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So bitte nicht

Kritische Anmerkungen zu einer Broschüre des Bundesinstituts für Berufsbildung von Christian Zander
So bitte nicht

Es gibt Momente, da zweifelt man an der Welt, oder an sich – oder an beidem. Solch ein Augenblick hatte ich, als ich die neue Broschüre „Oberflächenbehandlung“ gelesen hatte. Die Broschüre – ein Lehrgang für die berufliche Bildung im holz- und kunststoffverarbeitenden Handwerk – wurde Ende 1998 vom Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BiBB), Berlin, als 3. überarbeitete und erweiterte Auflage herausgegeben.

Die Situation ist delikat: der überbetriebliche Lehrgang „Oberflächenbehandlung“ stand im Rahmen der Umsetzung der neuen Ausbildungsordnung auf dem Prüfstand des Bundesverbandes HKH. Auf ihrer letzten Versammlung im März 99 hat die Mitgliederversammlung des Bundesverbandes HKH diesen Kurs bestätigt, die Dauer festgelegt und die Inhalte neu umrissen. Geändert wurde auch die Benennung des Kurses in „TSO“ (für Tischler/Schreiner Oberfläche). Nun lehrt die Erfahrung, daß solche zentralen Festlegungen sich nicht ohne weiteres einführen lassen: Die Krux liegt in der einheitlichen Durchsetzung auf der Ebene der Durchführung vor Ort. Das fängt schon bei der Lehrgangsdauer an und geht bei der inhaltlichen Umsetzung der Vorgaben weiter. Es stellt sich die Frage, wie das Problem am besten zu lösen sei. Und beinahe automatisch steht jedem Schreiner das Beispiel der Holz-BG vor Augen, die ihren Maschinenkurs seit Jahren stringent inhaltlich an der Kandare führt. Allerdings zeigt sich bei einem zweiten Blick, daß dieses Modell nicht übertragbar ist. Denn die BG verfügt über das finanzielle Zwangsmittel ihrer Zuschüsse pro Kurs und Teilnehmer und sie setzt in die Ausbildung und Kontrolle der Lehrgangsleiter eine Menge Geld und Personal ein. Das kann und soll kein Landes- und kein Bundesverband leisten. Denkbar allerdings wäre ein schnelles und relativ billiges System des Trainings der Ausbilder: Der Bundesverband führt zwei Kurse mit den neuen TSO-Inhalten durch, an denen je Bundesland 2 TSO-Übungsleister teilnehmen. Diese beiden führen dann – auf Länderebene – für ihre Kollegen je nach Bedarf weitere Kurse durch. Das wäre immerhin ein Modell der moralisch-verpflichtenden Musterkurse. Eine zusätzliche Abstützung würde dieses Vorgehen durch das Vorhandensein von schriftlichen Lehrgangsunterlagen erhalten. Und da beginnt die Brisanz der neuen BiBB-Broschüre.

Der Anspruch der neuen BiBB-Broschüre
In dieser Situation, in der Inhalte beschlossen, deren Verwirklichung aber noch offen ist, platzt die neue Broschüre des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB). Nun ist das BiBB nicht irgendwer, sondern mit Kompetenz, hohem Ansehen und einigem Einfluß ausgestattet. Und es ist nicht irgendeine Broschüre, sondern wir lesen, daß sie als völlig überarbeitete Auflage die neue Ausbildungsordnung zur Grundlage hat. Weiter heißt es: „Dieser Lehrgang Oberflächenbehandlung ist so konzipiert, daß er als Begleitheft für den überbetrieblichen Lehrgang TSO (Teil 1und Teil 2) geeignet ist.“ Das Gewicht dieses „Begleitheftes“ wird noch durch einen gleichzeitig angebotenen und inhaltlich damit abgestimmten Videofilm verstärkt. Dies bedeutet mit anderen Worten: Hier wird eine Broschüre vorgelegt, die genau das leisten soll, was fehlt – nämlich die vereinheitlichende Richtschnur für die Umsetzung des neuen TSO-Kurses!
Wie schön, könnte man denken, das Heft zur Hand nehmen und zur praktischen Tagesarbeit übergehen. Kann man aber leider nicht, denn der Anspruch wird nicht eingelöst. Wichtige Bereiche sind technisch veraltet dargestellt, andere fehlen ganz.
Fragen über Fragen
Wer setzt heute noch selber Farbbeizen an (S.31/S.62), wer beizt Nadelhölzer noch mit der Vorbeize, dann mit der Nachbeize (S.31)? Ziehspachtel zum Abspachteln und Einebnen von MDF-Flächen statt Füllgrund – ich bin verblüfft und rufe einen Fachberater der Fa. Clou an. Dessen Reaktion ist eindeutig: „Um Gottes Willen, ja nicht. Den haben wir schon lange aus dem Programm genommen. Und nie flächig – dazu war der nicht elastisch genug:“ Und weil ich ihn gerade am Telefon habe, gleich noch die nächste Frage: Müssen nach dem Beizen mit einer Farbstoffbeize „die abgelagerten Farbpulverreste leicht abgebürstet“ (S. 63) werden? „Ach je, die Zeiten sind schon längst vorbei, das war einmal. Bei den ersten Farbbeizen, da kam es vor – vor allem bei dunklen Tönen – daß sich Pigmente absetzten und einen leicht gräulichen Schimmer ergaben. Aber wie gesagt: Die Zeiten sind längst vorbei.“
Fahren wir fort: Ist es angesichts der heutigen Betriebswirklichkeit richtig, das Beherrschen der Verarbeitung von Polyesterlacken (UP-Lacke) als Lernziel aufzustellen und mit Werkstattzeit zu belegen (Übung 11)? Muß jeder Geselle heute die Technik des Brennens, des Sandelns („Das Verfahren eignet sich nur für kleine Flächen, weil die Schleifkörner mit einem Reibklotz von Hand verrieben werden müssen“), des Sandstrahlens, ja auch des Räucherns kennengelernt und praktisch ausgeübt haben? Und kann es richtig sein, bei den Übungsaufgaben immer wieder auf den „Pinselauftrag“ zu stoßen (z.B. Übung 1), anstatt das Arbeiten mit den Spritzpistolen vorrangig einzuüben?
Noch fraglicher wird die Orientierung, wenn man sich klar macht, welche Themen bzw. Fertigkeiten nicht enthalten bzw. nicht trainiert werden. Moderne Wasserlacke, die durch neue Bestimmungen (VOC-Gesetzgebung, März 1999) einen großen Schub nach vorne erfahren werden und deren Anwendungen auch im Handwerk in jüngster Zeit zugenommen haben, werden im theoretischen Teil der vorliegenden Broschüre zwar behandelt (S. 36/37), nicht aber bei den praktischen Übungen aufgenommen. Und liest man den Text genauer, gerät man doch ins Staunen. Denn kein Wörtchen über die besonderen Verarbeitungsbedingungen, oder besser gesagt Schwierigkeiten, die ja immerhin so gewichtig sind, daß viele Schreiner daran gescheitert sind. Die Bedingungen waren es bislang, die als Haupthinderungsgrund für den verstärkten Einsatz von Wasser-Lacksystemen im Handwerk angesehen werden. Eine diffuse Einführung also, die den falschen Eindruck problemloser Verarbeitungsgleichheit mit lösemittelhaltigen Lacken erweckt – und kein einziges Übungsteil mit Wasserlack!
Mit Überraschung vermisse ich auch Übungen zu den Techniken des Ölens und Wachsens. Zeitgemäß wäre mindestens der Handauftrag der beiden Überzugsstoffe in der Ausbildung heutiger Lehrlinge, realistischer wäre die Anwendung des Heißöl- und -wachsverfahrens.
Und wenn wir schon das Kriterium des zeitgemäßen Arbeitens anwenden: Wieso wird das Spritzen von schwierigen Teilen, d.h. stehenden Flächen und Korpus Innenecken zwar erwähnt, aber nicht ausgeführt? Wieso fehlt der Arbeitsgang des Spritzens von Beizen, der immer wichtiger wird?
Kann angesichts dieser Mängel und Kritikpunkte davon die Rede sein, daß der „Oberflächenkurs“ des Bundesinstituts für Berufsbildung in seiner neuesten Auflage, die Lücke füllen kann, die im Augenblick bei der Umsetzung des neuen TSO-Kurses in die Praxis der überbetrieblichen Lehrgänge besteht? Kann er eine Vorbildfunktion haben, ein Leitbild abgeben? Ich meine, er kann und er sollte es auch nicht. n
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