Die Zukunft des Kunststofffensters

Inoutic: Innen und außen verbinden

Architekten, Zulieferer und Investoren haben oft Meinungsverschiedenheiten, wenn es um Planung von Projekten geht. Um diese Differenzen zu diskutieren, lädt der Architekt und Professor Titus Bernhard zu einer Diskussionsreihe ein. Zur Diskussion steht mit Inoutic die Beziehung zwischen der Innen- und Außenseite architektonischer Baukörper. Erklärtes Ziel: Potenzial für die Bauzulieferbranche entwickeln.

Bernhard Als Architekt wähle ich nur Produkte, denen ich vertrauen kann und die meinem Anspruch gerecht werden. Ich habe in zehn Jahren kein einziges Kunststofffenster verbaut. Ich finde sie einfach nur langweilig. Wie sehen Sie das als Bauträger, Herr Dr. Lippert?

Lippert Als Vertreter eines mittelständischen Unternehmens weiß ich, dass Architekten in verschiedenen Dingen sehr dogmatisch denken. Wir als Bauträger versuchen zunächst dem Architekten weitgehend freie Hand zu lassen, um anschließend das theoretisch Mögliche mit dem Machbaren abzugleichen. Das ist oft ein langer Prozess, der nicht immer erfreulich ist für alle Beteiligten. In der Regel ist es eben dann doch so: wir fangen bei Holz an und enden bei Kunststoff.
Fox Das hat mit Ratio und Emotio zu tun. Man hätte gerne etwas anderes, entscheidet sich aber aus Kosten- und Funktionsgründen für das Kunststofffenster.
Bernhard Ein Holzfenster ist emotional und ein Kunststofffenster ist rational, letzteres hat keinen Charme und keine Begehrlichkeit. Aber offensichtlich findet hier gerade ein Umdenken statt. Eine Gleichberechtigung von Funktion, Wirtschaftlichkeit und Ästhetik ist die Zukunft. Ich sage: man kann etwas günstig gestalten und dafür einen vertretbaren ästhetischen Kompromiss eingehen. Und es gibt Kunststoffprodukte, die nicht das Image haben, Plastik sei schlecht.
Kuchler Wir alle leben hier und jetzt im Zeitalter der Globalisierung. Unsere Produkte brauchen ein Gesicht, um Werte glaubhaft transportieren zu können. Ich würde mein Fenster auch nicht Kunststofffenster nennen, sondern ihm einen Materialnamen geben und eine spezielle Eigenschaft zuweisen. Warum das Fenster dann so speziell ist, bleibt letztlich das Geheimnis der „Coca-Cola-Mixtur“. In dem Moment, wo man das Ganze profiliert – im wahrsten Sinne des Wortes – also den USP herausstellt gegenüber dem, was sonst auf dem Markt ist, habe ich es eigentlich schon geschafft.
Coester Wer heute ein Kunststofffenster bestellt, bekommt ein fantastisches Produkt zu einem Superpreis. Manager in der Bauzulieferbranche kommen allerdings irgendwann an den Punkt, wo sie ihre Produkte als „Commodity“ betrachten – die Produkte sind also absolut vergleichbar und es kommt nur auf den Preis an. Hier ist das Produkt am Ende seines Lebenszyklus angekommen.
Kuchler … und es ist nicht sexy, war es nie …
Coester Stimmt! Keiner sagt, wenn er seine Freunde durchs Haus führt: „Schau, ich habe ein tolles Kunststofffenster!“
Bernhard Ich frage mich, wo die Innovationen im Bereich der Zulieferindustrie für Kunststofffenster bleiben – die könnten den Architekten begeistern.
Coester Ich bin Innovationsmann, kein Produktfachmann. Was auffällt ist, dass es Bereiche in der Fensterbranche gibt, in der Innovationen gar nicht möglich sind. Ein Fensterprofilsystem von heute muss alles können und es muss auf den bisherigen Anlagen der Kunden und Hersteller zu fertigen sein. Das ist, als bekäme der Designer ein Paar Eisenschuhe an die Füße und soll dann einen großen Sprung machen. Da braucht es den Mut zu sagen, man macht kein Profilsystem, sondern eine kleine Auswahl an Profilen, die für bestimmte Zwecke ideal geeignet sind – aber eben nur dafür.
Kuchler Ja, weniger wäre mehr. Die klassische deutsche Vorgehensweise ist doch, dass dem Designer 500 Leute sagen, was die „Eier legende Wollmilchsau“ können soll. Hinzu kommen einschränkende Zeit- und Kostenschienen. Ein Gegenbeweis ist Apples iPod, der weniger kann als andere Player, aber mehr kostet und sich durch seine reduzierte Gestaltung verkauft.
Bernhard Für die Gestaltung eines Fensterprofils bedeutet das aus meiner Sicht: Ein kleines Zimmer kann von seiner Atmosphäre her angenehmer sein als ein großes, wenn man es schafft, den Außenbereich einzubeziehen. Dafür wünschte ich mir z. B. schmale Profile. Aber ich sehe noch ein weiteres Hemmnis: die vielen komplexen staatlichen Reglementierungen. Wie kann man ein unter Normen und Vorgaben stehendes Produkt noch optisch ansprechend darstellen?
Coester Wir begegnen dieser Herausforderung auf unsere Weise. Herkömmliche Produktpräsentationen sind obsolet. Wir werden auf der „fensterbau/frontale“ keine Profile mehr in den Vordergrund stellen, sondern unsere Marke erlebbar machen, um das Unternehmen zu öffnen. Weg vom Mittelmaß – hin zu den Rändern, wo etwas passiert. Uns interessiert der Übergang zwischen Architektur und Wirtschaftlichkeit, zwischen Funktion und Design.
Lippert Um die richtige Innovation zu stärken muss der Austausch gefördert werden! Jeder hat sein System und versucht es kostengünstig zu bedienen. Man könnte gemeinsam viel mehr erreichen. All die Energie, die in ein Produkt hineinfließt, wird nicht offen ausgetauscht! Das ist doch Wahnsinn.
Bernhard Wenn man Leuten zuhört, die sich über den Schwung eines Kotflügels beim Auto unterhalten, fragt man sich, wieso es dieses Bewusstsein nicht in der Bauwirtschaft gibt.
Kuchler Das ist schon alleine wegen der Frequenz der Entwicklung so. Jedes andere Produkt unterliegt einem jährlichen, oder noch kürzeren Zyklus. Mobiltelefone z. B. besitzen eine begehrliche Technologie, die man vermarkten kann. Welche Technologie könnte also ein Fenster haben?
Bernhard Ich denke, der Ansatz geht mehr über das kulturelle Bewusstsein. Wohnen muss zukünftig Lebensqualität bedeuten.
Coester Es gilt auch, die Fensterbranche mit emotionalen Inhalten aufzuladen.
Kuchler Das Problem ist: wie soll ich etwas emotional aufladen, was ich vielleicht gar nicht sehen will?
Coester Da möchte ich widersprechen, denn es kommt auf die Betrachtungsweise an. Wenn Sie von außen auf die Fassade blicken, dann ist das Fenster ein wichtiges Gestaltungselement.
Bernhard Ich verabscheue übrigens diese falsche „Fenster-Sommersprossen-Romantik“, wo man von außen etwas „draufpappt“, damit es so aussieht, als wäre es etwas anderes.
Kuchler Ich würde das Kaschieren von Oberflächen nicht verteufeln. Im Automobilbau sind Holz-Inlay, auch aufgeklebt. Eine Aluminium-Applikation auf einer Scheibe kann ich mir sehr gut vorstellen.
Fox Man sollte Herrn Coester mal fragen, warum er zum Beispiel Golden Oak (Anm. d. Red.: Eiche-Imitat, Kaschierungsfarbe für Fensterprofile) verkauft.
Coester Weil die Nachfrage da ist!
Bernhard Hinter Golden Oak liegt doch das Bedürfnis der Menschen nach Geborgenheit und Romantik – damit werden Werte assoziiert. Das Problem dabei: Nicht jedes Individuum können wir an die Hand nehmen und sagen „denk darüber nach“. Wenn wir Mittel und Wege finden, die Leute zu überzeugen, dass eine andere Qualität diese Grundbedürfnisse ebenso befriedigt, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Surrogate haben ihre Berechtigung, wenn sie ehrlich eingesetzt werden. Dr. Lippert, mich würde interessieren, ob einer Ihrer Kunden schon mal nach der Ästhetik des Fensters gefragt hat.
Lippert Ja, sogar in zunehmendem Maße. Die Käufer hinterfragen jedes Detail.
Bernhard Ich frage mich: Wie können wir wieder eine, in unserem Sinne positive Werteverschiebung schaffen? Weg von überflüssigen Konsumgütern, zurück zu sinnstiftenden Inhalten?
Kuchler Das ist eine wichtige Frage. Wie finde ich zurück zu einem Produkt, das eigentlich selbstverständlich ist und in der Prioritätenliste nicht mal unter den ersten Fünf steht. Wie kann das Kunststofffenster aufgewertet werden?
Coester Die Möglichkeit, das Fenster selbst zu beleuchten, finde ich faszinierend. Fenster, die nach außen abstrahlen, was im Inneren passiert, eröffnen ungeahnte Möglichkeiten.
Bernhard Alles scheint eine Frage des Bewusstseins. Ich glaube, dass wir durch viele Gespräche Stück für Stück dazu beitragen können, Menschen zu begeistern. Aber: wenn wir uns noch mehr Normen auferlegen, werden die Chinesen uns in 10 Jahren überholen. Andere verstehen es, innovativer mit ihren Möglichkeiten umzugehen. Sie nutzen die gegenwärtige Epoche des Kunststoffes ganz anders.
Fox Die Märkte für Kunststoffe wachsen beständig. Wir müssen den Kunststoff als „Kunst-Stoff“ betrachten und Funktionalität mit Design verbinden.
Bernhard Ich hoffe, es war für alle Beteiligten ein fruchtbarer Diskurs und wünsche mir, dass wir damit vielleicht auch ein neues Bewusstsein bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern anstoßen können. Vielen Dank für das Gespräch. ■

Infos zum Thema

Unter www.inoutic.com werden im Laufe des Jahres alle Gesprächsrunden veröffentlicht. Weitere Infos zu Inoutic gibt es auf der fensterbau/frontale Halle 3, Stand 223.
Der Round Table fand in den Räumen der Agentur Martin et Karczinski in München statt.
Fotos: Matthias Garvelmann

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