BM-Serie: Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk

Schnitzen? Geht nicht!

Gute und motivierte Mitarbeiter nicht nur zu finden sondern auch zu binden, ist für eine nachhaltige Betriebs- und Branchenentwicklung wichtig. Manchmal behindern die Strukturen des Handwerks, manchmal behindert ein „Das haben wir immer schon so gemacht“. Hier ist Umdenken gefragt, denn: Mitarbeiter selber schnitzen? Geht nicht!

Autor: Christian Härtel
„Ich bin so froh, ein Schreiner zu sein!“, schallte es durch die Halle, als Oskar Eberhardt ein kniffliges Detail gelungen war. Eberhardt hatte diese Freude am Beruf oft zum Ausdruck gebracht, arbeitete ein ganzes Arbeitsleben lang mit Begeisterung in der Schreinerwerkstatt. Er war so ein typischer Schreinergeselle alter Schule von denen man sagen kann: ein Schreiner mit Leib und Seele, der vielleicht zwei oder drei Stationen in seinem Berufsleben hatte.

Damals war der Werbeslogan des Fachverbandes in Baden-Württemberg „Wie der Schreiner kann‘s keiner“ aktuell. Noch heute kennt jeder den Spruch im Ländle, auch wenn ehrgeizige Eltern damals wie heute kontern: „meiner wird keiner“. Damals, das war eine Zeit, in der die Berufsschulklassen voll waren und die Betriebe sich ihre Lehrlinge aussuchen konnten. Und doch war damals schon klar: Das bleibt nicht so.
Der Wettbewerb um die besten Köpfe
Gut zwanzig Jahre später ist die Welt eine völlig andere. Schreiner wie Eberhardt sind selten geworden. Der Typus des Arbeitsnomaden beherrscht die Realität, Generation Praktikum, lebenslanges Lernen, Schlüsselkompetenzen, Wissens- und Informationsgesellschaft und „bloß nicht Handwerker“ sind Schlagworte unserer Zeit.
Der Wettbewerb um die besten Köpfe läuft auf vollen Touren und er trifft das Schreinerhandwerk zum Teil noch härter, als andere Gewerke und Wirtschaftszweige. Zum Beispiel Nordrhein-Westfalen: „Sowohl die Anzahl der Ausbildungsverhältnisse als auch bei den Ausbildungsstätten und den Neuabschlüssen von Ausbildungsverträgen, erreichten die Werte im letzten Jahr erneut Tiefstände“, teilt der Verband Tischler NRW mit. Zugenommen hat dagegen abermals die Zahl der Ausbildungsabbrüche. Knapp 13 % aller Tischler-Azubis warfen 2013 in Nordrhein-Westfalen vorzeitig das Handtuch. Die Rückgänge bei den Tischlern in Nordrhein-Westfalen fallen noch deutlich stärker aus als der allgemein negative Trend. Laut Bundesministerium für Wirtschaft betrug der Rückgang von Ausbildungsverhältnissen insgesamt 16 % – von 2000 bis Ende 2012 gerechnet. Im Handwerk belief sich das Minus auf 20 % und für das Beispiel der Tischler NRW sind es satte 40 %.
Und Nordrhein-Westfalen ist kein Einzelfall: „Früher mussten wir Auszubildende auf andere Schulen verteilen, heute haben wir Schwierigkeiten, überhaupt genügend zu bekommen,“ weiß Peter Winklhofer, technischer Oberlehrer an der Heinrich-Hübsch-Schule in Karlsruhe. „An anderen Standorten in Baden-Württemberg sieht es noch schlechter aus. Manchmal geht es schon um den Erhalt einer Klasse im Schreinerhandwerk.“
Winklhofers tägliche Realität ist bunter geworden, aber auch anstrengender: Abbrecher, Rückkehrer und begeisterte Auszubildende mit Abitur oder Realschulabschluss kennt er gleichermaßen aus der täglichen Arbeit. Es ist dynamisch in alle Richtungen: „Nicht selten kehren Studenten nach einigen Semestern einem Studium den Rücken und wollen lieber etwas Praktisches erlernen. Die sitzen dann zusammen mit Leuten in einer Klasse, die für eine Rechenaufgabe 15 : 3 einen Taschenrechner brauchen“, erzählt der Lehrer. Und die Abiturienten – klar, die planen nicht, ein Leben lang in der Werkstatt zu arbeiten, sondern gehen irgendwann weiter. So war es immer und auch das hat viele positive Effekte für das Schreinerhandwerk. Denn ein künftiger Architekt, gelernter Schreiner, wird seinem Handwerk immer verbunden und wohlgesonnen bleiben.
Ausbilden ist nachhaltig
Noch mehr als andere Wirtschaftszweige lebt das Handwerk von qualifizierten Mitarbeitern. Zumal für ein anspruchsvolles Handwerk wie das des Tischler und Schreiners. Wenn immer weniger junge Menschen Handwerker sein wollen und werden, kann von nachhaltiger Entwicklung kaum die Rede sein. Und das hat viele Gründe – angefangen mit übergeordneten Phänomenen wie der demografischen Entwicklung und den geburtenschwachen Jahrgängen, aber auch strukturelle Versäumnisse und hausgemachte Probleme. Und das, obwohl die deutsche duale Ausbildung anerkannt ist, im Ausland und im Inland.
Ein Problem sei, so Winklhofer, dass das Schreinerhandwerk nicht gerade zu den Berufen gehört, die besonders gut bezahlt werden (siehe Kasten). Zudem sind die Anforderungen an die Jugendlichen hoch. Dass man auch die Qualität der Ausbildung verbessern muss, hat sich inzwischen herumgesprochen. Bleibt zu hoffen, dass zukünftig die Mehrheit der Betriebe eine gut strukturierte und abwechslungsreiche Ausbildungsarbeit leistet.
Die Landesfachverbände haben zur Nachwuchsgewinnung einige Initiativen gestartet. „Der Fachkräftemangel ist eine zentrale Herausforderung. Es ist dringend erforderlich, mehr Jugendliche für den Schreinerberuf zu begeistern“, so Schreinermeister Bernhard Daxenberger zum Thema für den Landesfachverband in Bayern. Hier setzt auch die bundesweite Nachwuchswerbung an. Doch den Ton der Zeit zu treffen, ist so einfach nicht: Etwas online zu stellen, um nah am Zeitgeist zu sein – das funktioniert nicht. Kein Wunder, ist auf dem Blog „born2bSchreiner.de“ kaum ein Kommentar zu finden.
