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Qualität ein Möbelleben lang

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Qualität ein Möbelleben lang

Womit profilieren sich Unternehmungen, wenn Produkte und Dienstleistungen einander immer ähnlicher werden? „Mit Qualität natürlich“, lautet spontan die Antwort. Beim österreichischen Beschlägehersteller Julius Blum GmbH, Höchst (Vorarlberg), geht es dabei um mehr als einen ausgeleierten Begriff. Hier wird Qualität nicht nur mit Handbüchern und Labortests definiert, sondern vor allem aus der Realität abgeleitet.

Für uns ist die ISO-9001-Zertifizierung nicht viel mehr als eine Formsache! Wir hatten schon vor über zwanzig Jahren ein Qualitätsmanagement, als der Begriff in unserer Branche bestenfalls unverständiges Kopfschütteln auslöste.“ Blum-Werbeleiter Heimo Lubetz erläutert das Qualitätsdenken des österreichischen Herstellers von Möbelscharnieren und Schubladenauszügen: „Wir sprechen von der unsichtbaren Qualität. Das ist die Qualität, die der Kunde nirgends beschrieben, garantiert oder definiert, dafür aber geliefert bekommt. Für uns lebt ein Möbel zwei Jahrzehnte lang. Während und auch nach dieser Frist darf es unter keinen Umständen unser Beschlag sein, der zum Ersatz des Möbels zwingt. Der Nutzen unseres Produkts soll über die gesamte Lebensdauer des Möbels zur Verfügung stehen.“

Anwendung als Maß aller Dinge
Schon 1991 wurde von Blum das offizielle Zertifikat ISO 9001 auf der interzum in Köln präsentiert. Die Enttäuschung war groß, denn damals konnte in der Branche noch kaum einer diese vier Ziffern deuten. Mittlerweile gehört das Zertifikat zum guten Ton. Wichtiger ist dem österreichischen Beschlägeproduzenten jedoch die Orientierung am Anwender. Dazu wurde eine Produktbeobachtung aufgebaut, die nach Firmenaussage in der Branche einmalig ist. Es geht dabei weder um einen Laborversuch noch um einen hochgejubelten Marketinggag, sondern um die realistische Langzeiterfassung der tatsächlichen „Lebensumstände“ von Möbelbeschlägen.
Seit fünfzehn Jahren sind in der Umgebung des Werks im österreichischen Höchst, direkt an der Schweizer Grenze, in 60 ausgewählten und benutzten Küchen Messeinrichtungen installiert. Sie erlauben eine exakte Aussage über die tatsächliche Nutzung und Handhabung der Einrichtungen. Dabei werden in diesen Küchen die Anzahl der Möbelteilbewegungen genauso wie die gewichtsmäßigen Belastungen erfasst. Es stehen 340 Teilauszüge, 270 Vollauszüge sowie 600 Küchenmöbeltüren unter ständiger Beobachtung. Selbstverständlich hat man die Haushalte entsprechend der demographischen Struktur in Mitteleuropa ausgewählt, woraus sich neben Single- und Vielpersonenhaushalten ein Hauptanteil von 35 Wohneinheiten mit vier Mitgliedern ergibt.
Was passiert wirklich?
Dieser Frage geht der empirische Feldversuch nach. Und die gefundenen Antworten sind die eigentlichen Steuerfaktoren für die Qualitätspolitik des Unternehmens: die Orientierung an der Realität. Basierend auf statistischen Erhebungen geht das Unternehmen, so Lubetz, von einem durchschnittlichen Möbelleben von 20 Jahren aus. Die Beobachtung liefert unter dieser Voraussetzung fast unglaubliche Belastungszahlen. So ergibt sich beispielsweise beim Müllauszug ein Wert von weit über 150 000 Bewegungen in zwei Jahrzehnten. Das macht umgerechnet auf den Tag im Durchschnitt rund 22 Öffnungs- und Schließzyklen. Zu den Bewegungen kommen die statischen Belastungen. Gerade bei Müllauszügen zeigt sich eine extreme Variationsweite in der Massenbelastung. Das geht vom Leergewicht des Auszuges (mit frisch eingelegtem Müllsack) bis hin zu Spitzenwerten von über 20 kg. Zusätzlich sind Höchstwerte statischer Beanspruchung zu verzeichnen, wenn Müll gestopft wird. Die Durchschnittsbelastung eines Müllauszuges beträgt 17 kg. Bei Besteckauszügen werden – bei durchschnittlich 8 kg Last – immer noch 100 000 Zyklen gemessen, was 14 Bewegungen im Tag entspricht. – Die differenzierte Betrachtung der europäischen Küche zeigt eine individuell sehr unterschiedliche Nutzung von Schubladen. Jahresspitzenwerte von über 200 000 Öffnungszyklen stehen solchen von knapp 10 000 gegenüber. Das gibt eine Variationsweite von täglich über 30 bis hinunter zu etwa anderthalb Betätigungen. Hand aufs Herz: wer würde seine Autotür 20 Jahre lang tagaus tagein 30 Mal bewegen, ohne etwas zur Pflege oder Wartung zu tun? – Auch das Öffnungsverhalten bei Schubladen ist Gegenstand der Untersuchungen. So lässt sich feststellen, dass bei einem Drittel aller Schubbewegungen die Schublade nur etwa zu drei Viertel der Tiefe aufgezogen wird. Der Hauptteil der Schubladenbewegungen beinhaltet Öffnungen von 75 bis 100 % der Tiefe. Damit ist die Notwendigkeit des Vollauszugs als Kundenwunsch bestätigt.
Ein weiteres Merkmal der Schubladenbewegung ist die Unregelmäßigkeit. Besteckauszüge stehen meist nur einige Sekunden offen. Vorratsauszüge dagegen können Öffnungszeiten von einer Minute oder länger haben, und dies bei „Vollpackung“ mit Flaschen und Büchsen. Daraus ergeben sich ganz spezifische Belastungswerte für die statische Beanspruchung auf Materialien und Verbindungen. Die dynamischen Belastungen, vor allem die Beschleunigungs- und Verzögerungskräfte bei einer Schublade, lassen sich aus den ermittelten Durchschnittsgeschwindigkeiten von knapp 20 km/h ableiten. Auch sie sind massen- bzw. zuladungsabhängig. Im Schließvorgang fällt vor allem die Negativbeschleunigung beim Aufschlagen des Doppels ins Gewicht. Hier werden Verzögerungsspitzenwerte von 18 bis 20 g erreicht (zur Erinnerung: die Erdbeschleunigung beträgt 1 g). Eine weitere Belastung von Schubladen ist das (meist versehentliche, aber oft heftige) seitliche anstoßen bei ausgezogener Schublade.
Die Konsequenzen
Aus der Praxiserfassung der tatsächlichen Belastungen leiten sich die Maßnahmen für die Konstruktion ab. Bei neuen Produkten werden zu Beginn der Konstruktion Festigkeitsberechnungen angestellt. 70 bis 80 % aller Qualitätstests finden in der Entwurfsphase als Bildschirmsimulationen statt. Unter Anwendung der finiten Elementeberechnung zerlegt man die Bauteile am Schirm in Gitternetze und setzt sie virtuell einer Belastung aus. Dabei zeigt sich die schwächste Stelle der Konstruktion, die dann am Schirm optimiert wird. Erst nach diesen „theoretischen“ Tests gehen die Prototypen in die Herstellung.
Die Produktqualität ist neben der dargestellten Praxisorientierung auch betriebswirtschaftlichen Zwängen unterstellt. Ein neues Bauteil kann siebenstellige Investitionen in Maschinen und Bauten erfordern. Unter diesem Aspekt muss das neue Produkt erfolgreich sein am Markt, ein Flop liegt nicht drin.
Selbstverständlich wird die Qualität auch auf konventionelle Weise gesichert. In der Produktion findet eine laufende Vermessung von Bauteilen mittels elektronischer Abtastung statt. Ebenso werden Stichproben aus der Serie genommen. Die Zulieferteile unterstehen den üblichen Stichprobenverfahren, genauso wie Produkte laufender Serien ständig überprüft werden. Diese Verfahren entsprechen den Forderungen der ISO-Norm und stellen somit das Rückgrat des konventionellen Qualitätsmanagements dar. „Mit solchen Dingen erfüllen wir vor allem die Forderungen der ISO 9001. Gedanklich sind wir sehr viel weiter“, kommentiert Heimo Lubetz die Erklärungen zu den traditionellen Qualitätssicherungsmethoden. „Denn Qualität lässt sich nicht als theoretische Konstruktion herbeikontrollieren. Sie muss praxisorientiert und im Unternehmen allgegenwärtig sein!“
Andreas Grünholz
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