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Knochenarbeit

Ungewöhnliche Materialien drechseln
Knochenarbeit

„Es riecht wie beim Zahnarzt“, rümpft ein Kursteilnehmer die Nase. „Es riecht nur für die schlecht, die später dazu kommen“, meint Kursleiter Helmut Jäger. Gerade ist ein Rinderknochen an der Bandsäge geschnitten worden. Aus dem groben Material soll ein kleines, zartes Döschen entstehen, das aussehen wird, als sei es aus Elfenbein.

„Was machst Du am Wochenende?“, hatte mich ein Freund gefragt. „Knochendrehen“, sagte ich und er schaute mich mit großen Augen an: „Hat das etwas mit Voodoo zu tun?“ „Nein. Natürlich nicht.“ Ich musste lachen. „Eigentlich ist es etwas ganz Traditionelles.“ Knochen waren früher ein sehr begehrter Werkstoff. Viele Dinge des Alltags wurden daraus hergestellt: Knöpfe, Griffe, kleine Geräte, Spielfiguren. Heute werden Knochen noch im Musikinstrumentenbau, für Klaviere und Gitarren, verwendet. Und an diesem schönen Herbsttag sollte in der Drechselstube Neckarsteinach eine kleine Dose entstehen, die einem römischen Original nachempfunden ist, das vor rund 1800 Jahren in der Nähe von Augsburg entstand.

Natürlich hätte man auch Elfenbein nehmen können. Aber das ist schwierig: Echtes Elfenbein darf heute nur noch mit Zertifikat verkauft werden. Das auf dem deutschen Markt erhältliche Elfenbein ist aus Beständen, die vor dem Jahr 1989 eingeführt wurden. Nichts, was heute noch in Deutschland aus Elfenbein hergestellt wird, darf das Land verlassen. Mammut-Elfenbein dagegen ist leichter verfügbar und kann freier gehandelt werden. Die Bestände in Sibirien sind immer noch groß genug, um den Markt zu versorgen. Hochwertige Klaviertasten beispielsweise werden meist aus Mammut-Elfenbein hergestellt. Man bekommt es für 100 bis 200 Euro pro Kilogramm, je nachdem wie gut die Qualität ist. Aber nun ist es erstmal ein Rinderknochen. Damit fängt alles an.
Gestresste Knochen
Jeder Knochen ist anders. Ein Naturwerkstoff. Kursleiter Helmut Jäger begutachtet die vor ihm liegende Auswahl an dicken Rinderknochen: „Dieser hier ist gestresst worden“, sagt er und zeigt auf die kalkige Oberfläche und den Riss. „Vielleicht wurde er zu lange gekocht.“ Ausschuss. Helmut Jäger ist gelernter Elfenbeinschnitzer und Drechsler und arbeitet als Lehrer an der Berufsfachschule für das Holz und Elfenbein verarbeitende Handwerk in Michelstadt im Odenwald. Als Dozent in der Drechselstube Neckarsteinach lehrt er jeden Interessierten die Kunst des Knochendrehens.
„Die besten, dickwandigsten Knochen kommen von südamerikanischen Rindern“, weiß Jäger. „Diese leben im Freien, haben viel Bewegung und frische Nahrung.“ Verwendet werden die Knochen des Hinterbeines. Nur sie haben die ausreichende Größe für ein Döschen. Frische Knochen sollten vor der Weiterverarbeitung eine halbe Stunde in einer Waschlauge gekocht, dann abgespült und noch einmal gekocht werden. Dabei werden die Knochen entfettet und das Mark heraus gelöst.
Hand auflegen
Aus einem Knochen könnten theoretisch zwei Dosen entstehen: Der Dosenkörper entsteht aus dem mittleren Knochenteil, aus den Endstücken entstehen Boden, Deckel und der Griff. Der Knochen wird aufgeteilt und an der Bandsäge entsprechend „abgelängt“. An der Bandsäge warnt Helmut Jäger: „Nicht die Finger in die Knochenhohlung stecken. Sie sind oft länger als man denkt.“ Die Nähe zum Sägeblatt allerdings sei beim Schneiden des Knochens gang und gäbe. „Es kann nicht viel passieren“, beruhigt er die Umstehenden. „Nur ruckartige Bewegungen sind gefährlich. Und: Immer die Hand auf dem Sägetisch auflegen.“
Mit einer Schablone werden dann die Durchmesser angezeichnet. Die Wand der Dose sollte mindestens drei Millimeter dick sein, sonst wird es heikel. Die Größe von Boden und Deckel richtet sich logischerweise nach dem Dosenkörper. Alle Teile werden an der Schleifmaschine soweit wie möglich vorgeformt. Doch: Achtung, schnell ist die Wand zu dünn. Also: Vorsicht. Lieber zu wenig, als zu viel geschliffen.
Dann kann es losgehen: In das Spundfutter der Drechselbank wird ein Spund aus Holz eingespannt: Dieser dient als Halt und Befestigung für alle Dosenteile. Dann drückt Helmut Jäger auf den Start-Knopf, überlegt es sich aber noch einmal anders und hält die Maschine gleich wieder an. „Das Werkzeug muss einen schabenden Schnittwinkel haben“, sagt er und hält das Werkzeug, einen so genannten Flachschaber, hoch.
Geschabt, nicht geschnitten
Knochen wird – anders als Holz – schabend bearbeitet. Wenn man Holz drechselt, schneidet man den Span. Dafür aber ist der Knochen viel zu hart. Ihn schabt man nur. Und erhält am Ende eine wunderbar glatte Oberfläche.
Zuerst Boden und Deckel. Die eine Seite des Knochenstückes wird einfach mit Spucke befeuchtet und an den Holzspund gedrückt. „Spucke ist basisch und löst den Knochen ganz leicht an“, erklärt Helmut Jäger. „Dabei entsteht eine Art Klettverschluss zwischen Knochen und Holz.“ Dann läuft die Maschine wieder an. Mit ungefähr 1000 Umdrehungen sollte sich die Spindel drehen. Beim Boden überdreht man beide Seiten, beim Deckel nur eine. Die Spitze des Reitstocks wird nun an das Knochenstück herangeführt und muss sich ein wenig einmahlen, um Halt zu geben. Dann rundet Helmut Jäger den Dosenboden vorsichtig mit dem Meißel, dreht ihn nach oben hin konisch ab und versieht die spätere Verleimfläche mit einigen Rillen, damit der Knochenleim besser hält.
Der Grat ist das Wichtige
Nun ist das Knöpfchen für den Deckel an der Reihe. Ein Loch wird in den Holzspund gedreht, das längliche, kantige Knochenstück hineingeschlagen und bearbeitet.
Der Körper der Dose wird erst von außen zylindrisch gedreht – mit einem kleinen Wulst am Fuß. Immer wieder fährt Helmut Jäger mit dem Werkzeug über den Abziehstein und ermahnt dabei seine Teilnehmer: „Nicht das Schärfen, sondern das Abziehen, der Grat ist das Wichtige.“ Um die Öffnung für den Boden herausarbeiten zu können, wird eine Aussparung in den Holzspund gedreht, die den Außendurchmesser des Döschens hat. Hier wird die Dose hineingedrückt und sicher gehalten. Nun muss der Boden befestigt werden. Geleimt wird mit Knochenleim. Ganz stilecht. Genauso gut jedoch kann ganz normaler Weißleim verwendet werden. Der Boden wird angedrückt und mit der Spitze des Reitstocks gehalten. Dann können die Korpusseiten mit dem Boden bündig gedreht werden. Ein alter Trick der Römer: Drei Rillen im Boden, einer auf der Leimfuge und zwei daneben, vertuschen die Fuge.
Die Oberfläche wird mit einem kleinen Tüchlein poliert, auf das Schlämmkreide und Spiritus aufgebracht wurde. Und wirklich: Der Knochen fühlt sich danach samtweich an – wie Elfenbein.
Ein bisschen komplizierter ist es, die Dose von innen zu bearbeiten: Dafür wird in den Holzspund eine Aussparung gedreht, in die der Wulst des Döschens – schnapp! – einrasten kann. Es muss also sehr exakt gearbeitet werden. Genauso vorsichtig wird die Passung für den Deckel hergestellt – denn später sollte er selbstverständlich ganz dicht schließen.
Wenn es darum geht, die Innenwandung auszudrehen, können die Teilnehmer sich wieder lockerer machen: „Nicht krampfhaft hingucken, das Gefühl weiß es besser“, sagt der Kursleiter Helmut Jäger und schaut den Umstehenden tief in die Augen, während er das Döschen mit dem Schaber von innen bearbeitet. Anschließend wird der Deckel eingesetzt, die Bohrung für das Knöpfchen gesetzt und dasselbe wiederum mit Knochenleim befestigt.
Dann ist das zierliche Döschen fertig. Die derben Männerhände drehen es vorsichtig von rechts nach links und polieren es noch einmal vorsichtig über. Eine kleine Kostbarkeit ist entstanden. Wer weiß, was einmal darin aufbewahrt werden wird? ■
von BM-Redakteurin Regina Adamczak

Die Drechselstube Neckarsteinach
„Bei uns dreht sich alles um’s Drechseln!“ Das ist das Motto der Drechselstube Neckarsteinach. Seit 1990 bietet Martin Weinbrecht Drechselkurse für Amateure und Profis an – zwischenzeitlich Deutschlands umfangreichstes Kursangebot im Drechselbereich mit hochkarätigen Dozenten aus dem In- und Ausland. „Heute fragen international bekannte Dozenten bei uns an, ob sie in der dns-Werkstatt Kurse geben können.“ Auf dem Programm stehen 20 verschiedene Themen: Neben Grundkursen können Fachkurse belegt werden, wie beispielsweise Nassholzdrehen, Kugel- und Ovaldrehen, Drechseln von Möbelfüßen und Treppensprossen aber auch Knochendrehen, skulpturelles Drechseln und vieles mehr. Angestrebt wird eine ausgewogene Mischung aus handwerklichem Anspruch und Wochenendvergnügen. Die helle Werkstatt ist mit professionellen Drehbänken ausgestattet.
Die Drechselstube Neckarsteinach vertreibt zudem moderne, praxisgetestete Drechseltechnik – Werkzeuge, Maschinen, Spannfutter, Schärfwerkzeuge, Oberflächentechnik und Werkstoffe. Präsentiert wird das Angebot in einem umfangreichen Katalog auf 144 Seiten und online im Internet.
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