Schreinerei Uebelhack: Elf Jahre betriebliches Gesundheitsmanagement im Kleinbetrieb

Bewegter Arbeitsantritt

Bei der Arbeit verbringt man mehr Zeit als mit dem Partner. Deswegen will Oliver Freymark, dass seine Mitarbeiter nicht nur gerne heim gehen, sondern auch gerne wiederkommen. Er investiert jeden Tag fünf Minuten in ihre Gesundheit und ein gutes Betriebsklima.

Autor: Natalie Ruppricht, BM-Redaktion
Es ist 7 Uhr an einem sonnigen Mittwochmorgen. Mit Sand gefüllte Wasserflaschen werden herumgereicht, jeder bekommt zwei Stück. Dann geht es los: Ein Schreinermeister, drei Gesellen, ein Auszubildender und eine BM-Redakteurin stehen breitbeinig im Halbkreis in der Werkstatt und stemmen die selbstgemachten Hanteln in die Höhe, zur Seite und nach vorne, beugen und strecken die Arme, gehen in die Knie, wippen, …

Gesunde Gehaltserhöhung
Der sportliche Meister heißt Oliver Freymark Er ist Inhaber der Schreinerei Uebelhack in Freiburg. Sein Fünf-Mann-Betrieb ist im individuellen Möbelbau tätig, bietet Fenster und Türen an. Seit über zehn Jahren macht der 48-Jährige mit seinen Mitarbeitern jeden Tag vor Arbeitsbeginn fünf Minuten lang Gymnastik. Montags, donnerstags und freitags steht das Theraband mit verschiedenen Übungen auf dem Programm. An Dienstagen wird mit Stäben trainiert, mittwochs mit besagten Hanteln. Das Training ist Bestandteil des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM), das Freymark mit Unterstützung seiner Krankenkasse, der IKK classic, im Jahr 2003 eingeführt hat.
„Waren Ihre Mitarbeiter nicht skeptisch?“, will ich wissen. Ich finde die Sache toll, aber man kommt sich anfangs doch ein wenig komisch vor. Gymnastik mit den Kollegen? In der Werkstatt? Freymark belehrt mich eines Besseren. „Die waren sofort begeistert“, sagt er. Laurenz Spiegelhalter, der Gesundheitsberater der IKK, habe sie „auf dem richtigen Fuß erwischt“. Außerdem hatte der Freigeist die Schreinerei erst 2000 übernommen, noch herrschte Aufbruchsstimmung. Es war ihm auch gelungen, das Rauchen in der Werkstatt abzuschaffen. Sein Vorgänger habe jahrelang vergeblich darum gekämpft, dieses Verbot durchzusetzen. Ein Mitarbeiter freute sich Wochen später: „Das ist wie eine Gehaltserhöhung!“
Ein starker Rücken kann auch entzücken
Und so ließ sich Freymarks Team vom Berater der IKK motivieren, der den Nutzen täglicher Gymnastik anschaulich darstellte. Bei vielen Handwerkern seien Arme, Brust- und Bauchmuskeln gut trainiert, erklärte er, der Rücken dagegen sei häufig zu schwach. Er kam in den Betrieb, brachte Bänder und Stäbe mit und stellte die Übungen vor, die dieses Ungleichgewicht ausgleichen sollen. Anfangs besuchte er die Schreiner sehr regelmäßig, um Haltung und Ausführung zu überprüfen. Heute schaut seine Kollegin Katja Keller-Landvogt, die den Betrieb inzwischen betreut, immer wieder vorbei und stellt neue Übungen vor.
Mir erscheinen fünf Minuten Bewegung zunächst wenig. Aber es ist besser als nichts, oder? Spiegelhalter erklärt, dass es vor allem darum gehe, Denkanstöße zu geben und Verhaltensweisen zu ändern. „Die Leute in den Betrieben denken immer, wenn wir kommen, müssen sie ganz viel Sport machen.“ Mit ihrem Projekt wolle die IKK classic aber vielmehr erreichen, dass die Menschen sich bewusster bewegen. Sie will vermitteln, dass Bewegung wichtig ist, dass sie Spaß macht und gut tut. „Wenn die Mitarbeiter dann auch privat mal das Fahrrad nehmen anstatt mit dem Auto zum Supermarkt zu fahren, haben wir schon einiges erreicht.“
Organisieren und Stimmung schnuppern
Die Gesellen Andreas Schleife (44), Emmanuel Vonthron (46) und Markus Hummel (29) fühlen sich nach der morgendlichen Gymnastik jedenfalls gut. Und ihr Azubi Felix Neidhart (22) findet, dass sie den Kreislauf in Schwung bringt.
Für Freymark hat der gemeinsame Start in den Tag noch einen praktischen Nebeneffekt: „Früher haben die Männer sofort angefangen zu arbeiten, sobald sie da waren. Das ist zwar löblich, aber keiner wusste so recht, was der andere tut. Und für mich war es ein Gerenne, bis ich jedem Einzelnen erzählt hatte, was ansteht.“ Heute schließt sich an den Sport eine kurze Teambesprechung an, in der die Aufgaben des Tages durchgegangen werden. So sind immer alle auf demselben Wissensstand. In dieser Runde haben die Mitarbeiter außerdem regelmäßig Gelegenheit, Kritik zu üben. „Ich mach ja auch nicht alles richtig“, gibt der Chef zu. Es wird zudem Organisatorisches besprochen: Zahnarzttermine, Urlaubswünsche, anstehende Reparaturen. Und alle können „Stimmung schnuppern“: Wie sind die anderen drauf? Wie geht es dem Chef?
Weniger Stress für mehr Wohlbefinden
Das betriebliche Gesundheitsmanagement umfasst aber mehr als die tägliche Rückenschule – denn Gesundheit hängt nicht nur vom körperlichen Wohlbefinden ab, sondern auch von der psychischen Verfassung. „Stress macht krank“, erklärt Freymark. Er verursache Verspannungen und sogar Magengeschwüre. „Meine Mitarbeiter sollen in Ruhe arbeiten können. Ich als Chef muss entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.“
Deshalb gehört zum Angebot der IKK auch ein „Gesundheitszirkel“. Ziel dieser Maßnahme ist es, positive Faktoren und Belastungen bei der Arbeit zu identifizieren und zu analysieren. Anschließend sollen Wege erarbeitet werden, die Positives verstärken und Belastungen reduzieren. Keller-Landvogt hat mit dem Team der Schreinerei Uebelhack an drei Terminen erörtert, was gut läuft und wo Verbesserungspotenziale liegen. Beim vierten Gespräch war dann auch das Ehepaar Freymark dabei. Die Mitarbeiter haben ihre Vorschläge präsentiert, anschließend wurde von allen gemeinsam ein konkreter Maßnahmenplan erstellt.
Freiheiten schaffen Zufriedenheit
„Das hat unglaublich viel in Bewegung gesetzt“, resümiert der Betriebsinhaber. Allen Beteiligten sei klar geworden, wie viel Positives es gibt. Die negativen Faktoren wurden endlich thematisiert. „Wenn man mal drüber redet, tut sich die Lösung oft von selbst auf“, so Freymark weiter. Im Lauf der Zeit hat sich eine Unternehmenskultur der ständigen Verbesserungen entwickelt. Der gesundheitsbewusste Meister lässt seinen Gesellen viel Gestaltungsspielraum. „Mach doch“, sagt er meistens, wenn sie Ideen haben, wie man das Lager oder die Arbeitsorganisation effizienter gestalten kann. Er zeigt ihnen damit, dass er sie respektiert und ihre Arbeit schätzt.
Interessenkonflikte werden heute benannt und ausdiskutiert, z. B. wenn es ums Geld, die Urlaubsplanung oder Arbeitszeiten geht. Diese Aussprachen tragen zur Entspannung bei, reduzieren den Stress auf allen Seiten, motivieren und fördern zudem Gesundheit und Zufriedenheit, so Freymark. „Der Charme im Kleinbetrieb sind doch flache Hierarchien und kurze Wege. Das sollte man für ein gutes Klima ausnutzen“, findet er.
Betriebswirtschaftlich gesehen sei das BGM ein Nullsummenspiel: „Die Gymnastik dauert hochgerechnet etwa 60 Stunden im Jahr.“ Das sei billiger, als wenn ein Mitarbeiter mit einem Bandscheibenvorfall oder Burn-out drei Wochen lang ausfällt. Der Gewinn an Lebensqualität hingegen sei enorm. Hinzu kommt, dass die sportlichen Schreiner hochmotiviert und meistens gut drauf sind. Eine ältere Kundin, die vor der Fenstermontage etwas nervös ob des anstehenden Trubels war, bemerkte im Nachhinein: „Ich bin froh, dass jetzt alles fertig ist – aber die gute Laune Ihrer Leute wird mir schon fehlen.“ Für Freymark ist das die beste Werbung.
Schreinerei Uebelhack
79115 Freiburg im Breisgau
www.schreinerei-uebelhack.de