Karrierechancen sind nachhaltig
Um das Schreinerhandwerk nachhaltig zu entwickeln, wäre zudem eine Durchlässigkeit zwischen den Stufen Geselle und Meister wünschenswert. Wer keine Weiterbildung als Techniker oder Meister hat, wird kaum zu Führungsaufgaben in Schreinereien berufen, egal wie gut er ist. Dieser Strukturkonservatismus will so gar nicht passen in die Wirklichkeit junger Menschen. Die ist geprägt von der eigenen Erfahrung in einer globalisierten Wirtschaftswelt. Geprägt vom Web 2.0, von der Teilhabe und einer Gesellschaft, die auf Information und Wissen der Vielen basierenden Handlungsweise beruht und nicht auf: „Mach du erstmal deinen Meister“ gründet.
In einer noch jungen und im Sinne mehrerer Handwerkskammern durch das Marktforschungsunternehmen „Prognos“ ausgearbeitete Studie heißt es: „Der gezielte Umgang mit der Ressource Wissen wird immer mehr zu einem erfolgskritischen Faktor für Handwerksbetriebe. Wettbewerbsfähigkeit und Erfolg von Handwerksbetrieben hängen folglich nicht mehr in erster Linie von der richtigen Kombination materieller Produktionsfaktoren wie Roh- und Werkstoffen, Maschinen und Kapital ab, sondern resultieren in der heutigen Zeit vor allem aus einer optimalen Kombination von Information und Wissen.“
Was sich liest, als ob man allein durch die Nennung auf der „Ballhöhe der Zeit“ zu sein scheint, ist bei Lichte gesehen ein tiefes Loch der Versäumnisse: Weniger Vernetzung und Fortbildung als im Handwerk findet doch kaum statt. Karrierechancen zu schaffen, um künftig überhaupt attraktiv für junge Menschen zu sein, ist – da die Rahmenbedingungen sich kaum ändern dürften – zunächst eine Aufgabe der Betriebe.
Die jungen Schreiner reagieren auf die Gegebenheiten: Direkt nach der Gesellenprüfung schließen sie heute den Meister an. Man ist im Trott der Schule und sieht die gewissermaßen „höchste Stufe der Karriereleiter“ mehr und mehr als vernünftige Grundlage für eine Karriere. Das allerdings dann manchmal auch außerhalb der althergebrachten Strukturen, denn mittlerweile ist auch ein Hochschulstudium mit dem Meisterbrief möglich. „Hier ist ein deutlicher Wandel zu beobachten. Erst die schulische Qualifikation, danach – mit dem Meisterbrief in der Tasche – die Erfahrung im Job “, beobachtet auch Winklhofer.
Schon vor gut zehn Jahren schrieb Thomas Huber in einer Studie für das Zukunftsinstitut: „Bindung an feste Regeln und vorgeschriebene Ausbildungswege, klare Hierarchien und lokale Gebundenheit, all das sind Aspekte der Tradition, die den Handwerker im allgemeinen Verständnis kennzeichnen und ihn mit einer Art von Tradition verbinden, die in der westlichen Gesellschaft mehr und mehr zur Ausnahme wird. Nein, das Bild des Handwerkers ist nicht vorteilhaft.“ Der Meisterzwang spielt dabei eine wichtige Rolle.
Denn streng genommen ist das Handwerk in Deutschland eine Sammlung von Berufen, die in der Anlage A der Handwerksordnung aufgeführt sind und damit per Gesetz dazu erklärt wurden. Wer einen der dort aufgeführten Berufe ergreift, wird Handwerker und kann die Karrierestufen Azubi, Geselle und Meister erklimmen. Einen Betrieb gründen und führen, kann im Handwerk nur ein Meister (wenn man von der Altgesellen-Regelung und der Möglichkeit des angestellten Meisters mal absieht). Dadurch will man nach offizieller Lesart die Qualität sichern. Aber schon in den Nachbarländern Österreich und Schweiz wird sichtbar, dass weder die Qualität in der Planung noch in der Ausführung unterhalb der in Deutschland liegt. Diese Länder haben, wie die meisten anderen europäischen Länder auch, keinen Meisterzwang. Ihre Chancen für ein nachhaltiges Personalmanagement sind dadurch besser, weil durchlässiger und auf die Kräfte des Einzelnen vertrauend.
„Wir sind die Firma“ ist nachhaltig
„Unsere Mitarbeiter sind unser wichtigstes Kapital“, ist oft zu lesen und zu hören. Damit diese Aussage nicht als Plattitüde wahrgenommen wird, hilft nur eines: Ganz nah ran, an die Leute! Die heutigen Eberhardts sehen anders aus, aber funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Sie brauchen ein Umfeld, das es ihnen ermöglicht, Bestätigung zu finden, und das Gefühl, dass es in ihrer Verantwortung liegt, etwas richtig und gut zu machen. Der Mitarbeiterstolz, den eine gelebte Firmenkultur hervorbringen kann, ist nicht zu unterschätzen. Wer zum Beispiel bei den Deutschen Werkstätten Hellerau als Schreiner arbeitet, der ist eben nicht nur Schreiner, denn der arbeitet bei einem traditionsreichen und sich immer wieder neu erfindenden Unternehmen. Klar, pflegt die Geschäftsleitung dieses Image. Die Aufträge sind immer etwas Besonderes, das Unternehmen investiert viel in die Auszubildenden, die nicht einfach in der Produktion mitlaufen. Die Werkstätten veranstalten z. B. Konzerte im Betrieb, denn es handelt sich ja schließlich um ein kulturschaffendes Unternehmen.
Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mitarbeiterführung, kann man viele Ratschläge befolgen, durchaus auch entgegengesetzte: Die einen Personal-Coaches befürworten klare Forderungen an die Mitarbeitenden und Kontrolle. Die anderen ein Mehr an Kommunikation und positiver Rückmeldung. Eindeutig ist, dass jeder Anerkennung braucht und ein Weglassen von Schimpfen nicht mit Lob gleichzusetzen ist. Kontrolle kann als Bestätigung der eigenen Leistung empfunden werden, wenn sie auch als solche rückgemeldet wird. Auch das Mitarbeitergespräch, in dem zumindest einmal im Jahr so manches ganz offen auf den Tisch kommt, sollte die Regel sein.

