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Das Wandern ist des Tischlers Lust

Auszubildende profitieren von der „Kleinen Wanderschaft“
Das Wandern ist des Tischlers Lust

Von der kleinen Wanderschaft begeistert (v.l.n.r.): Tischlermeister Walter Geyer und Reinhard Scheidt, Innungsberater Norbert Zöllner sowie diebeiden Lehrlinge Marco Riemer und Stefan Fuchs
Die Wiederbelebung einer alten Handwerkstradition zeitigt erstaunliche Erfolge in der Berufsausbildung: Die Tischlermeister des Ilmkreises in Thüringen schicken ihre Lehrlinge wieder auf die Wanderschaft.

Den Tischlermeistern aus dem Ilmkreis, tief im Herzen des Thüringer Waldes gelegen, geht es bei ihrer Suche nach ambitioniertem Nachwuchs nicht anders als den meisten anderen Handwerksmeistern in Deutschland: Es fehlt an geeigneten Bewerbern. Und an der Qualität, weiß Walter Geyer, Chef einer Möbeltischlerei in Ilmenau: „70 Prozent der Bewerber fielen durch die Eignungstests.“

Hinzu kommt: Die Spezialisierung vieler Betriebe ist häufig so ausgeprägt, dass viele Meister nur ungern oder gar nicht ausbilden. „Unsere Lehrlinge erhielten bisher zwangsläufig eine sehr schmale Ausbildung“, erklärt Reinhard Scheidt, der in der Nähe von Arnstadt eine Bautischlerei mit fünf Mitarbeitern sowie drei Auszubildenden führt.
Das gemeinsame Ziel der Meister war rasch formuliert: Wir brauchen gute und umfassend ausgebildete Tischler, die neben fachlicher auch über soziale Kompetenzen verfügen. Erinnerungen an die gute alte Zeit der Wanderschaft wurden wach. Was also lag näher, als diese Idee wieder zu beleben?
Seit August 2002 gibt es sie also wieder im deutschen Tischlerhandwerk, die Wanderschaft, wenn auch bisher lediglich im thüringischen Ilmkreis. Als Tischler waren Walter Geyer und Reinhard Scheidt ja das Bohren dicker Bretter gewöhnt, aber was sie in der rund einjährigen Vorbereitungsphase an Widerständen zu überwinden hatten, geriet selbst für Profis zur schweißtreibenden Angelegenheit. Zunächst mussten ja die anderen Tischlermeister und auch die Berufsschulen für die Idee gewonnen werden. Die Suche nach Fördermöglichkeiten erwies sich als kompliziert. Und schließlich mussten die Fachinhalte und organisatorischen Abläufe erarbeitet werden.
In Dr. Norbert Zöllner, ihrem Innungsberater, fanden die Tischlermeister einen wichtigen Helfer und Förderer ihres Vorhabens. Mit Unterstützung der Handwerkskammer und des Landesinnungsverbandes gelang es, Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfonds und des Landes Thüringen zu bekommen. Eine wissenschaftliche Betreuung erfolgt durch das Institut für Technische Wissenschaften und Betriebliche Entwicklung der Uni Erfurt.
Endlich war es geschafft. Die „Kleine Wanderschaft“ nahm ihren Anfang. Für jeweils eine Woche ziehen seit dem Herbst 2002 die Lehrlinge von Betrieb zu Betrieb, im ersten Lehrjahr 12 mal, im zweiten sechsmal, und im dritten Lehrjahr noch viermal. Inzwischen wandern 23 Lehrlinge gleichmäßig durch die Betriebe und damit durch entsprechende Ausbildungsmodule. Allein zehn dieser Ausbildungsplätze gäbe es ohne die Wanderschaft übrigens gar nicht. Die Devise vieler Betriebschefs heißt heute: „Ohne Wanderschaft kein Lehrling!“
Die verschiedenen Ausbildungsmodule wurden nach praktischen Gesichtspunkten zusammengestellt. „Wir wollten praxisnah ausbilden“, fasst Walter Geyer zusammen. „Außerdem ging es uns darum, eine möglichst große Kundennähe zu erreichen.“ Die Lehrlinge absolvieren auf die Art beispielsweise Module für die Möbel- oder Türrestaurierung, arbeiten an einer CNC-Maschine und stellen Produkte aus Kunststoff her. Sie gehen eine Woche lang in einen Baumarkt und beobachten und beurteilen dort die Verkäufer, ja sie führen sogar selbst Verkaufsgespräche mit den Kunden. Ein weiteres Modul etwa beinhaltet die Grundlagen für das technische Zeichnen. „Die Berufsschullehrer haben nur noch gestaunt“, so Reinhard Scheidt. „Sie sagen schon jetzt, dass die Wanderschaft das Vorstellungsvermögen der jungen Leute, aber auch ihr Sozialverhalten erkennbar gestärkt hätten.“ Fakten bestätigen diese Entwicklung: Die Prüfungsnoten haben sich bereits nach dem ersten Jahr der Einführung um durchschnittlich eine Note verbessert.
Anfängliche Skepsis ist inzwischen weitgehend der Begeisterung gewichen. Der Berufsnachwuchs ist erkennbar engagierter bei der Sache und fachlich besser ausgebildet. Eine bescheidene Aufwandsentschädigung erleichtert es dem Meister, die kleinen Gruppen von mindestens drei Lehrlingen im Betrieb zu betreuen. Zweimal im Jahr ermöglicht ein Workshop einen regen Erfahrungsaustausch auch mit anderen Meistern. Dies führte inzwischen zu einem intensiveren Kontakt der 23 Meister des Ilmkreises. Ihr Zusammenhalt ist gewachsen. Hat einer von ihnen eine Auftragsspitze abzuarbeiten, bekommt er meist rasch Verstärkung, indem eines der Ausbildungsmodule in seinen Betrieb verlegt wird. „Der Vorzug der kleinen Wanderschaft“, schmunzelt Innungsberater Zöllner, „ist rasch auf den Punkt gebracht: Wir können betriebliche Abläufe nicht nur stören, sondern auch effektiv unterstützen.“ Ein weiterer Vorteil ergibt sich für die Thüringer Tischler außerdem noch. Ihre Idee ist längst der Renner auf diversen Bildungskonferenzen. Das erreicht Popularität und damit neue Aufträge.
Etwas Besseres können sich auch Marco Riemer und Stefan Fuchs nicht wünschen, die beide bei Reinhard Scheidt lernen. „Wir haben gerade an einer CNC-Maschine gearbeitet“, sagen sie. „Serienfertigung kennen wir ja sonst gar nicht.“ So erlernen sie die Unterschiede zum klassischen Handwerk und sammeln Erfahrungen an neuen Maschinen. Vor allem aber, darauf legen die Jugendlichen viel Wert, sie lernen neue Menschen kennen. Stefan Fuchs, 1. Lehrjahr, will seinen Berufsabschluss mit dem Holzfachwirt komplettieren: „Die Zusammenarbeit in all den neuen Betrieben ist ein echtes Aha-Erlebnis. Die Leute kommen auf einen zu. Man freundet sich schnell an und wird vom Meister für voll genommen, weil man Sachen mitbringt, die er selbst nur selten macht.“
Für Marco Riemer, 3. Lehrjahr, war die Arbeit am historischen Fischtor in Arnstadt einer der entscheidendsten Vorzüge der Wanderschaft. Die Tischlerinnung hat dieses Gebäude ganz bewusst mit dem Ziel gekauft, den Meistern und Lehrlingen der „Kleinen Wanderschaft“ ein gemeinsames Betätigungsfeld zu schaffen. Nach und nach wurde das Tor rekonstruiert, indem alte Techniken angewandt wurden. „Das war so etwas wie unser Bonbon für die jungen Leute“, erklärt Walter Geyer. „Sie konnten sich hier richtig austoben, waren mit den Meistern auf der Baustelle und entwickelten so etwas wie eine berufliche Identifikation.“
Reinhard Myritz
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