BM-Serie: Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk

Mit Brief und Siegel

Holzprodukte sind häufig mit einer Vielzahl von Gütesiegeln versehen. Vor allem Gütesiegel, die den Produkten eine hohe Umweltverträglichkeit bescheinigen, stehen hoch im Kurs. Dabei verliert man schnell einmal den Überblick.

Autor: Dr. Oliver Dünisch
Lange sind die Zeiten vorüber, in denen das Preisschild das einzige „Label“ gewesen ist, mit dem Produkte gekennzeichnet waren. Dies gilt für die in der Schreinerei verwendeten Materialien und die gefertigten Produkte genauso wie für viele andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Die Produktkennzeichnung dient dem Verbraucherschutz und der Kundeninformation genauso wie der Kundenwerbung. Die Kennzeichnung erfolgt teils mit Hilfe von Logos, die bereits die Kerninformation symbolisieren, teils verbirgt sich die Information hinter nüchternen, abstrakten Schrift- und Ziffernfolgen.

Für bestimmte Bereiche werden besonders nachgewiesene Gebrauchseigenschaften gesondert gekennzeichnet, wie zum Beispiel mit dem RAL-Gütezeichen. Die meisten Gütesiegel aber beziehen sich auf die „Umweltverträglichkeit“ eines Produktes. Im Gegensatz zu den Gebrauchseigenschaften eines Produktes ist die „ethische Korrektheit“ eines Produktes schwieriger zu fassen und zu bewerten. Es verwundert deshalb nicht, dass sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eine Vielzahl unterschiedlichster Labels herausgebildet haben. Diese Gütezeichen werden sowohl von staatlichen als auch von nicht staatlichen Stellen ausgearbeitet und vergeben und unterscheiden sich hinsichtlich der Betrachtungsgrenzen, der Beurteilungskriterien sowie des Vergabeverfahrens.
Bei diesen Standards geht es um Prozesse
So liefert die international gültige Norm ISO 26000 bereits einen Leitfaden zu Praktiken, die als gesellschaftlich verantwortungsvoll angesehen werden können – mit Kernthemen wie Organisationsführung, Menschenrechte, Arbeitspraktiken, Umwelt, Betriebs- und Geschäftspraktiken und Umgang mit Konsumentenanliegen. Diese Norm ist allerdings nicht zertifizierbar, d. h. es gibt kein Verfahren zum Nachweis entsprechender Anforderungen und dementsprechend auch keine Produktkennzeichnung.
Im Gegensatz hierzu wurden in der Norm EN ISO 14001, die zertifizierbar ist, weltweit anerkannte Anforderungen an ein Umweltmanagementsystem in Unternehmen festgelegt. Die Überprüfung der Anforderungen, erfolgt wie bei allen zertifizierbaren Gütezeichen, im Rahmen eines sogenannten Audits durch akkreditierte (zugelassene) Zertifizierer.
In die Reihe der von überstaatlichen, regierungsnahen Institutionen ausgearbeiteten Gütezeichen reiht sich die EMAS-Verordnung der Europäischen Union (häufig auch als EU Öko-Audit bezeichnet) ein, die auf einem Umweltmanagementsystem nach ISO 14001 aufbaut. Aufgrund der teilweisen Überlappung mit ISO 14001 und der regionalen Beschränkung auf die EU, gibt es nur wenige Unternehmen, die nach EMAS zertifiziert sind.
Bei diesen Gütezeichen geht es um Produkte
Stehen bei diesen internationalen Normen und Standards eher die Prozesse im Vordergrund, so finden sich eine Vielzahl von Gütesiegeln, die das Produkt und dessen Umweltverträglichkeit in den Mittelpunkt stellen.
So konzentriert sich das Gütesiegel Natureplus, das auf Initiative des Baustofffachhandels ins Leben gerufen wurde, auf die vollständige Transparenz der bei der Herstellung verwendeten Materialien, während Produkte mit dem Blauen Engel ausgezeichnet werden können, wenn sie in einem konkreten Kriterium (z. B. besonders emissionsarm) als besonders umweltschonend eingestuft werden. Die so gekennzeichneten Produkte sind deshalb nicht automatisch völlig unbedenklich, sondern weisen lediglich den besten Wert im Vergleich zu Produkten der gleichen Produktgruppe auf.