Das Angebot der IKK classic: Bewegen Sie Ihre Mitarbeiter
Die IKK classic unterstützt auch Sie beim betrieblichen Gesundheitsmanagement – und das völlig kostenlos. Mitglieder erhalten sogar einen Bonus: Für jeden Mitarbeiter, der bei der Kasse versichert ist und am Programm teilnimmt, gehen 50 Euro an den Arbeitnehmer und 50 Euro an den Arbeitgeber. Das Angebot richtet sich vor allem an kleine Handwerksbetriebe und wird individuell auf Ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten zugeschnitten.

Einfach bemerkenswert: Der Mensch im Mittelpunkt

Seit elf Jahren ist die Schreinerei Uebelhack in Bewegung. Dazu ist Konsequenz und Entschlossenheit notwendig, aber auch ein „bewegter Geist“. Schreinermeister Oliver Freymark sieht den Menschen, nicht das Betriebsmittel. Er lässt sich auf die Stärken und Schwächen seiner Mitarbeiter ein, kennt aber auch die eigenen Grenzen. Ich finde das bemerkenswert und wünsche Ihnen, liebe BM-Leser, auch einen so sportlichen Chef mit Weitblick.

Die BM-Serie im Überblick: Facetten der Nachhaltigkeit
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie.
Darin geht BM der Frage nach, wie nachhaltiges Handeln in der Schreinerei aussehen kann. Im Fokus steht insbesondere die praktische Relevanz des wenig greifbaren Begriffes der Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk.
Die Hauptbeiträge im Einzelnen:

Die Praxisbeispiele: