WorldSkills 2011 in London

„Wir sind Weltmeister!“

„Wir sind Papst!“ titelte eine große deutsche Boulevardzeitung nach der Wahl von Papst Benedikt überschwänglich und in kollektiver Freude. Unter den Schreinern und Tischlern durften sich im Herbst 2011 zwei ganz besonders freuen: Richard Martin Schauer und Erik Brandenburg gehören zu den besten Schreinern der Welt, denn sie waren bei den WorldSkills in London sehr erfolgreich.

WorldSkills ist der weltweit größte Leistungsvergleich in knapp 50 Berufsdisziplinen. Bis Anfang 1990 hieß die Veranstaltung Internationaler Berufswettbewerb, aber bis heute spricht man auch oft von der Berufsolympiade oder Berufsweltmeisterschaft. Die WorldSkills finden alle zwei Jahre in einem anderen Land statt. Zuletzt 2009 in Calgary / Kanada und im Herbst 2011 in London. 2013 wird der Wettbewerb das erste Mal nach 40 Jahren in Deutschland ausgetragen – in Leipzig. Bei den WorldSkills kommen aus rund 50 Ländern jeweils die Besten in ihren Berufen aus Industrie, Handwerk und dem Dienstleistungsbereich zusammen. Während des Wettbewerbes wetteifern die Teilnehmer um Titel und Medaillen. Ziel des Wettbewerbs ist es, international die Qualifikationen in den Berufen zu standardisieren und für die Fähigkeiten in den Ausbildungsberufen zu werben. Außerdem soll diese Plattform auch jungen Menschen weltweit helfen, zu sehen, welche Vielfalt und welche Möglichkeiten es in den Ausbildungsberufen gibt. Es ist quasi eine Initiative, die das Interesse an den beruflichen Ausbildung wecken soll.