Holzprodukte und Klimaschutz
In den vergangenen Jahren finden sich verstärkt Umweltlabel, die die Funktion von Holzprodukten für den Klimaschutz in den Mittelpunkt stellen. Die positive Funktion von Holz als CO2-Speicher kommt nur dann zum tragen, wenn die Produktbilanz nicht durch lange Transportwege und damit verbundene negative Einflüsse auf die Umwelt belastet wird. Das Label der gemeinnützigen Initiative „Holz-von-hier“ konzentriert sich deshalb auf die Herkunft des Holzes. Im Rahmen einer Lebenszyklusanalyse (auch als life cycle assessment oder Ökobilanz bezeichnet) werden die Vorteile „regionalen Holzes“ für den Klimaschutz herausgestellt.
Entsprechende CO2-Bilanzen über den Produktlebenszyklus werden auch von privaten Anbietern wie der „CO2 Carbon Neutral Company“ erstellt, die in einem eigenen Zertifizierungsverfahren kohlenstoffneutrale Produkte mit einem eigenen Label auszeichnet.
Während diese Zertifizierungen immer nur Teilbereiche über die Produktlebensdauer betrachten, berücksichtigt das als Cradle-to- Cradle- ( von der Wiege bis zur Wiege-) Design bekanntgewordene Konzept auch die mögliche Verwertung eines Produktes nach Ablauf seiner Nutzung. Idealerweise sollten Produkte demnach immer in vollständigen biologischen oder technischen Kreisläufen (vollständiges Recycling) geführt werden, wobei die hierfür notwendige Energie aus regenerativen Energiequellen stammen soll. Produkte, die diesen Ansprüchen genügen, können durch das private EPEA-Institut zertifiziert und mit dem Cradle-to-Cradle-Design-Logo versehen werden.
FSC und PEFC im Kundenbewusstsein
Das von Carl von Carlowitz für die Forstwirtschaft formulierte Prinzip der Nachhaltigkeit ist sicherlich ein wichtiger gedanklicher Meilenstein für die Kennzeichnung von Holzprodukten, die bestimmten ökologischen, sozialen und ökonomischen Standards genügen.
Aufgrund der historischen Entwicklung und der engen gedanklichen Verbindung, die Kunden zwischen der Waldwirtschaft und Holzprodukten herstellen, ist eine Zertifizierung und Kennzeichnung nach den Standards des PEFC (Programme for Endorsement of Forest Certification Schemes) und FSC (Forest Stewardship Councils) mittlerweile im Kundenbewusstsein stark verankert.
Die forstliche Zertifizierung ist eng mit der Idee des FSC verknüpft. Vor dem Hintergrund steigender Entwaldung wurde 1993/1994 der FSC als internationale Nicht-Regierungsorganisation gegründet, die länderübergreifend zehn einheitliche Prinzipien und 56 Kriterien für eine nachhaltige Waldwirtschaft formulierte, die länderspezifisch konkretisiert werden. Waldflächen, die diesen Kriterien genügen, können im Rahmen eines Audits zertifiziert werden.
Da sich die Zertifierung nach FSC in der Anfangszeit sehr stark an den Bedürfnissen der Hauptentwaldungsgebiete in den Tropen orientierte, führte die damit verbundene Kritik zur Bildung konkurrierender forstlicher Zertifizierungssysteme. Das wichtigste ist das Programme for Endorsement of Forest Certification Schemes (PEFC), das aber in der Zielsetzung und Zertifizierung deutliche Parallelen zu FSC aufweist.
