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Einfach mal reinhören

Unterrichtsprojekt an der Meisterschule Ebern
Einfach mal reinhören

Für Schreinermeister und Schreinermeisterinnen gibt es vielfältige, berufliche Einsatzgebiete – so auch im Musikinstrumentenbau. Fachschüler und Fachschülerinnen der Meisterschule Ebern besuchten eine Firma für historische Tasteninstrumente und untersuchten anschließend das Schwingungsverhalten unterschiedlicher Tonhölzer.

Dr. Oliver Dünisch

Bei den beruflichen Tätigkeiten und Perspektiven für Schreinermeisterinnen und Schreinermeister denkt man üblicherweise vor allem an die Bereiche „Möbel“ und „Bau“, für die sogar die eigenen Begriffe des „Möbelschreiners“ und „Bauschreiners“ geprägt wurden. Die sehr breite Meisterausbildung im Schreiner- und Tischlerhandwerk bietet aber darüber hinaus zahlreiche weitere spannende und gute berufliche Perspektiven. Ziel der Meisterschule Ebern für das Schreinerhandwerk ist es deshalb, den Fachschülerinnen und Fachschülern während ihrer Meisterausbildung die Möglichkeit zu geben, solche Nischen kennenzulernen und sich mit ihren speziellen Anforderungen auseinanderzusetzen.

Besuch in der Musikinstrumentenmanufaktur

Der Musikinstrumentenbau ist eine solche Nische, für die Schreinermeisterinnen und Schreinermeister durchaus gute Grundlagen mitbringen. Die Meisterschule Ebern besuchte deshalb als Einstieg in eine praktische Projektarbeit zum Thema „Ton- und Resonanzholz“ mit ihren Meisterschülerinnen und -schülern die Firma J. C. Neupert in Hallstadt bei Bamberg (www.jc-neupert.de), die sich auf den Bau und die Restaurierung historischer Tasteninstrumente wie Cembali oder Spinette spezialisiert hat. Bei J. C. Neupert fand auch Michael Rudolph als Schreinermeister und Absolvent der Meisterschule Ebern nach seinem Abschluss der Meisterausbildung im Jahr 2015 eine neue und erfüllende berufliche Heimat und gewährte gemeinsam mit dem Geschäftsführer des Unternehmens, Herrn Manfred Büttner, einen Einblick in seine tägliche Arbeit.

Anspruchsvolle Handarbeit

Beim Werkstattbesuch führt Herr Büttner die Meisterschülerinnen und -schüler an die unterschiedlichen Bau- und Funktionsweisen der produzierten Cembali, Spinette, Virginale, Klavichorde, Tafelklaviere und Hammerflügel heran und erläutert ihre historische Entwicklung und ihre heutige Bedeutung. Beim anschließenden Rundgang durch die Produktion wird der hohe handwerkliche Aufwand, der in der Herstellung eines hochwertigen Instruments steckt, dann ganz besonders augenfällig. Ein Großteil der notwendigen Arbeitsschritte lässt sich nicht automatisieren, sodass der Bau eines hochwertigen Cembalos durchaus bis zu drei Monate in Anspruch nehmen kann.

Schreinermeister im Musikinstrumentenbau

Besonders spannend war es natürlich Schreinermeister Michael Rudolph über die Schulter schauen zu können und Konkretes zu den beruflichen Tätigkeiten eines Schreinermeisters bei einer Manufaktur für historische Tasteninstrumente zu erfahren. Gerade für die Herstellung der hochwertigen Gehäuse, das die enormen Zugkräfte der Saiten aufnehmen muss und für die Herstellung des Resonanzbodens, der für den Klang des Instruments von übergeordneter Bedeutung ist, bringen Schreinermeister/innen besonders gute Vorkenntnisse mit. Die Holzauswahl ist neben der handwerklichen Ausführung ein zentraler Baustein für die Herstellung eines hochwertigen Resonanzbodens, denn der Resonanzboden muss die über den Tastenanschlag erzeugten Schwingungen sauber übertragen und verstärken. Nur wenige Holzarten bringen die für den Bau von Resonanzböden notwendigen außergewöhnlichen Eigenschaften mit, weshalb die sehr begrenzte Holzartengruppe auch gern als Resonanz- oder Tonhölzer bezeichnet wird, wie Herr Büttner und Herr Rudolph erläutern. Aufgrund des Holzaufbaus und spezieller mechanischer Eigenschaften wird hierfür seit Jahrhunderten bevorzugt engringig gewachsenes Fichtenholz, das darüber hinaus auch noch weitere Besonderheiten wie einen Hasel- oder Wimmerwuchs aufweisen kann, verwendet.

