Die Trends der Kölner Möbelmesse 2017

Von Handmade bis Hightech

Natur und Technik, dick und dünn, Historisches mit Trendigem, Handmade plus Hightech: Die Möbeltrends werden vielfältiger. Das zeigte die Kölner Möbelmesse „imm cologne“ in diesem Jahr ganz deutlich. Katrin de Louw

Die gute Nachricht vorweg: Holz in seiner natürlichen Form mit ökologisch behandelter Oberfläche erfreut sich wachsender Beliebtheit. Dabei wird das Material und dessen handwerkliche Verarbeitung wieder neu entdeckt und in moderner Formensprache interpretiert: Die Möbel werden weicher, Rundungen tauchen auf, das Holz wird gedreht und gebogen, Rundstäbe werden zu Garderoben oder Tischgestellen. Regalsysteme erfreuen sich einer werkzeuglosen Montage und werden in Systemen einfach gesteckt.

Dahinter steckt das Bedürfnis, gesund zu wohnen, ökologisch zu konsumieren und flexibel zu bleiben durch einfaches Handling der Möbel. Dieser Stil ist auch getrieben von dem Wunsch nach Reduktion. Ein zunehmender Konsumtrend ist es, zu teilen statt zu kaufen. Wir müssen nicht mehr alles selber besitzen, erfreuen uns aber an Möbeln mit einer Herkunft, einer Geschichte dahinter, an handwerklichen Elementen oder sogar Selbstgemachtem. Wir konsumieren weniger, dafür wertiger. Zu diesem Designtrend gehören helle Holzarten, wie Eiche, Esche aber auch Ahorn und Birke, oftmals kombiniert mit Flechtwerk und zarten, vergrauten Pastelltönen in Mint- und Lindgrün, Graublau, Zartrosa bis hin zu viel Weiß. Dazu kommt gerne Kupfer oder Roségold. Dieses helle Ambiente ist besonders bei den jungen Designern und Architekten gefragt.
Filigrane und schlanke Optik
Doch Holz haben wir in Köln auch ganz anders gesehen, nämlich als wertiger Teil von edlen Hightech-Möbeln, die zwar oft eckig, dafür auf hohen, schlanken Metallfüßen als Solisten frei im Raum stehen. Hier wird edles Holz, allen voran Nussbaum, kombiniert mit unglaublich präzise und dünn verarbeitetem Aluminium, Stahl und Glas. Diese Materialien schaffen eine filigrane und schlanke Optik an Fronten, Seiten und Abdeckungen. Dabei sind die Metalle bei neuen Möbeldesigns oft schwarz, weiß oder sogar farbig lackiert.
Ansonsten bestimmt im Wohnbereich Messing das wertige Ambiente mit einer Formensprache, die an die Mitte des letzten Jahrhunderts erinnert. Auf der Suche nach Beständigkeit und Sicherheit fühlen wir uns mit Formen und Materialien, die uns an unsere Kindheit erinnern wieder wohl. In diesem wertigen Einrichtungstrend finden sich auch versteckte Funktionen im Möbel, wie z.B. kabellose Ladestationen für das Handy oder Audiotechnik ohne sichtbare Lautsprecher, sondern mit Materialflächen, die über Schwingungen die Musik erzeugen.
Die lackierten Oberflächen in Köln waren entweder supermatt, hochglänzend oder mit neuen Metallic-Effekten versehen. Dunkle Holztöne, wie Räuchereiche und Nussbaum, wurden mit klassischen Farben, wie Rot, Blau und Grün, kombiniert. Diese werden allerdings nur in verschiedenen Helligkeitsstufen miteinander kombiniert, nicht untereinander. Dabei gilt: je heller und strahlender die Farbe, desto geringer die Fläche, auf der sie gezeigt wird. Bei großen Farbflächen auf Wänden und Sitzgruppen ist der Trend also in der ruhigeren, dunklen Variante zu sehen, wie in Nachtblau, Smaragd- bis Tannengrün und Bordeauxrot. Auch hier entscheidet die feine Kombination der Farbnuancen über das gelungene Ambiente.
Extraflache Schubkästen
Als besonderen Trend haben wir die extraflachen Schubkästen ausgemacht, die im Flur, in der Küche, im Wohnraum, im Schlafraum und darüber hinaus Platz bieten für das Smartphone und das Tablet. Besonders praktisch sind diese eleganten Aufbewahrungslösungen am Esstisch, worin zudem auch Papier und Stift, sowie Servietten verschwinden können. Die Schubläden sind in griffloser Ausführung nahezu perfekt versteckt.
Griffe: Ganz ohne oder ganz viel
Wobei sich die Möbeldesigner in Sachen Grifflösungen bemühen, Entwicklungen zu bieten, bei denen man nicht auf die Front tippen muss, um das Möbel zu öffnen, sondern oben seitlich oder unter die Front greifen kann. Griffe werden, wenn überhaupt, als Zierde eingesetzt – ausgefallen, individuell und wertig wie ein Schmuckstück am Möbel.
Das Innenleben zählt
Und das Öffnen der Möbel lohnt auch immer mehr! Während wir früher Möbel meist von der äußeren Erscheinungsform entworfen und beurteilt haben, ist es heute von enormer Bedeutung, wie das Möbel innen aussieht. Denn als Kaufargument haben die Hersteller erkannt, dass die Hochwertigkeit des Möbels nicht hinter der Front endet. Auch im Inneren finden wir verschiedene Materialien kombiniert: Holz, Aluminium, Kunststoff oder Glas, die gemeinsam mit samtig weichen und mattschwarzen Anti-Rusch-Matten oder textilen Einlagen echten Mehrwert bedeuten. Auch hier werden Ausstattungen oftmals als System angeboten, die der Kunde frei zusammenstellen, aber auch während des Gebrauchs variieren kann.
Getöntes Glas kommt wieder
Die aktuelle Liebe zu den klassischen Formen des letzten Jahrhunderts finden wir auch im Design von Glas und Dekoration wieder: Möbelglas ist getönt in Schwarz, Bronze oder auch oft farbig in Blau, Grün und Ockergelb. Auch historisch anmutende Strukturgläser, wie z.B. Kristallglas tauchen in Einrichtungsdetails wieder auf. Leuchten, Schalen und Griffe zeigen kreative, farbige Gläser, nicht selten mundgeblasen als handwerkliches Unikat.
Von der Polsterlandschaft zum Cocktailsessel
Auch die Urbanisierung verändert das Möbeldesign. Einerseits zeigen die Hersteller natürlich auf einer solchen Messe, was sie können: riesige Sitzlandschaften, freistehend im Raum mit einer Vielzahl von variablen Lehnen und Ablagen, sowie Stauraum für viele Dinge, mit denen man sich auf dem Sofa so beschäftigen kann: vom Buch übers Tablet bis hin zum Strickzeug und der Kaffeetasse. Man bekommt das Gefühl, als bräuchte man keine anderen Möbel mehr. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus und das wissen die Produzenten auch: der Wohnraum im städtischen Raum wird knapp und damit teuer. Deshalb werden kleine Möbel angeschafft, auch kleine Polstermöbel in Form von Cocktailsesseln.
Möbel, mit denen wir flexibel bleiben
Und hier wie überall in der Wohnung gilt: Was Platz spart, ist die Zukunft. Gedacht wird dabei in solitären Möbeln und Systemmöbeln, nicht in der Schrankwand. Selbst wenn wir den größtmöglichen Stauraum benötigen und die komplette Wand voller Regale möchten, so gestalten wir den modernen Raum trotzdem in Einzelelementen, die wir in der nächsten Wohnung wieder anders anordnen können und mit denen wir flexibel bleiben.
Zudem „pushed“ die Urbanisierung den Trend zur Multifunktionalität: Das Möbel ist Tisch und Hocker zugleich, kann drinnen und draußen eingesetzt werden, Beistelltische werden zu Tabletts, Sitzpoufs zu Stauraum, Garderoben zu Sitzbänken.
Multi-Kulti auch im Interior-Design
Darüber hinaus sehen wir den Trend zur multikulturellen Interior-Landschaft. Die Globalisierung verstärkt das Aufeinandertreffen der Kulturen: die Einrichtung und Formensprache wird bunt, vielförmig und zeigt kulturelle und auch religiöse Einflüsse aus der ganzen Welt. Ein ganz deutlicher Hinweis darauf sind die angesagten Mustermixe, die wir auf Kissen und anderen Textilien in vielfarbigen Kombinationen finden. Und auch die dürfen mit modernen Digitaldrucken gemixt werden. Erlaubt ist eben, was gefällt.
Der Multi-Kulti-Trend, der durch den Wunsch nach Individualisierung noch verstärkt wird, bringt auch unterschiedliche Stühle am gleichen Tisch zusammen. Das ist die neue Sammelleidenschaft des Interior-Designers, der damit der Innenarchitektur eine Persönlichkeit gibt, ihr Leben einhaucht und dabei Weltoffenheit zeigt. Orientalische Teppiche (die man heute übrigens teilweise übereinander drapiert, der Fachbegriff dazu heißt „Layering“), goldene Applikationen und Details wie Bommel, Quasten und Fransen zeigen die neue Detailverliebtheit bis hin zur Romantik in den Textilien. Und auch die harten Oberflächen werden wieder mehr „dekoriert“, egal ob Porzellangeschirr oder Möbeldetail, wie z.B. eine Schnitzerei in der Möbelkante.
Natürliche Materialien
Ökologie und Nachhaltigkeit sind weitere, wichtige Trendimpulse, die unsere Einrichtung von morgen maßgeblich bestimmen. Und so sind auch viele andere natürliche Materialien neben dem Holz voll im Trend: Weiden und Ruten aus denen Flechtwerke entstehen, Bambus als schnellwachendes Gras, Beton als nachhaltiges Produkt, Leinen, Baumwolle und Kork genießen großes Ansehen unter den Jungdesignern. Dazu kommen klassische Materialien, allen voran Naturstein und Marmor, der immer großflächiger unser Interior gestaltet und auch an Wänden und auf Tischen wieder verstärkt eingesetzt wird. Traditionelle Handarbeitsmaterialien wie Porzellan und Feinsteinzeug finden sich in Deko und Details wieder bis hin zu Terracotta, welches ganz neu auftaucht in seiner typischen, naturorangen Farbe. Auch Upcycling ist immer noch ein großes Thema, bei dem alte Produkte und Materialien in einen neuen Kontext gestellt werden und dadurch eine Aufwertung erfahren: altes Geschirr wird zu Leuchten, leere PET-Flaschen zu einem Teppich gewoben. Die Einrichtungsgegenstände werden so zur emotionalen Geschichte und auch zur politischen Aussage. Und das ist nicht nur bei Möbeln Trend, sondern in der ganzen Innenarchitektur. Denn eines ist klar: Der (Möbel-)Konsum wird in Zukunft genauer hinterfragt.

> Noch mehr Möbeltrends finden Sie auf dieser Themenseite …

Die Autorin

Innenarchitektin Katrin de Louw ist Inhaberin von Trendfilter und führende Expertin für Möbel- und Materialtrends im Innenraum.