Johannes Schneck baut Einzelstücke im Industrial Chic

So sperrig wie seine Möbel

Mit der Unikate-Werkstatt Stuttgart hat sich der Schreiner und Innenarchitekt Johannes Schneck einen Traum erfüllt. Kreativität, die im Rahmen bleibt, ist ihm zu wenig. Er arbeitet so lange an seinen skurrilen Möbeln, bis das Ergebnis für ihn absolut stimmig ist.

Jens Gieseler

Antike Treppenstufen bilden die Tischplatte. Die Füße erinnern an knorrige Äste – nur dass sie aus rostigem Metall bestehen. Die Möbel der Unikate-Werkstatt Stuttgart wirken sperrig, stachelig und im ersten Moment unnahbar. Sie trotzen dem Trend platzsparender Nützlichkeit: Jeder Einrichtungsgegenstand, der die Werkbank des Einmannbetriebs verlässt, besitzt einen individuellen Charakter und fordert seinen Raum.

Nicht zeitgemäß, dafür zukunftsweisend

Selbst die Materialien, mit denen Johannes Schneck arbeitet, wirken wie aus der Zeit gefallen: Gusseiserne Bodenelemente, surreal anmutende Baumpilze, altes Lederzeug oder Keramik von abgebauten Strommasten – allesamt Abfallprodukte der Warengesellschaft. Sie stammen aus einer weniger schnelllebigen Zeit, als die Dinge noch einen Wert hatten, produziert wurden, um zu halten. Schneck spürt diese ausrangierten Überbleibsel auf und erschafft neue Gebrauchsgegenstände, die genauso eigen und unangepasst daherkommen wie ihr Erschaffer. „Meine Kreationen sind ein Gegenentwurf zur kurzlebigen und seelenlosen Massenware der großen Möbelhäuser“, erklärt der Schreiner und Ingenieur selbstbewusst.

Maßgeschneiderte Raumlösungen

Deshalb bietet der Querdenker seinen Kunden auf sie zugeschnittene Unikate und Inneneinrichtungen im individuellen Design. Besonders stolz ist er auf ein Homeoffice, das er kürzlich entworfen hat: Jedes Detail stimmte er genau auf die Arbeitsgewohnheiten der Auftraggeberin ab – von der optimalen Höhe und Tiefe der Arbeitsplatte bis hin zur Kabelführung für Computer, Telefon und Drucker. Für dieses Büro in einer nüchternen Neubauwohnung entwarf er eine wilde, organisch wirkende Inneneinrichtung, die die Bürozelle weicher wirken lässt. Die geschwungenen Formen von Arbeitsfläche und Regalböden kontrastieren die Geradlinigkeit des Raumes. Das archaisch wirkende Tragsystem aus rostigen Stahlteilen trägt Regalböden, die durch schuppenförmig aufgebrachte Schuhsohlen an Fischbäuche erinnern. Die Arbeitsplatte fertigte er aus alten Kistenbrettern aus Übersee, die dem Möbel mit ihren Aufdrucken in fremden Sprachen einen mystischen Touch verleihen.

Das Spiel mit dem religiösen Element

Ein echter Hingucker: Der Rollcontainer mit dem Marienbild als Tür. Immer wieder tauchen Heiligenbilder oder Kruzifixe in Schnecks Konstruktionen auf. „Mich fasziniert die gespeicherte Geschichte solcher Devotionalien. So viele Betrachter haben vor diesen Kunstwerken gebetet und ihre persönlichen Ängste und Hoffnungen damit verknüpft“, erklärt der Schwabe sein Faible für das Religiöse. Das Möbel bekomme dadurch einen „transzendenten Mehrwert“ und eine besondere „Schrägheit“, so seine Intention. Seine Arbeit mit katholischer Ikonographie sei seine Art, auf distanzierte und abstrahierte Art an den Glauben seiner Eltern und Verwandtschaft anzudocken.

In den Fußstapfen des Vaters

Immer wieder entdeckt er in seinen Arbeiten sich und das Verhältnis zu seiner Familie neu. Dass er einmal in die Fußstapfen seines Vaters, einem gelernten Schmied und besessenen Bastler, treten könnte, hätte der Stuttgarter nie gedacht. „Die schmutzigen Arbeitshosen meines Vaters fand ich als Jugendlicher peinlich. Ich wollte lieber Anzüge tragen“, erinnert sich Schneck, der nach der Schule eine Lehre zum Bankkaufmann absolvierte. Doch die Schreibtischwelt entpuppt sich für ihn als zu steril. Darum wechselte er schließlich ins Handwerk, ließ sich zum Schreiner ausbilden, um nicht wie der Vater mit Metall zu arbeiten. „Es ist seltsam: Heute verwende ich gerne geschmiedetes Eisen“, berichtet Schneck. Bei seinem unkonventionellen Arbeiten greift er dann und wann auf die Spezialwerkzeuge seines verstorbenen Vaters zurück, wenn keines der anderen Werkzeuge den gewünschten Effekt bringt: „Das fühlt sich dann wie ein verspätetes Geschenk meines Vaters an.“

Der Weg zur Selbstständigkeit

Nach sieben Gesellenjahren folgten ein Studium zum Innenarchitekt und eine bewegte Karriere innerhalb der Branche. Als Diplom-Ingenieur plante Schneck die Innenräume in Berufsschulzentren sowie Ladenflächen von Bio-Supermärkten, entwarf exklusive Inneneinrichtungen für die High Society und richtete exzentrische Räume für die Erlebnisgastronomie ein. Doch in den verschiedenen Büros stieß er immer wieder an Grenzen. „Meine Arbeitgeber verlangten Kreativität, die im Rahmen blieb. Das war mir zu wenig“, fasst der Stuttgarter diese Zeit zusammen. So machte er sich schließlich selbstständig und sanierte mehr als zehn Jahre bundesweit Wohnungen. Als sein eigener Boss bestimmte er seine Arbeitsprozesse selbst, doch die kreative Erfüllung fehlte weiterhin.

Die Passion zum Beruf gemacht

Mit der Unikate-Werkstatt erfüllt Schneck sich seinen Traum, macht seine Passion zum Beruf. Die Ansprüche, die er an sich und seine Auftraggeber stellt, sind nicht alltäglich: „Kunden müssen bereit sein, sich mit mir auf den Schaffensprozess einzulassen“. Das erfordere Mut, Offenheit und auch Zeit: „Ich arbeite so lange an meinen Möbeln, bis ich sicher bin, dass das Ergebnis absolut stimmig ist.“ Das könne dann auch mal zwei oder drei Monate dauern. Jeden Auftrag bearbeitet er individuell, das Ergebnis ist stets ein Unikat. Inspiriert wird er dabei von den Wünschen und den Räumen seiner Kunden sowie seinem reichhaltigen Fundus an verschiedensten Materialien. Eine Kopie anzufertigen sei für ihn daher unmöglich.

www.unikate-werkstatt-stuttgart.de


Der Autor

Jens Gieseler macht Pressearbeit und Unternehmenskommunikation für kleine und mittelständische Betriebe. Als freier Journalist ist er spezialisiert auf Personal- und Managementthemen.