamen zum Teil aufwendig gearbeitete Täfer und Parkettböden zum Vorschein. Diese wurden unter Einbezug der städtischen Denkmalpflege durch die Antikschreinerei Büchi ausgebaut, aufgearbeitet und wieder eingebaut. Im ehemaligen Werkstattgeschoss genügte das Bestehende dem neuen Zweck jedoch nicht mehr. Es erhielt daher einen neuen Ausbau, der sich mit seinem roh belassenen Fichtenholz vom Wohngeschoss abhebt. Die Gebäudefassaden wurden von den zwischenzeitlich angebrachten Eternitschindeln befreit und tragen nun wie einst ein Holzschindelkleid. Wohngeschoss und Fassaden sind neu gestrichen, wobei man sich an vorgefundenen Farbresten orientierte. Das Dach wurde von den nachträglich aufgesetzten, störenden Dachgauben – sogenannten Lukarnen – befreit und mit Biberschwanzziegeln neu eingedeckt. Die nicht mehr vorhandenen Randabschlüsse mit Motiven des Schweizer Holzstils wurden mithilfe alter Pläne rekonstruiert.
Leider blieben während der Sanierung des auch negative Überraschungen nicht aus: Beim kleinen Nebengebäude musste viel verfaultes Konstruktionsholz und auf einer Gebäudeseite dazwischen gar die Fundamente ersetzt werden. Beim großen Haus wurde im unteren Geschoss nebst Hausschwamm ein alter Brunnen entdeckt, dessen Wasser neu abgeleitet werden musste.
Neue Anforderungen
Nebst der Pflege des Bestands galt es, die Häuser an die heutzutage geltenden Anforderungen und Normen bezüglich Energieverbrauch, Statik, Brandschutz oder Behindertengerechtigkeit anzupassen. So wurden die Ausfachungen des Fachwerks (Rieg) über weite Strecken entfernt und ausgeflockt, um bessere Dämmwerte zu erreichen. Die alten Fenster wurden durch neue mit Isolierverglasung ersetzt. Boden und Wände sind neu als statisch wirksame Platte ausgebildet, um eine größere Erdbebenbeständigkeit zu erreichen. Die Deckenverkleidungen wurden mit Blick auf eine bessere Raumakustik gelocht und hinterdämmt. Hinsichtlich eines wirksamen Brandschutzes erhielten beide Häuser eine Vollüberwachung, die ein schnelles Eingreifen der Feuerwehr ermöglicht.
Neues sensibel eingefügt
Besonderes Augenmerk legten die Architekten auf die Wertigkeit der Materialien und die Detailgestaltung mit speziell entwickelten Einrichtungsgegenständen. Vorhangstangen, Handläufe und Garderobenhaken bestehen aus einer gebogenen Metallstange, respektive einem gewickelten Draht. Sie verweisen – wie auch die diagonal verlegten Wand- und die sechseckigen Bodenfliesen in Bädern und Küchen – auf historische Vorbilder. Dazu sind zeitgenössische Leuchten als Objekt im Raum inszeniert und unterstützen dessen jeweiligen Charakter: in den ehemaligen Wohngeschossen als elegante Kunstglaslüster, im Werkstattgeschoss in Form handwerklich hergestellter Metallsterne. Als wiederkehrendes Motiv tritt ein Rautenmuster an Brüstungen, Verglasungen, Sitzmöbeln und Stützen in Erscheinung, um die unterschiedlichen Räume thematisch miteinander zu verbinden.
Feine Möbeldetails
Im Verlauf der Planung entschlossen sich die Architekten des Büros Freiluft um Martin Klopfenstein, auch das Mobiliar selbst zu entwerfen. Mit sozialtherapeutischen Werkstätten aus der Schweiz fand man Partner für Entwicklung, Herstellung und Vertrieb. Die Möbelserie umfasst Tische, Stühle und Regale, Schränke und Betten. Das Design orientiert sich mit seinen eleganten Schrägen und dem Quadratmotiv an modernen, zeitlosen Klassikern und nimmt das visuelle Grundthema des Innenausbaus auf. Der Kontrast der beiden verwendeten Holzarten Eiche und Esche verleiht den Objekten zusätzliche Dynamik und Leichtigkeit. (hf/Quelle: Freiluft)

Objektbeteiligte

Architektur
Freiluft Architekten GmbH
3011 Bern, Schweiz
www.freiluft.ch
Feissli Gerber Liebendörfer Architekten AG
3005 Bern, Schweiz
www.fglarch.ch
Schreinerarbeiten
Antikschreinerei Max Büchi
3018 Bern, Schweiz
www.antikschreinerei-buechi.ch
Remund Schreinerei
3150 Schwarzenburg, Schweiz
www.remund-holzbau.ch
Möbel
Kitaland GmbH
3113 Rubigen, Schweiz
www.kitaland.ch