WorldSkills 2011 in London
Anfang Oktober begrüßten die britischen Gastgeber die Teilnehmer, Trainer, Begleiter und Fans zum Auftakt der 41. WorldSkills mit einem farbenfrohen und kunstvollen Spektakel in der O2-Arena. Der Vizepräsident von Großbritannien, Nick Clegg, leitete die Eröffnungszeremonie mit den Worten ein: „Ihr haltet mit Euren Fähigkeiten die Chance auf eine bessere Welt in Euren Händen.“
Der Wettkampf startete am 5. Oktober 2011 auf dem ExCel-Messegelände in London. Die Teilnehmer mussten über vier Tage hinweg ihr Bestes geben, um vorne mitzuspielen. Insgesamt waren dieses Mal Teilnehmer aus 51 Ländern in 46 unterschiedlichen Berufsdisziplinen am Start. Aus Deutschland kamen 26 Wettkämpfer, eine Frau und 25 Männer, um in 23 Berufsdisziplinen anzutreten. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förderte die Teilnahme des WorldSkills Germany-Teams in London.
Im Bereich Tischler- bzw. Schreinerhandwerk wird in zwei Berufsdisziplinen unterschieden, den Bau- und den Möbelschreiner. In beiden Kategorien waren die deutschen Teilnehmer ziemlich erfolgreich, denn der Möbelschreiner Richard Martin Schauer aus Rohrdorf in Bayern konnte als einziger deutscher Teilnehmer eine Goldmedaille mit nach Hause nehmen und erhielt dadurch eine weitere Medaille „Best of nation“. In der Disziplin Bauschreiner erreichte Erik Brandenburg aus Löwenberger Land in Brandenburg den sechsten Platz und bekam zusätzlich für besonders gute Leistungen die „Medallion for Excellence“.
Strenger Vorentscheid
Die Qualifizierung ist von Land zu Land unterschiedlich. Grundsätzlich gilt, dass die Teilnehmer als die besten in ihrer jeweiligen Berufsdisziplin gelten und im Wettbewerbsjahr nicht älter als 22 Jahre sein dürfen. In Deutschland qualifizieren sich die Teilnehmer in den beiden Schreinerbereichen zunächst in Leistungswettbewerben auf Landesebene und dann auf Bundesebene.
Anfang November 2011 richtete der Bundesverband Tischler Schreiner Deutschland im Tischler- und Bildungszentrum der Schreinerinnung Gütersloh (Nordrhein-Westfalen) den Praktischen Leistungswettbewerb für das Tischler- und Schreinerhandwerk aus. Dort wurde unter den Siegern der 13 Landeswettbewerbe aus dem gesamten Bundesgebiet der Deutsche Meister 2011 gekürt: Christian Kemmerer aus Hessen ist damit einer der beiden deutschen Schreinerteilnehmer für Leipzig 2013. Der andere Schreinerkandidat für Deutschland wird Ende 2012 gekürt.
Für die intensive Vorbereitung stellt der Bundesverband Tischler Schreiner Deutschland den beiden Junggesellen seit Jahren mit Walter Langenmair (Möbeltischler) und Richard Schauer (Bautischler) zwei erfahrene Trainer zur Seite.
Herausragendes Talent, Fleiß und Ehrgeiz sind Bedingung und Voraussetzungen für die Teilnahme an den WorldSkills. „Damit sich diese Eigenschaften in zählbare Erfolge umsetzen lassen, bedarf es nicht durchschnittlicher, sondern Werkzeuge höchster Qualität, auf die man sich verlassen kann“, so Trainer Langenmair.
Stehen die beiden Kandidaten fest, beginnt die Arbeit für die beiden Trainer. Seit Jahren nehmen die beiden die deutschen Schreinerkandidaten blockweise für die verbleibende Zeit bis zum Wettkampf unter ihre Fittiche und üben die unterschiedlichsten Verbindungsarten, die rationellsten Arbeitsabläufe und geben auf diesem Wege ihre jahrzentelange Erfahrung in diesen Wettbewerben weiter.
Vier Tage voller Anspannung
Kurz nach dem Startschuss begann ein hektisches Treiben unter den Teilnehmern. Bereits da zeigte sich schon, wer in der Vorbereitungsphase seinen Arbeitsplatz optimal eingerichtet hatte, denn alle Teilnehmer hatten dieselbe Fläche zur Verfügung. Im Tischlerhandwerk mussten die Teilnehmer ihre eigene Ausstattung wie Handwerkzeug, Handmaschinen und diverse Hilfsmittel mitbringen. Nur die Stationärmaschinen wurden von der Organisation bereitgestellt. Besondere Eyecatcher an Handwerkszeug gab es immer wieder bei den asiatischen Teilnehmern.
Nach kurzer Zeit waren die Kandidaten in „ihrer Welt“ versunken, erstellten Brettrisse, machten erste Aufrisse auf die Werkstücke, zeichneten alle Teile mit Bedacht und kontrollierten alles mehrfach. Ein falsch bearbeitetes Werkstück oder ein Ersatzholz kostete Fehlerpunkte und wertvolle Zeit. Schon nach kurzer Zeit begann der Wettlauf gegen die Zeit. Man spürte förmlich die Anspannung und den Stress der Kandidaten – beim einen mehr und beim anderen weniger.
Dann begann die Phase der Umsetzung. Aus hauchdünnen Bleistiftstrichen wurden exakte Sägeschnitte und aus zweidimensionalen Rissen wurden räumliche Körper. Erste Verbindungen entstanden, die auch dem nicht geübten Beobachter eine Vorstellung der Komplexität der Arbeitsschritte gaben.
Zwischendurch ertönte ein lautes Hupsignal, das Zeichen für eine kurze Unterbrechung. Die Pausenzeiten sind bei den WorldSkills streng geregelt und bindend für alle. So durfte niemand weiterarbeiten, denn es ging ja schließlich auch um Zeit und Chancengleichheit. Weder in der Pause noch während des Wettkampfes durften die Kandidaten mit ihrem Trainer über das Werkstück sprechen.
Das Signal ertönte erneut, alle Kandidaten gehen im Laufschritt an die Arbeitsplätze und so mancher schaute nebenbei, wie weit die anderen sind. Es galt, den perfekten Ablauf zu planen, freie Minuten an den Stationärmaschinen richtig zu timen, Holzverbindungen zeitgerecht zu leimen, um sie genügend gespannt zu lassen und ein Lösen der Holzverbindungen beim Schleifen zu vermeiden. Mit jeder Stunde und jedem Tag wurde für den Besucher leichter ersichtlich, wofür die einzelnen Holzteilen waren, denn die ersten Werkstücke nahmen Gestalt an. Auch zu diesem Moment war das Bewahren der Nervenstärke angesagt, denn manche Kandidaten waren schon kurz vor dem Abschluss.
Die beiden deutschen Tischlerkandidaten bewiesen bis zum Schluss ihre Nervenstärke. Besucher, Familienangehörige und Fans fieberten regelrecht bis zur letzten Sekunde mit: Bei allem hektischen Treiben im gesamten Schreinerbereich, den schnellen Bewegungen, dem Wechsel der Werkezeuge, dann noch schnell eine Schraube am Beschlag eindrehen und schnell noch nachschleifen.
Mit höchster Konzentration
In den letzten Minuten sah man förmlich die Gedankenblasen: „Passt die Schublade, läuft sie leicht oder kann ich noch etwas verbessern? Wie ist es mit den Maßen? Passen alle? Oder muss ich noch was abnehmen? Ist mein Nebenmann schon fertig? Warum hat er bereits die Türchen im Schrank und ich nicht?“ Dann steckten sich der Jobmaster – die Bezeichnung für den Verantwortlichen der jeweiligen Disziplin – und die Experten die Köpfe zusammen und beratschlagten sich auch mit den jeweiligen Trainern.
Die finalen Minuten des Wettbewerbs standen an. Dann zeigten sich die Jobmaster mit Schautafeln – mit der Restlaufzeit versehen – bei den schwitzenden, jungen Handwerkern aus aller Welt. Erneut ein Adrenalinstoß und alles wurde noch hektischer. Die letzten Sekunden standen an, der Jobmaster zählte mit seinen Experten von zehn rückwärts auf null. Das nach vier Tagen harter Arbeit gefürchtete und ersehnte Signal ertönte zum Abschluss. Es war geschafft und die Anspannung wich in Emotionen, Händeschütteln, Umarmungen der Kandidaten und deren Experten. Gemeinsam schauten sie das Werkstück an und erstmals durften sie darüber sprechen.
In diesem Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Die Familienangehörigen schwenkten Fahnen und riefen die Namen der Kandidaten. Und dann noch eine schöne Geste am Ende: Nach Abschluss des Wettkampfes tauschten die Kandidaten kleine, mitgebrachte Geschenke untereinander aus und am Ende entstand zur Erinnerung noch ein gemeinsames Foto des gesamten Bereichs.
WorldSkills 2013 in Leipzig
Im Auswahlverfahren für 2013 konnte sich in der Finalrunde die nationale Skills-Organisation, die WorldSkills Germany, gegen den Favoriten Paris durchsetzen. Das heißt in 2013 wird der Leistungs-Wettbewerb das erste Mal seit 40 Jahren wieder in Deutschland ausgetragen – nämlich in Leipzig und zwar vom 2. bis 7. Juli auf dem Gelände der Leipziger Messe.
(Silvia Pirro, Festool GmbH) ■