Das Betriebsklima muss es ausgleichen Oft zu wenig Geld

„Viele Lehrlinge sind an sich zufrieden und auch oft begeistert bei der Sache. Nur die Entlohnung ist nicht zufriedenstellend,“ weiß Schreinermeister Peter Winklhofer, technischer Oberlehrer an der Heinrich-Hübsch-Schule in Karlsruhe. „Das gilt in der Ausbildung genauso wie für die Gesellen. Ist die Stimmung im Betrieb gut, dann ist zwar das Geld zweitrangig. Ist das Betriebsklima aber nicht so entspannt, rückt das Geld in den Vordergrund. Stimmt das nicht, kommt Unzufriedenheit auf.“
Durchschnittlich verdient ein Azubi in Deutschland 761 Euro im Monat. Einen Wert, den die Schreiner schon in der Ausbildung nicht erreichen. Bei den Tischlern NRW sind es im dritten Lehrjahr immerhin 710 Euro, das ist mehr als in anderen Bundesländern, aber ein ganzes Ende weniger als in anderen Berufen. Der Ecklohn eines Gesellen liegt bei knapp 15 Euro. Auch da bieten andere Branchen wesentlich mehr.

Die BM-Serie im Überblick: Facetten der Nachhaltigkeit
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie.
Darin geht BM der Frage nach, wie nachhaltiges Handeln in der Schreinerei aussehen kann. Im Fokus steht insbesondere die praktische Relevanz des wenig greifbaren Begriffes der Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk.
Die Hauptbeiträge im Einzelnen:

Die Praxisbeispiele: