Kreatives Glasdesign aus Schreinerhand

Holz und Glas – eine reizvolle Symbiose

Immer mehr Schreiner setzen auf den Werkstoff Glas. Es gibt unzählige Möglichkeiten und Veredelungstechniken, um das transparente Material im Innenausbau gekonnt in Szene zu setzen. Lesen Sie, wie die Schreinerei Helm Design genau das macht und welche Neuheiten der Markt dafür bietet. Rainer Hardtke

I Seit über 2000 Jahren verarbeitet der Mensch Glas. Grund genug anzunehmen, diesen Werkstoff durch und durch zu kennen. Doch weit gefehlt. Versuche mit neuartigen Werkstoffen oder Werkstoff-Kombinationen sowie neue Entwicklungen in der Elektronik beeinflussen auch das Glas. Es erhält zusätzliche Eigenschaften, wird funktionaler, lässt sich anders verarbeiten oder kann sogar für Stimmungen sorgen. Argumente, die Architekten und Planer überzeugen, mehr Glas in der Innenraumgestaltung einzusetzen: in Möbeln, als Möbel, als Wandverkleidungen, Geländer und Brüstungen oder Treppen.

Steigt seit Jahren der Einsatz von Glas in der Außenhülle des Gebäudes, zeigt sich dieser Trend nun auch im Innenraum. „Anwendungen im Innenbereich sind von stetig steigender Bedeutung für den Glasmarkt. Etwa die Hälfte der in Deutschland verkauften Menge an Einscheiben-Sicherheitsglas und fast ein Viertel des Verbund-Sicherheitsglases gehen nach unseren Zahlen in den Innenausbau“, erklärt Jochen Grönegräs, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Flachglas.
Vielfalt und Einsatz von Interieurgläsern
Glas als solitäre Lösung oder in Kombination mit Holz oder Stein lässt reizvolle Symbiosen von Farbe, Struktur und Oberfläche zu. Warmes Holz trifft auf kühles Glas oder wird von diesem eingefasst wie ein Schmuckstück. Zusätzlich kann Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG) oder Verbund-Sicherheitsglas (VSG, mit einer innen liegenden Folie) vielfältig oberflächenbehandelt und der gewünschten Raumstimmung angepasst werden. So kann die Glasfläche bspw. sandgestrahlt werden, um matte Oberflächen zu erzielen.
Bei VSG lässt sich zudem farbige Folie integrieren, die gerade mit schwarzen oder weißen Folien starke Kontraste setzen kann. Im Ladenbau besonders zu beobachten sind farbige Folien, um optische Trennungen zwischen unterschiedlichen Verkaufsbereichen zu erhalten oder einfach um farbliche Akzente zu setzen. Um Kontraste oder farbliche Akzente abzustufen, lässt sich Glas unterschiedlich lackieren, durchfärben oder bedrucken. Sieb- und Digitaldruck bieten nahezu unbegrenzte Möglichkeiten. Mittels UV-Verklebungen lassen sich aus den einzelnen Glasflächen sogar Wände oder Möbel bauen, die den Ladenbau um eine dekorative Variante erweitern.
Zusätzliche Funktionalitäten erhält das Glas durch die Hilfe von Strom, speziellen Beschichtungen oder in Kombination mit Gasen (gasochrome Gläser, die sich färben). Am bekanntesten dürfte die elektrochrome Verglasung sein, bei der schwache elektrische Spannungsimpulse die Licht- und Wärmedurchlässigkeit des Glases über eine Tönung regeln. Schaltbare Gläser lassen sich auf Knopfdruck von undurchsichtig zu durchsichtig schalten, um z. B. Besprechungsräume vor neugierigen Blicken zu schützen. Oder sensitive Oberflächen – Touchscreens –, über die sich Funktionen im Raum steuern lassen.
Schreinerei Helm Design zeigt, wie es geht
„Wichtig ist ein kompetenter Partner, der zu einem passt, nicht irgendeine Glaserei“, sagt Daniel Helm, selbst Schreiner und Inhaber von Helm Design. Helm nahm den klassischen Weg – über eine Schreinerlehre zum Meister –, beschäftigte sich aber schon früh mit eigenen Entwürfen. Heute setzt er in seiner Schreinerei etwa 10 bis 15 % transparente Materialien ein: Glas oder Acrylglas. Diese werden nicht nur in Möbel eingearbeitet, sondern auch als Raumteiler oder Schiebewände eingesetzt sowie als Fliesenspiegel in Küchen. „Hier setze ich absolut auf Glas oder Acryl. Nur noch 5 % meiner Küchenspiegel sind heute wirklich Fliesen“, sagt Daniel Helm.
Aktuelles Projekt ist eine zweigeschossige Wohnung in Köln direkt am Rhein. Hier wollte der Eigentümer zunächst Stoff im Wohnbereich einsetzen, um die Hi-Fi-Anlage diskret zu verstecken, aber dennoch funktionsfähig zu halten. Helm empfahl Glas und das gefiel auf Anhieb. Nun gibt ein Schrank durch eine weiß eingefasste (lackierte) Scheibe den Blick frei auf die exklusive Musikanlage und lässt auch im geschlossenen Zustand die Signale der Fernbedienung passieren. „Ich war schon immer an unterschiedlichen Materialien und deren Kombinationen interessiert. Pro Jahr besuche ich etwa fünf Messen und hole mir dort Anregungen. Mein Empfinden scheint bei den Kunden gut anzukommen“, erklärt Helm. Entweder darf er bei den Entwürfen schon früh mitreden oder macht sie gleich selbst. Dafür hat er schon vor Jahren ein zweite Firma gegründet – Helm Design. Hier arbeitet er mit zwei Freelancern (Innenarchitekt und Zeichner) und ist voll in seinem Element: „Schöne Materialien, schönes Design – hier kann ich mit einer eigenen Möbelmarke mein Hobby zum Beruf machen“, so Helm.
Angefangen hat diese Leidenschaft mit dem Bau von Möbeln für eine Messe. Dort wurden hinter Spiegeln Bildschirme installiert, die im eingeschalteten Zustand durch die Spiegel sichtbar waren. Wurden die Bildschirme ausgeschaltet, war nur der Spiegel sichtbar. „Das hat mein Blick für Transparenz geschärft. Beeindruckt haben mich die Lösungen von Ad Notam Hidden Technologies, wenn man z. B. Musikvideos übers Handy per Bluetooth auf den Badezimmerspiegel streamt – einfach Wahnsinn“, schwärmt Helm.
In der Möbelmanufaktur (der früheren Schreinerei) beschäftigt er aktuell neun Mitarbeiter. Hochwertige Maschinen, wie z. B. eine liegende Plattensäge von Holzma, eine Ott-Kantenleimmaschine mit Nullfuge oder eine CNC-Fräse von Weeke sind auf 1000 m² Fläche so angeordnet, dass ein effizienter Werkstückdurchfluss gewährleistet ist. Ein großzügiger Showroom zeigt abgeschlossene Projekte, Materialmuster oder Produktbeispiele.
Schreinereien müssen sich verändern
„Herr Helm ist besonderen Lösungen gegenüber immer aufgeschlossen“, sagt Patrick Schüddig, Geschäftsführer von Schwan Glas in Köln, der schon einige Projekte mit Helm Design abgewickelt hat. Zwar sei Helm Design nicht mehr der typische Schreinerbetrieb, aber auch die Schreiner veränderten sich – wie die Glasereien. Eine Glaserei, die zukunftsfähig aufgestellt sein möchte, müsse sich veränderten Marktgegebenheiten anpassen und die Kooperation mit anderen Gewerken suchen, so bspw. auch mit Schreinereien, meint Schüddig.
Schwan Glas selbst sieht sich als regionaler Partner rund um das Thema Glas und dessen Verarbeitung: laminierte Scheiben mit unterschiedlichen Aufbauten und Folienarten, kreative Raumkonzepte mit sandgestrahlten, bedruckten oder lackierten Oberflächen sowie schaltbares Glas. Laut Schüdding liegt der Trend bei farbigem Glas. Der Digitaldruck ist noch im Wachstum. Absoluter Renner ist zurzeit die Farbe Grau. Etwas zurückgegangen sind matt lackierte Oberflächen.
„Wir stehen in engem Kontakt zum Kunden, den weiterverarbeitenden Handwerksbetrieben. Die enge Kooperation der Marktpartner und der Blick über den eigenen Tellerrand machen meines Erachtens den zukünftigen Geschäftserfolg aus. Wer dem nicht folgt, bleibt über kurz oder lang zurück“, ist Patrick Schüddig überzeugt. I

Der Autor

Rainer Hardtke beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit den Werkstoffen Glas und Kunststoff. Dabei ist er immer wieder überrascht, wie viel Entwicklungspotenzial in beiden Werkstoffen zu finden ist – und in deren Kombinationen.