Praktische Arbeit im Holzlabor

Aber was zeichnet diese Tonhölzer aus? Dieser Frage gingen die Meisterschüler/innen nun – inspiriert durch die vielfältigen Eindrücke aus dem Werkstattbesuch – im Fach Werkstofftechnologie praktisch nach, wofür an der Meisterschule Ebern ein kleines Holzlabor zur Verfügung steht. Allerdings gab es bisher in diesem Holzlabor keine Prüfmöglichkeit, die auch eine Untersuchung des für Resonanzhölzer so wichtigen Schwingungsverhaltens ermöglicht, weshalb in einem ersten Schritt eine entsprechende digitale Prüfvorrichtung für plattenförmige Materialien entwickelt wurde, die mit finanzieller Unterstützung aus dem Digitalpakt Schule Bayern dann auch an der Fachschule realisiert werden konnte.

In Arbeitsgruppen wurden in der Werkstatt Prüfkörper aus unterschiedlichen Holzarten und mit unterschiedlichem Jahrringbau hergestellt und deren Rohdichte, Festigkeit und Elastizitätsverhalten sowie deren Schwingungsverhalten untersucht und miteinander verglichen. Hierbei wurden auch konstruktive Anpassungen wie das Aufleimen von Stegen und Rippen und die Einspannung der Platten mit und ohne Filz, die bei der realen Herstellung von Resonanzböden angewandt werden, simuliert. In einer kurzen Ergebnispräsentation und Dokumentation der einzelnen Arbeitsgruppen wurden die Ergebnisse zusammengetragen und miteinander verglichen, wobei die Besonderheiten, die die Holzart Fichte zur Nummer 1 für den Bau von Resonanzböden macht, besonders augenfällig wurden.

Nach diesen Erfahrungen und positiven Rückmeldungen wird es für die Meisterschule Ebern ein Ziel sein, sich im Rahmen der Meisterausbildung weiterhin auch mit Nischenbereichen für Schreinermeister/innen und deren Besonderheiten auseinanderzusetzen, um auch berufliche Perspektiven außerhalb klassischer Pfade aufzuzeigen.

www.meisterschule-ebern.de


Der Autor

Dr. Oliver Dünisch ist Diplom-Holzwirt und Leiter der Meisterschule Ebern für
das Schreinerhandwerk.


Dem Schreinermeister und Absolventen der Meisterschule Ebern Herrn Michael Rudolph beim Einsetzen der Stifte über die Schulter geschaut: Bei einem großen Cembalo können das bis zu 756 Stifte sein, die exakt angerissen, angestochen, gebohrt, eingeschlagen, ausgerichtet, auf Länge gekürzt und gefeilt werden müssen.
Bildnachweis: Michael Rudolph

Zusatz-Info

Interview mit Michael Rudolph, Absolvent der Meisterschule Ebern zur Tätigkeit eines Schreinermeisters im Musikinstrumentenbau

Dr. Oliver Dünisch: Nach Ihrer Meisterausbildung an der Meisterschule Ebern haben Sie, Herr Michael Rudolph, den Weg in den Musikinstrumentenbau eingeschlagen und sich bei der Firma J.C. Neupert in Hallstadt bei Bamberg beruflich weiterentwickelt. Wie kam es 2015 dazu?

Michael Rudolph: Nach der Meisterausbildung bekam ich ursprünglich die Möglichkeit, bei einem Fensterhersteller als Meister einzusteigen. Durch Zufall wurde ich im „letzten Moment“ auf eine Stellenanzeige der Firma J.C. Neupert, einem Spezialisten für den Bau und die Restauration historischer Tasteninstrumente, aufmerksam. Mit einer gewissen Vorliebe für unkonventionelle Wege entschied ich mich also spontan um.

Dr. Oliver Dünisch: Können Sie uns etwas zu Ihren Tätigkeiten und Aufgaben bei der Fa. Neupert sagen und was qualifiziert einen Schreinermeister hierfür?

Michael Rudolph: Der Schwerpunkt liegt auf der handwerklichen Anfertigung der Instrumentengehäuse. Hierbei wird zwischen Rasteninstrument, welches mit furnierten Platten umgeleimt, also verkleidet wird und dem Kasteninstrument unterschieden. Bei dem Kasteninstrument bilden die verwendeten Massivholzteile den fertigen Instrumentenkorpus. Zum Einsatz kommen klassische Holzverbindungen wie Fingerzinken, Schwalbenschanzverbindungen und Gratverbindungen. Weiterführend die Bearbeitung des Resonanzbodens. Dieser wird aus feinjähriger italienischer Fichte an den Rasten/Kasten angepasst, auf verschiedene Stärken von Hand gehobelt und später mit sogenannten Klangstegen versehen.

Für diesen Tätigkeitsbereich konnte ich besonders mein über die Meisterausbildung erworbenes Wissen aus dem Vorrichtungsbau zur Fertigung der komplexen Bauteile nutzen. Später kamen die Kenntnisse für die Optimierung der Werkstatteinrichtung und -abläufe, der Materialverwaltung als auch für die zeitgemäße Dokumentation der Bestandsinstrumente sowie der neuen Instrumentenmodelle hinzu.

Dr. Oliver Dünisch: Was sollte man aus Ihrer Sicht für eine entsprechende Tätigkeit auf jeden Fall mitbringen?

Michael Rudolph: Geduld, Liebe zum Detail und Offenheit für Neues. Als Schreiner in den Musikinstrumentenbau einzusteigen, bedeutet einen neuen Beruf zu erlernen. Grundlagen sind hilfreich, jedoch werden Fähigkeiten benötigt, die im normalen Schreineralltag oftmals verloren gegangen sind. Darin liegt auch eine sehr große Chance. Den bisherigen Beruf aus einer ganz anderen Perspektive zu erfahren, ermöglicht Grenzüberschreitungen und eröffnet neue Wege und Gestaltungsmöglichkeiten. So konnte ich mit zum Teil sehr einfachen Maschinen und gutem Handwerkzeug schnell und präzise höchst komplexe Holzformen und Konstruktionen anfertigen, was nur möglich war, da sehr erfahrene Arbeitskollegen ihren über Generationen erworbenen Wissensschatz mit mir teilten.

Dr. Oliver Dünisch: Der Resonanzboden ist für den Klang eines Cembalos von besonderer Bedeutung. Worauf ist bei der Herstellung aus handwerklicher Sicht hierbei besonders zu achten?

Michael Rudolph: Das feinjährig gewachsene Fichtenholz aus den Gebirgslagen Italiens sorgt für eine harmonische Verteilung der Schwingungen vom Klangsteg ausgehend über den Resonanzboden und schließlich auf die Luft und den ganzen Instrumentenkörper (Luftschall und Körperschall). Die Dicke des Resonanzbodens ist entscheidend für die Klangentfaltung. Diese ist auf der gesamten Fläche unterschiedlich und wird händisch auf Maß gehobelt. In einigen Bereichen wird so eine Materialdicke von 1,5 mm hergestellt. Scharfes Werkzeug, ebene Bearbeitungsflächen sowie eine gute Holzqualität sind dabei maßgebende Faktoren für das gewünschte Ergebnis.

Dr. Oliver Dünisch: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus und welche Erfahrungen aus dem Musikinstrumentenbau kommen Ihnen hierfür zugute?

Michael Rudolph: Ausgehend von den traditionellen Handwerkstechniken im Musikinstrumentenbau möchte ich mein entsprechendes Wissen zu verloren gegangenen Holzhandwerkstechniken wie dem Drechseln mit der Wippdrehbank, dem Arbeiten mit der Schnitzbank, dem Ziehmesser und dem Tischlerbeil erweitern. Diese möchte ich in Form von Seminaren Kindern und Erwachsenen zugänglich machen. Ich bereite deshalb gerade meine zukünftige Selbstständigkeit vor.

Das Interview führte Dr. Oliver Dünisch

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