BM-Serie: Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk

Zweifeln ist erlaubt

Das Material eines Produktes ist ein entscheidender Faktor für ein Mehr an Nachhaltigkeit. Doch wie soll man Werkstoffe diesbezüglich bewerten? Die Sache ist komplex und es zeigt sich: Selbst bei wissenschaftlichen Studien dürfen Zweifel angemeldet werden.

Autor: Christian Härtel
Es ist längst kein Nischenthema von Architekten und Designern mehr. Die Vielfalt an Materialalternativen begegnet uns alltäglich bei der Wahl zwischen Produkten, die das gleiche Ziel haben. Für welches man sich entscheidet, hat aber Auswirkungen auf die Größe des ökologischen Fußabdruckes, den wir hinterlassen. Denn die Wahl des Materials bestimmt maßgeblich den Anteil an grauer Energie. Als graue Energie bezeichnet man die Energie, die für die Herstellung, den Transport, die Lagerung, den Verkauf und die Entsorgung eines jeden Produktes benötigt wird, plus der Energie, die für die Erstellung von Vorprodukten und zur Rohstoffgewinnung eingesetzt wurde. Nicht dazu zählt die Energie, die ein Produkt durch den Gebrauch während seiner Benutzungsdauer benötigt.

Viele Faktoren sind im Spiel
Vom Material hängt zudem auch ab, wie langlebig und reparaturfreundlich ein Produkt ist, einem weiteren Faktor für die Nachhaltigkeit. Nicht zu vergessen: Die Wirtschaftlichkeit im Herstellungsprozess. Und letztendlich hat die Wahl des Materials auch Einfluss auf das gesellschaftliche Miteinander auf dieser Erde. Alles in allem also: eine sehr komplexe Angelegenheit.
Grundsätzlich geht es darum, Material und damit Ressourcen einzusparen. Denn: „Derzeit verbrauchen wir Menschen einen halben Planeten zu viel“, bringt der WWF es auf den Punkt. Einer der großen Konsumenten ist beispielsweise die öffentliche Hand, die fleißig einkauft. In Deutschland jährlich für 260 Milliarden Euro. Diese Marktpräsenz wird auch dazu genutzt, um politische Ziele zu forcieren. Dazu gehört auch ein Mehr an Nachhaltigkeit. Gemeinden und Behörden werden entsprechend beraten und die Gesetzgebung tut ihr Übriges. Daneben will man innovative Produkte bei der Markteinführung unterstützen.
Auch in anderen europäischen Ländern ist man in dieser Art initiativ. In Österreich rät man beim Möbelkauf deshalb zur Wahl solcher Anbieter, die regionale Rohstoffe verwenden, keine tropischen Hölzer einsetzen, hochwertige und langlebige Möbel herstellen, die ergonomisch geformt und zugleich emissionsarm sind.
Eindeutige Aussagen fallen oft schwer
Ökobilanzen gibt es für die gängigsten Holzwerkstoffe und manches erstaunt: Laut einer Studie an der Universität Hamburg braucht beispielsweise die Herstellung von OSB rund die Hälfte mehr an grauer Energie, als eine Spanplatte. Laut den Forschern ist dies auf die längeren Presszeiten bei der OSB-Produktion und der Trocknung der größeren Strands zurückzuführen. Der Einsatz von grauer Energie ist der entscheidende Faktor bei der Produktion von Holzwerkstoffen, denn der Energieeinsatz für das Holz selbst fällt in der Gesamtbilanz weniger stark ins Gewicht.
Allerdings ist eine Ökobilanz noch keine Nachhaltigkeitsbilanz. Berühmte Beispiele sind Getränkeverpackungen, bei denen leichte Einwegverpackungen besser als Mehrwegglas abschneiden, wenn sie weit transportiert werden. Oder die Äpfel aus Neuseeland, die im Frühjahr ökologisch besser sind als die klimatisiert gelagerten Bodenseeäpfel.
Das zeigt schon, wie schwer eine eindeutige Aussage in vielen Fällen ist, zumal die Ansätze einer Bewertung immer nur einige Aspekte mit einschließen, wie bei der Ökobilanz. Bilanzen, die alle Faktoren bis zur Entsorgung oder dem Recycling beinhalten, können natürlich nur auf dem Stand der Technik von heute erstellt werden. Im Sinne der Dekadennutzung sollen Holzwerkstoffe am Ende ihres Lebenszyklus thermisch verwertet werden. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht derzeit oft anders aus, vieles landet auf der Deponie.
Die Quadratur des Kreises
Was zeitgemäßes Produktdesign ausmacht, erklärt Nicola Stattmann, Professorin an der Universität Weimar: „Minimales Gewicht, aber maximale Statik – minimaler Material-, Energie-, und Produktionsaufwand, aber maximale Funktionsintegration.“ Damit
landet man unweigerlich beim Leichtbau, einem Thema, das immer wieder keines mehr zu sein scheint – aber immer wieder seine Berechtigung zeigt. Denn unbestritten sind intelligente Hohlraumkonstruktionen materialeffizient und damit zunächst ressourcenschonend. Sie sind damit im Ranking der Ökobilanzierung gut positioniert. Berücksichtigt man Aspekte wie Haltbarkeit, Renovations- und Reparaturfähigkeit, wird die Bilanz aber schon schlechter. Massive Leichtbauplatten, etwa aus Balsaholz, schneiden hier besser ab, wäre da nicht die ökologische Problematik der Übernutzung der Balsabestände und der Transport. Aber die Natur bietet auch Varianten, wie zum Beispiel das Pappelholz: Nicht ganz so leicht wie Balsa, dafür aber ökologisch unproblematisch, weil regional und nachhaltig verfügbar. Letztlich aber heute noch ein Nischenprodukt, weil Nachhaltigkeit bei der Auswahl meist nicht die erste Geige spielt.
Auf der Suche nach Eindeutigkeit
Auf der Suche nach nachprüfbaren und damit klaren Kriterien für eine Annäherung an nachhaltige Aspekte für Materialien, hat die Materialagentur Raumprobe in Stuttgart einige Klassifizierungen gefunden. Unter dem Stichwort „nachwachsend“ finden sich in der Materialdatenbank derzeit stolze 658 Werkstoffe, „sortenrein“ sind 511 und „biologisch abbaubar“ immerhin noch 378 Materialien. „Das Thema ist wichtig für uns und unsere Kunden, aber auch schwierig, weil es ungeheuer komplex ist, weshalb wir auf der Suche nach eindeutigen Aussagen sind“, sagt Hannes Bäuerle, Gründer und Inhaber von Raumprobe. Zwei weitere solcher Suchkriterien sind ein klar benannter „Recyclinganteil“ (372) und solche Materialien, die ein „ökologisches Zertifikat“ tragen (477).
Holz überzeugt meistens
Wie man das Thema auch dreht und wendet: Holz entspricht vielen Anforderungen, die an nachhaltige Werkstoffe gestellt werden. Stammt es aus regionaler und nachhaltiger Forstwirtschaft, ist und bleibt es eine kluge Alternative auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Aber auch Biowerkstoffe, die vollständig aus natürlichen Bestandteilen hergestellt werden, entsprechen diesen Kriterien. Zumal wenn es sich dabei um Reststoffe handelt und modifiziert zu einem Hightech-Material werden. Ins Holzgemisch eingebrachte Maiskolben ohne Körner für Leichtbauplatten sind nur ein Beispiel dafür.
Allerdings gilt: Je mehr graue Energie zur Erzeugung von komplexeren Produkten und in fester Verbindung mit anderen Materialien dazu kommt, desto ungünstiger wird seine Gesamtbilanz. Und: Holz und andere natürliche Materialien haben ihre gestalterischen und konstruktiven Grenzen. Sind andere Werkstoffe im speziellen Fall überlegen, dann können diese unter Umständen die nachhaltigere Alternative sein.
Ein Mittel, dem Anspruch der Nachhaltigkeit trotzdem gerechter zu werden, ist die sortenreine Verwendung der Materialien wie zum Beispiel Aluminium. Durch rein mechanische Verbindungen beispielsweise lassen sich Produkte wieder stoffrein zerlegen und dadurch leicht wiederverwerten. Künftig wird man um eine Trennung der Materialien für ein sinnvolles Stoffrecycling nicht mehr herumkommen. So kann man den Downcycling-Effekt vieler vermeintlicher Recycling-Produkte umgehen. Doch solche Verfahren sind überwiegend noch Zukunftsmusik.
Auch wirtschaftliche Nachhaltigkeit wichtig
Bei immer mehr und auch komplexeren Werkstoffen wandert ein Stück der im Handwerk verorteten Materialkompetenz hin zum Produzenten. Denn während dem Schreiner in Sachen Holz große Kompetenz zugeschrieben wird, verarbeitet er heute so manch anderes Material zum ersten Mal. Zur Nachhaltigkeit gehört deshalb auch, dass der Status der unerreichten Materialkompetenz des Handwerks für die klassischen Materialien in die Materialzukunft transferiert werden kann. Doch dazu muss der Schreiner die Vielfalt kennen und sich dazu positionieren.
Zudem kann es nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch und sinnvoll sein, mehr Fertigprodukte oder Halbfabrikate einzukaufen. Kaum jemand würde auf die Idee kommen, einen Haustürrohling in aufwendiger Fertigung selbst zu erstellen.
So werden immer mehr industriell hergestellte massive Holzplatten in Schreinerqualität verkauft. Man fertigt das einfache Material nicht mehr selbst, sondern konzentriert sich ganz auf das Produkt. Auf der anderen Seite führen immer bessere Klebstoffe und die Lust am neuen Material, die auch im Design viele neue Möglichkeiten schaffen, dazu, dass auch Schreiner ihren eigenen Werkstoff kreieren und dadurch ein Alleinstellungsmerkmal schaffen.
Für eine wirtschaftliche Nachhaltigkeit in der Schreinerei lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie man mit diesen rasanten Entwicklungen umgehen möchte. Man muss nicht jedes verfügbare Material ins eigene Portfolio aufnehmen, aber wissen, warum man das eine verwendet oder das andere nicht. Das Ganze ist ein dynamischer und spannender Prozess, im dem „alles aus eigener Fertigung“ genauso seine Berechtigung haben kann wie die eigene umfangreiche Materialbibliothek, die Kunden überzeugt.

Die BM-Serie im Überblick: Facetten der Nachhaltigkeit
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie.
Darin geht BM der Frage nach, wie nachhaltiges Handeln in der Schreinerei aussehen kann. Im Fokus steht insbesondere die praktische Relevanz des wenig greifbaren Begriffes der Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk.
Die Hauptbeiträge im Einzelnen: