BM-Serie: Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk

Nah dran

Manche nennen es nur noch das „N-Wort“. Denn deutlich zu oft hören wir, was alles nachhaltig ist. Für das Schreinerhandwerk ist Nachhaltigkeit eigentlich ein spannendes Thema. Aber natürlich nur, wenn man es ernst damit meint. Im Rahmen dieser neuen BM-Serie beleuchten wir das Thema einmal differenziert in seinen vielfältigen Facetten.

Autor: Christian Härtel
Immerhin: auf die zweifelhafte Ehre des Unwortes eines Jahres hat es der Begriff Nachhaltigkeit bislang nicht gebracht. Auch wenn sein ausdauernder und nicht minder sinnfreier Gebrauch dies durchaus rechtfertigen würde. Deshalb eines gleich vorweg: „Die“ Nachhaltigkeit gibt es nicht. Denn der Begriff beschreibt einen Idealzustand, der in der Realität nicht zu erfüllen ist. Stattdessen kann es immer nur eine Annäherung an die Nachhaltigkeit geben. Die Distanz zum Ideal beschreibt den Grad der Nachhaltigkeit. Aber weil das so kaum jemand ausspricht, bleibt viel Raum für den Gebrauch und Missbrauch des Wortes und damit viel zu viele Allgemeinplätzchen für vermeintlich nachhaltiges Handeln – vor allem bei den nicht gerade als Naschkatzen auftretenden öffentlichen Akteuren aus Politik, Wirtschaft sowie auch unter den Journalisten.

Nicht in die Irre führen lassen
Die erste Prägung des Begriffs liegt inzwischen 300 Jahre zurück. Hans Carl von Carlowitz lebte in einer Zeit, in der Raubbau am Wald betrieben wurde. In seiner „Anweisung zur wilden Baumzucht“ hat er die Grundlagen für eine dauerhaft geregelte Waldwirtschaft gelegt. Die mengenbezogene Nachhaltigkeit war erstmals formuliert und damit ist auch der Begriff bis heute stark mit dem Attribut „dauerhaft“ versehen. Weil dem so ist, ist Nachhaltigkeit heute zum omnipräsenten Modewort verkommen. Schlimmer noch, als füllendes Steigerungsadjektiv missbraucht, ist heute alles nachhaltig – oder eben damit auch nichts mehr. „Wir setzen uns nachhaltig ein“ hört und liest man, was ebenso sinnfrei ist wie „nachhaltiges Leben“. Ikea nimmt für sich genauso in Anspruch, nachhaltig zu handeln, wie man es über das Bauen mit Beton lesen kann. „Beton ist nachhaltig“, gemeint ist damit dauerhaft. „Nachhaltig“ ist allerdings deutlich mehr.
Kaum jemand würde behaupten wollen, die Atomkatastrophe von Fukushima sei besonders nachhaltig, nur weil sie fortdauernd ist. Und weil der Begriff meist schön verpackt bleibt und der Sinn darin unerkannt, bleibt auch jegliche unbefugte und noch so sinnfreie Benützung einfach ungeahndet. Gut für Carlowitz, dass er das nicht mehr erleben muss. Aus seiner Beschreibung zur dauerhaften Erhaltung der Waldnutzung ging der Begriff spät um die Welt, dann aber mit Macht. Inzwischen gibt es unzählige wissenschaftliche Ausarbeitungen dazu.
Die Nachhaltigkeit wurde hoch und runter dekliniert, manchmal auch bis zur Unkenntlichkeit. In jedem Falle ist das heutige Verständnis für das Prinzip der nachhaltigen Wirtschaft nicht begrenzt auf Mengen- und eine ökologische Nachhaltigkeit. Das Dreisäulenmodell ist weitgehend Konsens. Zur ökologischen Komponente fügte man eine wirtschaftliche und soziale Säule hinzu. Freilich bedingen sie oft einander. Aber sie konkurrieren auch oft genug, was das Ganze noch schwieriger und auch schwammiger macht.
Wann ist etwas nachhaltig?
Wer nachhaltig handeln möchte, muss sich vor allem eines vor Augen halten: Er darf zunächst nur von den Zinsen leben und nicht vom Kapital. Der Zins des Waldes ist neben seinen vielen Funktionen auch sein Holzzuwachs. Den kann man abschöpfen, ohne die Substanz an Holzmenge zu verändern. Aber der geerntete, alte Baum kann nicht einfach so ersetzt werden. Das heißt, zur reinen Mengenlehre an Holzmasse gesellen sich wirtschaftliche, ökologische und soziale Werte des gefällten Baumes hinzu.
In diesem Zusammenhang kommt dem Verbrauch von Ressourcen, die nicht erneuerbar sind, eine besondere Bedeutung zu. Auch Schreinereien verbrauchen Energie und damit endliche Ressourcen. Wie man dies möglichst effizient gestalten kann, um weniger Energie zu verbrauchen für Licht, Maschinen, Absaugung, Druckluft und Heizung, darum geht es im zweiten Teil dieser Serie (in BM 5/2014), die sich dem Bereich „Produktion und Werkstatt“ widmet.
Die Waldwirtschaft ist nach wie vor der einzige Wirtschaftszweig, der ein strukturelles Konzept für eine nachhaltige Bewirtschaftung vorweisen kann. Und gerade deshalb gilt: Heimisches Holz ist nachhaltig erzeugter Rohstoff und dadurch einzigartig. Schreiner verarbeiten viel und oft Holz, sowie Holzwerkstoffe daraus. Sie sind damit nahe dran. Sowohl auf der Einkaufsseite, als auch bei der Auszeichnung der eigenen Produkte spielen „Gütezeichen & Zertifikate“ (BM 6/2014) eine wichtige Rolle zur Dokumentation und als Verkaufsargument. Eng verknüpft stellt sich die Frage, welche Werkstoffe überhaupt einem Anspruch an die Nachhaltigkeit entsprechen. Um Materialvielfalt und den verantwortungsvollen Umgang damit geht es deshalb in der Juliausgabe des BM.
Durch nachhaltiges Handeln erzeugt man Optionen für die Zukunft. Wer ausbildet, schafft Möglichkeiten für die Entwicklung junger Menschen. Das Schreinerhandwerk bildet viele Jugendliche aus und ist damit nahe dran an der Nachhaltigkeit. Der Wert der Ausbildung und die Mitarbeiterbindung sind wichtige Erfolgsfaktoren für das Schreinerhandwerk. Genau unter die Lupe nehmen wir das Thema Mitarbeiter-Management in der Augustausgabe.
Nachhaltigkeit für Praktiker
Interessant für ökologisch bewusste Schreiner ist die Oberflächenbeschichtung. Konkret schauen wir deshalb in der Septemberausgabe auf Lacke, Lasuren, Öle und Wachse.
Wer nur von den Zinsen lebt und nicht vom Kapital, der hinterlässt dem Nachfolgenden die Wahl. Das wäre der Idealzustand einer Nachhaltigkeit. Unseren Kindern haben wir in einigen Bereichen schon längst keine Wahl mehr gelassen. Etwa bei vielen Ressourcen, der Artenvielfalt oder Bodenfruchtbarkeit. Sie haben keine Wahl mehr beim Umgang mit den Emissionen von Treibhausgasen samt Klimawandel. Wenn gilt: „Was weg ist, ist weg“, dann ist echtes Mühen um Nachhaltigkeit trotz der vielen Hochglanzberichte großer Unternehmen noch Lichtjahre entfernt.
Dass ein Produkt nachhaltig erzeugt wurde, ist für viele Kunden heute kaufentscheidend. Schreiner und Tischler sind auch ohne Nachhaltigkeitsberichte hier näher dran. Aber wissen das auch die Kunden?
Wer nachhaltig handelt, darf keine Eintagsfliege sein. Ein dauerhafter Arbeitgeber schafft Verlässlichkeit gegenüber allen Beteiligten und lässt Ihnen somit die Wahl. Viele Schreiner sind gerade deshalb ständig in Bewegung. Sei es durch den wechselnden Zeitgeist der Gestaltung, beim Umgang mit permanent neu auf den Markt kommenden Materialien oder den wechselnden Schwerpunkten in ihrer Betätigung. Dazu gehören auch Fortbildung und die Auseinandersetzung mit neuen Technologien. Schreiner- und Tischlerarbeit ruht auch auf den beiden wichtigen Säulen der wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit. Ihr Mühen um nachhaltiges Handeln verkaufen, das machen hingegen oft andere. Wie man das Thema aktiv angehen kann, beleuchten wir in BM 10/2014.
Ihr Feedback ist uns wichtig
Sie haben Anmerkungen, Anregungen, Erfahrungen oder Tipps für Kollegen rund um das vielschichtige Thema Nachaltigkeit? Dann freuen wir uns sehr über Ihr offenes Feedback per E-Mail an: bm.redaktion@konradin.de

Hintergrund: Wurzeln der Nachhaltigkeit
Anfang des 18. Jahrhunderts wurde in Mitteleuropa das Holz knapp, die Wälder waren geplündert durch Raubbau. Der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645 bis 1714) erkannte, dass das künftige Wohlergehen vom Holz abhing und formulierte seine „Sylvicultura Oeconomica“ mit dem Untertitel „Anweisung zur Wilden Baumzucht“. Darin führt er aus, wie dauerhafte Waldwirtschaft funktioniert. Er setzte damit auch wertorientierende Maßstäbe. So habe das Wirtschaften dem Gemeinwohl zu dienen, was den schonenden Umgang mit der Natur beinhaltet, um der Verantwortung für künftige Generationen gerecht zu werden.

Die BM-Serie im Überblick: Facetten der Nachhaltigkeit
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie.
Darin geht BM der Frage nach, wie nachhaltiges Handeln in der Schreinerei aussehen kann. Im Fokus steht insbesondere die praktische Relevanz des wenig greifbaren Begriffes der Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk.
Die Hauptbeiträge im Einzelnen: