BM-Serie „Ideen von Kollegen“

Weihnachtsgruß

Schreiben ist Denken mit dem Stift. Rudolf Zwinz drückt mit Briefen an seine Mitarbeiter Wertschätzung aus – und schafft damit einen außergewöhnlichen Jahresabschluss.

Autor: BM-Redakteurin Natalie Ruppricht
„Die besinnlichen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr haben schon manchen um die Besinnung gebracht.“ Mit diesem Zitat von J. Ringelnatz hat Schreinermeister Rudolf Zwinz letzten Winter ein Schreiben an seine Angestellten eingeläutet. Seit 20 Jahren nutzt er die stressige Weihnachtszeit für ein Innehalten und Zurückblicken: Jeder Mitarbeiter erhält vor dem Jahreswechsel einen persönlichen Brief. „Im Alltag geht so vieles unter“, findet der Stuttgarter. Er sei kein Briefeschreiber, kein großer Redner, „aber manches muss halt mal gesagt werden.“

Weil er eine Sauklaue habe, setzt Zwinz das Schreiben am PC auf. Einblicke in die betriebliche Entwicklung gibt er in der allgemeinen Einleitung. Die ist – wie auch der Schluss mit guten Wünschen fürs neue Jahr – für alle gleich. Im individuellen Mittelteil sagt er dann jedem Empfänger, was er an ihm schätzt und zählt Projekte auf, in denen er sich besonders engagiert und positiv hervorgetan hat. Doch auch Konflikte spricht der Geschäftsinhaber an. „Ich habe schon sehr kritische Briefe geschrieben.“ Schließlich gehe es ihm auch darum, einen Willen zu transportieren. Etwa so: „Wenn Du Dich weiterentwickeln oder eine Fortbildung machen willst: Tu’s einfach und steh dir nicht selbst im Weg.“ Das versucht er freundlich zu kommunizieren. Ob das wirklich ankommt, ist eine andere Frage. „Ich bin schließlich kein Schriftsteller.“
Eine Weihnachtsfeier gibt es im Betrieb übrigens nicht mehr. Stattdessen trifft man sich im Januar zum gemeinsamen Frühstück in einer Kneipe. Die Briefe werden am letzten Arbeitstag zum Abschied überreicht. Zwinz gibt zu: „Ich schreib sie immer auf den letzten Drücker.“ Und: „So schön Traditionen sind, sie haben auch Nachteile.“ Die Ansprüche seien hoch – vor allem seine eigenen. Je länger eine Beziehung, desto schwieriger das Schreiben: „Es soll sich ja nicht ständig wiederholen.“ Der Dezember ist jedenfalls nicht mehr weit …

Auf den Punkt gebracht: Festliches Zwischenzeugnis

3861348Inzwischen füllen sie mehrere Ordner: Rudolf Zwinz hebt all die Briefe an seine Mitarbeiter auf. „Ich lerne selbst viel beim Schreiben. Und es ist spannend, sie nach Jahren mal wieder zu lesen – wie eine Chronik oder ein Tagebuch.“ Dann erinnert er sich an die jeweiligen Wünsche und Hoffnungen zurück – und was sich daraus entwickelt hat. Selten kommt auch ein Brief zurück. Trotzdem merkt Zwinz, dass die Kollegen sich freuen. „Manche zeigen sie in der ganzen Familie herum.“ Er sei ein leiser Führer, der wenig Schranken setzt und seine Mitarbeiter laufen lässt. Zu Weihnachten bringt er relativ deutliche Worte zu Papier. „Auf gewisse Weise ist das vielleicht auch eine Art Zwischenzeugnis.“