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Entworfen, gezeichnet und gefertigt

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Entworfen, gezeichnet und gefertigt

Krönender Abschluß einer Tischler- bzw. Schreinerlehre ist die Anfertigung eines Gesellenstückes. Für die angehenden Gesellinnen und Gesellen ist dies der Nachweis, daß sie für ihren künftigen Berufsweg als Fachkraft im Tischlerhandwerk das erforderliche Rüstzeug erhalten haben, denn sie entwerfen in der Regel „ihr“ Gesellenstück selbst und erarbeiten die Konstruktion in der Fertigungszeichnung, nach der sie es millimetergenau herstellen müssen. Dies tat auch Stefan Weis. Er fertigte einen Utensilienschrank als Gesellenstück in seinem Ausbildungsbetrieb, den bekannten Ursula Maier Werkstätten, Markgröningen. Der folgende Bericht dokumentiert die einzelnen Phasen der Fertigung.

Von Hans Marx, Gerlingen

Den Wunsch, ein Handwerk zu erlernen hatte Stefan Weis schon in seiner Realschulzeit. Da war zum einen sein Vater, als Technischer Oberlehrer an der Robert-Mayer-Schule in Stuttgart – selbst aus dem Handwerk kommend – von dem Stefan u. a. lernte, sich mit technischen Problemen auseinanderzusetzen. Und da war sein Bruder, Schreinerlehrling im 2. Ausbildungsjahr, der ihn mit Holzarbeiten aus dem Berufsschulunterricht von der Attraktivität des Schreinerberufes überzeugte. Auf der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz wollte es der Zufall, daß er einen Lehrvertrag von einer Schreinerwerkstatt bekam, die sich seither durch beispielhafte Ausbildungsleistungen besonders hervorgetan hatte: die Ursula Maier Werkstätten in Markgröningen.
Für Stefan Weis bedeutete die Beendigung der Lehrzeit mit der bestandenen Gesellenprüfung aber nicht auch das Ende des Lernens: Er besuchte anschließend ein einjähriges Berufskolleg Fachrichtung Technik. Ausgestattet mit dieser Zusatzqualifikation ist er heute in einem Innenausbaubetrieb tätig, um sich eine noch breitere Wissensbasis für seinen weiteren Berufsweg anzueignen. Über die Anfertigung seines Gesellenstückes, einem Utensilienschrank, berichtet Stefan Weis: „Das Gesellenstück war für mich nicht nur die Bestätigung, sondern auch der Nachweis dessen, was ich während meiner Lehrzeit gelernt habe“, und fährt fort: „Weil mir schon bald nach Lehrzeitbeginn klar war, daß meine berufliche Zukunft wesentlich vom Ergebnis meiner Gesellenprüfung abhängt, habe ich mich schon am Anfang des zweiten Lehrjahres mit dem Gesellenstück auseinandergesetzt. Ich empfand es als etwas Besonderes, ein Möbel selbst zu gestalten und zu konstruieren. Deshalb habe ich, immer wenn ich Zeit hatte, ein Blatt Papier genommen und etwas aufskizziert. Auf Gesellen- und Meisterstückausstellungen bekam ich eine Vorstellung, wie mein Gesellenstück in etwa aussehen sollte. Irgendwann hatte ich die Skizze eines Möbels, das mir wirklich gefiel. Ich ging damit zu meinen Ausbildungsmeistern, Frau Maier und Herrn Winter, die mir Tips gaben, wie ich das Möbel gestalterisch optimieren könnte.
Sie rieten mir, zwei kleine Modelle anzufertigen, um das Möbel in seiner formalen Gestaltung anschaulicher zu machen. Das half mir sehr und so entstand mein Gesellenstück, ein Utensilienschrank, in schlichter Form, eher unscheinbar und unspektakulär.
Das Möbel besteht aus zwei Korpussen, die innen wie außen mit Bergahorn, furniert sind. Das Furnier beinhaltet viele kleine Äste, die ich absichtlich nicht wegfallen ließ, um die Ansicht interessanter zu gestalten. Für die stumpfaufschlagenden Türen verwendete ich Edelstahlbänder, für die Zuhaltung kleine, in die Korpuskante eingelassene Magnete. So konnte ich auf ein Schloß, oder irgendwelche anderen in der Ansicht störenden Konstruktionen, verzichten. Zwischen die zwei maßgleichen, übereinander angeordneten Korpusse placierte ich einen kleinen zurückgesetzten Schubkasten. Die Besonderheit an dem Schubkasten war, daß er breiter als tief und der Zugpunkt (Schlüssel) außerhalb der Mitte war. Erschwerend kam hinzu, daß das Schubkastendoppel auf Gehrung auf den Schubkastenkorpus lief und somit eine Haarfuge an der rechten und linken Schubkastendoppelseite entstand. Der auf Gehrung laufende Schubkastenkorpus wurde mit Madrona Maserfurnier furniert. Als Griffe ließ ich zwei konisch zulaufende Edelstahlleisten anfertigen, die spiegelverkehrt zueinander montiert wurden. In einer Linie mit den Griffleisten positionierte ich den Schlüssel des Schubkastenschlosses. Der Schlüssel wurde auch extra angefertigt. Somit entstand eine durchgehende Edelstahllinie, das die geradlinige Form noch unterstreicht. Als Sockel wählte ich dunkelblauen Granit der poliert wurde.
Die Konstruktion ist bei diesem Gesellenstück eher einfach, aber ich habe mehr Wert auf Genauigkeit und Sauberkeit gelegt. Die einzige Schwierigkeit war, wie oben schon angesprochen, der Schubkasten aufgrund seiner Proportion und des außerhalb der Mitte liegenden Zugpunktes. Bei der Zeichnungsvorlage des Gesellenstückes bemängelte der Prüfungsausschuß diesen Punkt, aber ich ließ mich nicht abschrecken und baute den Schubkasten wie auf der Zeichnung und er läuft immer noch einwandfrei. Alles in allem habe ich mehr Wert auf Funktionalität und Gestaltung gelegt als auf Konstruktionsschwierigkeiten.“ Bei angehenden Gesellen sollte dieser Bericht besonderes Interesse finden. Sie werden begeistert sein über das Ergebnis und den Einsatz moderner Maschinen und die Exaktheit der Fertigung.
Der angehende Meister sollte sich bei den einzelnen Abbildungen fragen, was aus der Sicht eines künftigen Ausbilders besonders begrüßenswert, was derzeitiger Stand der Handwerkstechnik und inwieweit die Forderungen nach einer rationellen Fertigung erfüllt, sowie Sicherheitsvorkehrungen (z B. an der Kreissäge) eingehalten wurden.
Die im voraus aufzustellende Materialliste muß bis zur letzten Schraube alle Teile mit genauen Maß- und Materialangaben enthalten. So wird es möglich, rationell zu arbeiten, d. h. alle erforderlichen Teile (Massivholz, Plattenmaterial, Furnier, Beschläge usw.) gruppenweise zu fertigen bzw. bereitzustellen. Erst dann erfolgt das Kantenumleimen, Furnieren, Formatschneiden, Schleifen, Grundieren usw. Dieses Prinzip zieht sich durch die ganze Fertigung, denn es soll nicht nur bei der Prüfung, sondern später bei der Arbeit als Geselle tägliche Praxis sein.
Von der Prüfungskommission wird verlangt, daß in einer normgerechten Fertigungszeichnung, das Gesellenstück in fach- und werkstoffgerechter Konstruktion vollständig dargestellt wird, so daß es maßgenau in vorgegebener Zeit, bei hoher handwerklicher Qualität der Ausführung, angefertigt werden kann. n
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