VW-Trailer-Assist im Praxistest

Rangieren mit dem Joystick

Einen Anhänger rückwärts zu rangieren, gilt unter Autofahrern als Königsdisziplin. Räumliches Vorstellungsvermögen, starke Nerven und Geduld sind notwendig für dieses Fahrmanöver. Volkswagen hat diese hohen Anforderungen mit seinem Trailer-Assist entthront. Anstatt einer Krone bedarf es künftig nur noch zwei Finger. Matthias Fischer

Alle neuentwickelten Autos werden von Jahr zu Jahr komfortabler und sicherer. Grund dafür sind vor allem die vielen elektronischen Helferlein. Neben Spurhalteassistenten, Abstandsregeltempomaten und vielem mehr halten zunehmend Park-Lenk-Assistenten Einzug in moderne Fahrzeuge. Letztere erweisen dem Fahrer die Ehre, seine Arme während des Einparkens entspannen zu können. Wie von Geisterhand lenkt sich der Pkw damit in die zuvor anvisierte Parklücke.

Auf einen komfortablen Park-Assistenten mussten Autofahrer, die mit einem Anhänger unterwegs waren, lange verzichten. Nur ihr eigenes Fahrkönnen und Erfahrungen halfen ihnen weiter. So konnte das Rangieren im Rückwärtsgang für ungeübte Gespannfahrer schnell zur Tortur werden. Insbesondere dann, wenn der angekoppelte Hänger eine andere Richtung einschlug als sie erwarteten. Nicht selten endeten enge Wende- und Parkmanöver dann mit einem Rempler. So etwas ist nicht nur ärgerlich, sondern meist auch teuer.
Einparkassistent für Gespannfahrer
Seit rund drei Jahren schafft Volkswagen mit dem Trailer-Assist nun Abhilfe. Er lässt sich per Tastendruck aktivieren und ermöglicht dem Fahrer, sein Gespann mithilfe des Spiegelverstellknopfes zu rangieren. Dabei bremst und beschleunigt der Steuermann wie gewohnt mit den Beinen – doch dazu später mehr.
Die technische Voraussetzung oder besser gesagt die Software des Trailer-Assists basiert auf dem bereits bewährten Parklenkassistenten von Volkswagen. Das Assistenzsystem für Anhängerfahrer ist optional erhältlich und steht aktuell in den Fahrzeugmodellen Passat, Touran und Tiguan zur Verfügung. Für die Zukunft plant der Autobauer aus Wolfsburg, weitere Modelle damit auszurüsten – darunter auch Transporter.
Angekoppelt und ausprobiert
Ich hatte Gelegenheit, den Trailer-Assist von Volkswagen auszuprobieren. Da ich eher schlecht als recht rückwärts mit Anhängern rangieren kann, war ich natürlich sehr gespannt darauf, wie sich der Assistent im Fahrbetrieb tatsächlich verhält.
Koppelt man einen Anhänger an die Kupplung des Fahrzeugs, wird er vom Auto mithilfe intelligenter Sensoren erkannt. Der Trailer-Assist kann daraufhin per Tastendruck vom Fahrer aktiviert werden. Dann ist er bereit für Richtungsbefehle, die das Steuergerät präzise an das Lenksystem übermittelt. Die integrierte Rückfahrkamera hat die Deichsel des Anhängers im Assistenzmodus permanent im Blick und übernimmt dabei eine wichtige Aufgabe. Sie erfasst stets den aktuellen Winkel des Anhängers zum Heck des Autos und sendet diese Informationen an das Steuergerät. Letzteres kann auf diese Weise dann den erforderlichen Lenkwinkel des Autos ermitteln, um den Anhänger in die gewünschte Fahrrichtung zu manövrieren.
In Playstation-Manier zum Rangiermeister
Die eigentliche Bedienung oder besser gesagt die Richtungsvorgabe des Gespanns erfolgt über den kleinen Knopf, der auf der Fahrerseite normalerweise der elektrischen Außenspiegelverstellung dient. Sobald der Anhänger angekoppelt und vom System erkannt ist, wird er nach Betätigen der Park-Assist-Taste zum Joystick. So erinnert das Rückwärtsfahren fast ein wenig an das Spielen mit einer Playstation.
Auf dem Cockpitdisplay zwischen Tacho und Drehzahlmesser erscheint nach der Aktivierung des Assistenten ein Symbol, das ein Fahrzeug mit Hänger darstellt. Über den Joystick können Anwender nun einfach die gewünschte Fahrtrichtung des Gespanns einstellen. Der Trailer-Assistent übernimmt dabei den vorgegebenen Lenkwinkel. Die automatische Ausrichtung des Gespanns erfolgt über das Steuergerät und letztendlich mittels der elektromechanischen Servolenkung. Sollte die Rangiergeschwindigkeit zu hoch werden, sorgt das Steuergerät zudem automatische dafür, dass das Fahrzeug verzögert wird. Während man bei handgeschalteten Modellen leicht Gas geben muss, damit sich das Gespann in Bewegung setzt, reicht es im Fall von automatikbetriebenen Fahrzeugen bereits, den Fuß von der Bremse zu nehmen.
Praktisches Feature für Routinelose
Klar, auch hier macht Übung den Meister. Doch schon nach nur wenigen Versuchen bewegen sich Auto und Anhänger rückwärts genau dorthin, wo sie hin sollen. Selbst das Fahren um mehrere Ecken herum und in eine enge Parklücke hinein gelingen. Bei Geradeausfahrten verhält sich der Trailer-Assist übrigens völlig neutral – es ist eben eine reine Hilfe für das Rangieren im Rückwärtsgang.
Für diejenigen, die darin nicht routiniert sind bietet der Trailer-Assist in jedem Fall einen großen Vorteil. Mit ihm sind Park- und Wendemanöver auf Baustellen nämlich deutlich entspannter. Wenn in einem Schreinereibetrieb also mehrere Personen mit dem Anhänger unterwegs sind – von Anfänger bis Profi – kann sich der Trailer-Assist lohnen.
Mehrwert ohne Alternativen?
Auf der Suche nach vergleichbaren Systemen zu dem Trailer-Assist von Volkswagen begaben wir uns auf eine Recherche und traten in Kontakt mit diversen Automobilherstellern. Wie weit waren sie mit der Entwicklung solcher Anhängerassistenzsysteme und wann würden sie marktreif sein, fragten wir uns.
Zu unserer Überraschung kann keins der befragten Unternehmen aktuell eine Alternative anbieten. Auch konnten uns die Hersteller keine Auskunft geben, ob und wann sie ein vergleichbares System auf den Markt bringen. Nur Ford hat in einem einzigen US-Modell ein ähnliches System eingebaut. Doch ob es den Sprung über den Teich nach Europa schafft, konnte man uns nicht sagen. Wie es scheint, ist Volkswagen derzeit tatsächlich der einzige Anbieter mit einem derartigen Assistenten.

 

Der Autor
Matthias Fischer ist freier Fachjournalist mit über 25 Jahren Branchenerfahrung – viele Jahre davon als stellvertretender Chefredakteur eines Baufachmagazins.