Werkstattbesuch beim Holzspielzeugmacher. Am seidenen Faden - BM online
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Am seidenen Faden

Werkstattbesuch beim Holzspielzeugmacher
Am seidenen Faden

Zierliche Figuren an feinen Schnüren, ein buntes Völkchen von verliebten Tanzpaarenüber einen erkälteten Frosch bis hin zu hingebungsvollen Musikern, bevölkern die Werkstatt des Holzschnitzers Markus Wagner.

Melanie Kirchlechner

Betritt man die kleine Werkstatt im hintersten Winkel des bayrischen Oberammergau, verfällt man sofort dem Zauber und Witz der bunten Gestalten. An feinen Fäden baumelt ein wildes Sortiment unterschiedlichster Figuren, teils mit zwei Gesichtern oder in hampelnden Gruppen vereint. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, wie leicht die beweglichen und teils doppeldeutigen Figuren ihrem Betrachter ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Und dabei sind wir auch schon bei der Motivation, die Markus Wagner dazu bringt, seit 35 Jahren immer wieder neue Varianten der traditionellen Fadengaukler, auch Schnürlkasperl genannt, zu entwickeln. Einige Hundert mögen es inzwischen sein.

Produktion mit Tradition

Der gelernte Holzbildhauer nennt sich ganz bescheiden Holzschnitzer. Dabei hat er in der Holzbildhauerschule von Oberammergau eine gründliche Ausbildung absolviert und folgt damit einer uralten Tradition. Sein bayrischer Heimatort ist eines der ältesten Zentren für die Herstellung von Holzspielwaren im alpenländischen Raum. Kleine Familienbetriebe gaben seit Jahrhunderten ihr Wissen von Generation zu Generation weiter, aus der sich die Spielwarenproduktion bis zum 19. Jahrhundert zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor vor Ort entwickelte.

Mehr als Spielzeug

Die typischen Schnürlkasperl gehen und gingen dabei immer über die reine Bedeutung als Holzspielzeug hinaus, sie äußerten bäuerliche Gesellschaftskritik. So wird im Heimatmuseum von Oberammergau ein Fadengaukler mit zwei Gesichtern ausgestellt, einem Soldaten und einem Harlekin. Vorne zeigt er das ernste Gesicht eines Besatzungssoldaten Napoleons, auf der Rückseite wird er als grinsender Hanswurst dargestellt. Der letzte seiner Zunft, Markus Wagner, verpasst seinen heutigen Figuren durch liebevoll geschnitzte Details ebensolch subversiven Doppelsinn: So muss ein Imker vor einem hungrigen Bären auf einen Baum fliehen und der Jäger mit ausladendem Geweih wird selber zum gejagten Hirsch.

Holzsinn im Team

Von dieser feinteiligen Arbeit gut zu leben, war nicht von Anfang an selbstverständlich. Als jüngstes Mitglied einer Werkstattgemeinschaft von Fassmalern, Holzbildhauern und freischaffenden Künstlern fing Wagner Anfang der 1980er-Jahre an, sich mit der Tradition der bayrischen Fadengaukler zu beschäftigen. Im Team stellten die Holzsinnigen ausschließlich von Hand und vor Ort sowohl traditionelle als auch frei erfundene Schnürlkasperl her. Das war nicht ganz einfach, da schon seit den 50er-Jahren die „Fräskultur“ im Alpenraum verbreitet war. Das bedeutet, dass importierte, maschinell vorgefräste Holzschnitzereien anschließend von Hand fließbandartig „veredelt“ wurden. Dagegen half nur, sich selbstbewusst auf eigenständige Schöpfungen zu konzentrieren und seinen Holzkreationen einen unverwechselbaren, individuellen Charakter zu verleihen.

Messen und Sammler

So feierten die Holzsinnigen aus Oberammergau mit ihren Schnürlkasperln schon in den 80er-Jahren auf großen Messen (Frankfurt) erste Erfolge. Ausstellungen in bekannten Kaufhäusern wie das KaDeWe in Berlin zur Zeit der Maueröffnung folgten, Weihnachtsmärkte als Verkaufsort waren und sind nach wie vor unerlässlich. Der Ideenklau der hintersinnigen Schnürlkasperl ließ nicht lange auf sich warten und billige Kopien überschwemmten den Markt. Seit Jahren versieht Markus Wagner daher seine Fadengaukler mit einem unverwechselbaren Siegel. Inzwischen sind seine Kreationen auch in Museen zu finden und die Handwerkskammer München stellt sie regelmäßig aus.

Allein mit den zierlichen Gestalten

Obwohl heute nur mehr Markus Wagner mit der Handarbeit an seinen Schnürlkasperln sein Brot verdient, verfolgt er noch immer die Maxime der Gemeinschaft aus der Anfangszeit: bei der Arbeit möglichst wenig Müll zu produzieren und mit wenigen Mittel und geringem Ressourcenverbrauch langlebige „Freudenbringer“ herzustellen. Das ist gelebte Nachhaltigkeit, wie sie heute von so vielen beschworen, aber nicht wirklich in die Tat umgesetzt werden kann. „Es ist Luxus, einen Artikel herzustellen, der sich selbst abstaubt, wenn man daran zieht“, meint demzufolge auch der bescheidene Meister der bezaubernden Figuren aus Holz und Farbe.

Vom Baum zum Kasperl

Vom Besorgen des Baums bis zum Schreiben der Steuererklärung macht Markus Wagner alles selbst, wobei er mit einem großen Stammabschnitt Fichte seinen Jahresbedarf an Holzmaterial decken kann. Für bemalte Köpfe besorgt er sich Zirbenholz aus dem Grödnertal, das sich noch leichter beschnitzen lässt als die heimische Fichte. Alle anderen Teile fertigt er in Handarbeit aus astfreiem, besonders feinjährigem Holz, das fast die Qualität von Klangholz hat. Zieht man an der Schnur, so erzeugen die gefassten Figuren dann auch einen feinen hohen Ton, fast wie Glas.

Viele feine Arbeitsschritte

Der handwerkliche Fertigungsprozess beginnt mit dem Sägen der Konturen des feuchten Holzes in Form der Gliedmaßen und der Körper, die Wagner anschließend mit einer breiten Klinge in 2 bis 3 mm dicke Plättchen spaltet. Jeweils zwei davon werden mit Hainbuchenstiftchen zum Korpus verbunden, in dessen Inneren die Zugschnüre laufen. Die endgültige Dicke von 1 bis 1,5 mm und notwendige Glätte erzeugt er in Windeseile an der Schnitzbank. Zuletzt muss nur noch der zuvor fein geschnitzte Kopf eingepasst werden.

Fertig zusammengebaut müssen die zierlichen Gestalten dann noch ein paar Tage trocknen, bevor der Allround-Handwerker sie mit Kreidegrund einlässt und mit Kaseinfarben bemalt. Ihren feinen Glanz erhalten die Schnürlkasperl durch einen Überzug mit gesprühtem Schellack.

Handarbeit in Serie

Da die Arbeitszeit an einem schlichten Schnürlkasperl auch ohne zusätzliche Details schon bei ungefähr einem Tag liegt, arbeitet Wagner möglichst in Serien. Da hängen dann schon mal 20 Geiger am Fensterbrett und warten auf ihre schwarzen Fräcke. Und ohne Internetseite kommt heutzutage auch ein so traditionsbewusster Handwerker selbstverständlich nicht aus. In seinem Sortiment finden sich permanent ca. 35 verschiedene Figuren, individuelle Kundenwünsche erweitern zusätzlich das Repertoire. Inzwischen verzichtet Wagner, wo immer es möglich ist, auf Wiederverkäufer und liefert seine Schnürlkasperl direkt an Sammler individueller Handarbeit. Viele finden auch den Weg ins Ausland. Durch die traditionelle Herstellungsweise verbunden mit zeitgenössischen Motiven schafft Markus Wagner eine ganz neue Hampelmannwelt. Ihre Figuren finden wie auch schon Jahrhunderte zuvor Liebhaber in aller Welt!

Hier finden Sie weitere Holzsplitter.

www.schnuerlkasperl.de


Die Autorin

Melanie Kirchlechner ist gelernte Schreinerin. Sie arbeitet freiberuflich als Restauratorin, Autorin und Dozentin.

www.holz-sinn.de

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