In Deutschland sind ca. 67 % der Waldfläche nach PEFC und ca. 6 % nach FSC zertifiziert. Doch die Nachfrage nach FSC steigt. Dies bestätigt auch Revierleiter Wolfgang Gnannt, der den Kommunal- und Kleinprivatwald im Einzugsbereich der Stadt Ebern betreut. „Alle Wälder in meinem Einzugsbereich sind genauso wie die Wälder der bayrischen Staatsforste seit dem Jahr 2000 vollständig nach den Standards des PEFC zertifiziert. Seit 2010 sind darüber hinaus über 40 % unserer Kommunalwaldflächen auch nach den Standards des FSC zertifiziert“, sagt er. Denn: „Sowohl Holz für lokale Sägewerke und Unternehmen als auch Holz, das in den Export geht, wird verstärkt mit FSC-Siegel nachgefragt. Insbesondere Holz, das nach Großbritannien geht, ist fast nur mit FSC-Siegel verkäuflich.“
Über die Gründe für eine steigende Nachfrage nach FSC-zertifiziertem Holz kann Wolfgang Gnannt nur spekulieren. Sind es die etwas weiter gefassten Vergabekriterien, das aus Sicht von Wolfgang Gannt strengere Audit oder einfach der unterschiedliche Bekanntheitsgrad von FSC und PEFC in unterschiedlichen Regionen der Welt? Auf jeden Fall hat auch der Staatsforst des Landes Baden-Württemberg diesen Trend aufgegriffen und ist mittlerweile vollständig nach FSC-Standards zertifiziert. „Natürlich kostet eine Zertifizierung auch Geld“, bemerkt der Revierleiter, „aber diese Kosten sind leicht über den Verkaufspreis zu amortisieren.“
Bis zum Endverbraucher nachvollziehbar
In der Folge wurde in beide Zertifizierungssysteme auch der Transport- und Bearbeitungsweg der Holzprodukte bis zum Endverbraucher einbezogen, sodass nicht nur der für die Bereitstellung des Holzes verantwortliche Forstbetrieb, sondern auch die an der Verarbeitung des Holzes beteiligten Betriebe (z. B. Schreinereien) im Rahmen einer Produktkettenzertifizierung (Chain of Costudy) zertifizierbar sind.
Der Holzkäufer erhält die Bestätigung der Zertifizierung des gekauften Holzes über die Rechnung, die mit dem Logo und der Zertifizierungsnummer versehen ist. Hiermit wird allerdings nur bescheinigt, dass das gekaufte Holz zertifiziert ist. Der weiterverarbeitende Betrieb, z. B. die Schreinerei, ist damit nicht automatisch zertifiziert. Er kann diese Lücke im Rahmen einer Produktkettenzertifizierung schließen. Da nicht alle Holzarten mit Label verfügbar sind, kann im Rahmen dieser Zertifizierung auch die Verarbeitung eines bestimmten Anteils zertifizierten Holzes bescheinigt werden (z. B. FSC Mix 50 %).
Vielen Kunden genügt Holz mit Logo
Eine FSC- oder PEFC-Zertifizierung einzelner Schreinereien im Rahmen einer Produktkettenzertifizierung ist aufgrund der damit verbundenen Zusatzkosten eher die Ausnahme. Vielen Kunden genügt (noch?) der Nachweis der Herkunft des verarbeitenden Holzes über die Eingangsrechnung mit dem FSC- bzw. PEFC-Prüflogo. Die Tischlerei Holz-Bolle GmbH in Klietz ist hingegen mittlerweile im Rahmen einer PEFC-CoC (Produktkettenzertifizierung) zertifiziert. „Wir haben eben wichtige öffentliche Auftraggeber, die dies verbindlich von uns gefordert haben. Aber auch Privatkunden aus dem Bereich des Treppenbaus im Großraum Berlin, legen zunehmend Wert auf eine durchgängige Zertifizierung bis zum Endverbraucher“, begründet Franz Bolle diesen Schritt. „Und nachdem auch zunehmend unsere Kunden eine Zertifizierung nach FSC anfragen, ist nicht auszuschließen, dass wir diesen Schritt nicht auch noch gehen …“
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Die BM-Serie im Überblick: Facetten der Nachhaltigkeit
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie.
Darin geht BM der Frage nach, wie nachhaltiges Handeln in der Schreinerei aussehen kann. Im Fokus steht insbesondere die praktische Relevanz des wenig greifbaren Begriffes der Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk.
Die Hauptbeiträge im Einzelnen:

Die Praxisbeispiele: