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Archaischer Werkstoff

Werkstattbesuch beim Hornverarbeiter Thohr
Archaischer Werkstoff

Es gab Zeiten in denen waren solch alltägliche Gegenstände wie Schuhlöffel, Kämme oder Brieföffner noch nicht aus Kunststoff, sondern aus Naturmaterialien wie Knochen, Geweih oder auch Horn. Die Firma Thohr aus dem Main-Tauber-Kreis stellt noch heute Produkte aus diesem Material her.

BM-Redakteur Heinz Fink

Glatt poliert schimmern sie. Mal in einem hellen, cremefarbenen Farbton, der an trüben Bernstein mit seinen dunklen Einsprengseln erinnert, mal in vornehmem Schwarz, marmoriert mit weißen Strähnen. Oder aber auch in einem hellen Honigton mit dunkelbraunen Flecken, der von opaker Optik bis hin zu einer fast durchscheinenden, klaren Struktur, die an Schildpatt erinnert, reicht. Die Musterungen und Farbstellungen der auf Hochglanz polierten Platten erscheinen nahezu unendlich, keine gleicht der anderen – ein Naturprodukt. Und dazu noch eines, das aus solch weit entfernten Gegenden der Welt wie Afrika, Indien oder Südamerika kommt. Denn von dort stammen die mächtigen Rinder- und Büffelhörner, das Rohmaterial, das in der Familie von Lothar Wöhr seit gut 100 Jahren zu allerlei Luxus- und Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens verarbeitet wird.

Lange Handwerkstradition

Das Handwerk der Hornverarbeitung in der Familie Wöhr geht auf Lothar Wöhrs Großvater Leopold Deigner sen. (geb. 1896) zurück. Dieser gründete 1918, nach erfolgreicher Gesellen- und Meisterprüfung, in der Nähe von Budapest seine Werkstatt als Kammmacher. Als Ungarndeutsche musste die Familie nach dem 2. Weltkrieg das Land verlassen und siedelte sich im schwäbischen Cleebronn an. Nach dem Tod von Leopold Deigner, 1975, führten seine Tochter Elisabeth Totzel, die damals in Ungarn, als erste Frau überhaupt, eine dreijährige Kammmacherlehre absolvierte, gemeinsam mit ihren Schwestern Katharina Dußle und Theresia Wöhr den Betrieb weiter.

Mit Beginn der 1990er-Jahre übernahmen Theresia Wöhr und ihr Sohn die Familientradition, die Lothar Wöhr ab 2000 als alleiniger Geschäftsführer der „Hornverarbeitung Wöhr” fortsetzte. Heute führen Lothar Wöhrs Tochter Teresa und ihr Mann Jason Thomas, unterstützt durch Schwiegervater Lothar Wöhr, das Unternehmen in vierter Generation fort. Unter dem aktuellen Namen „Thohr“ (Thomas & Wöhr) wird neben Hornkämmen von exklusiven Utensilien, Accessoires, Pflege- und Schmuckartikeln bis hin zu Sonderanfertigungen ein breites Spektrum an Produkten aus Horn und anderen Naturmaterialien angeboten.

Altes Handwerkswissen

Die Hornverarbeitung beginnt schon mit der fachkundigen Auswahl des Rohmaterials. Die bis zu 90 cm langen Hörner werden nach Qualität und Einsatzzweck sortiert und auf der Bandsäge abgelängt. Dabei werden zuerst die aus solidem Material bestehenden Spitzen der Hörner abgetrennt – diese werden für Produkte, die aus dem Vollen heraus gearbeitet werden, wie Rasierpinsel- und Rasierergriffe, verwendet. Die daran anschließenden hohlen Abschitte mit einer Wandstärke von 5 bis 8 mm werden in etwa 20 cm lange, röhrenförmige Stücke abgelängt, aus denen später die Hornplatten entstehen.

Doch bevor aus einem runden Horn eine flache, weiterverarbeitbare Platte entsteht, ist eine gehörige Portion Handwerksgeschick und -wissen um die Eigenschaften des Rohmaterials notwendig. Horn besteht zum überwiegenden Teil aus Keratin, einem Protein aus dem auch die menschliche Haut, Haare oder Finger- und Fußnägel bestehen. Unter Feuchte- und Wärmeeinwirkung kann es kontrolliert verformt werden. Die Firma Thohr ist vermutlich einer der letzten in ihrer Zunft, welche dieses Verfahren noch beherrschen.

Dazu werden die Hornrohrabschnitte an einer Stelle der Länge nach in einer spiralförmigen Line aufgeschnitten und anschließend in heißem Pflanzenöl vorgewärmt. Die Hornhohlungen werden durch Schwenken über einer offenen Flamme vorsichtig weiter erwärmt und im richtigen Moment – in einer speziellen Vorrichtung eingespannt – mithilfe von kräftigten Schmiedezangen vorsichtig aufgebogen. Nach dem Abkühlen in einer alten, wassergekühlten Etagenpresse werden die so entstandenen Hornplatten in Behältern, gefüllt mit Sägespänen, getrocknet. Nach einigen Wochen der Trocknung, in der auch das überschüssige Öl entzogen wird, werden die Platten grob auf Dicke geschliffen und, nach Farbe und Qualität sortiert, zur Weiterverarbeitung eingelagert.

Altes Handwerk trifft Hightech

Viele der zur Weiterverarbeitung des Horns genutzten Maschinen hat der gelernte Elektriker Lothar Wöhr im Laufe der Jahrzehnte selbst gebaut oder modifiziert, wie den zur Zylinderschleifmaschine umgebauten Fußbodenschleifer. Oder die beiden kompakten CNC-Bearbeitungszentren, von denen eines, mithilfe von zahlreichen selbstkonstruierten Spannvorrichtungen zum Fräsen, das andere zum präzisen Sägen der Zahnung der Kämme dient.

Weitaus die meisten Arbeiten jedoch, wie das Nacharbeiten der vorgearbeiteten Teile, oder das Feinschleifen und Polieren, werden noch immer per Hand ausgeführt. In aufwendiger Handarbeit entstehen so Zulieferteile wie Griffschalen für Rasiermesser, gedrehte Griffe für Rasierpinsel oder Schmuck, aber auch die exklusiven Brillenfassungen, -Kämme oder Gitarren-Plektren die unter dem eigenen Markennamen vertrieben werden.

Bei Thohr ist man aber auch jederzeit offen für Sonderanfertigungen. So wurden schon Bestandteile für Musikinstrumente, Schlüsselschilder für Restauratoren oder auch Griffe aus Horn für Designertaschen gefertigt. Derzeit ist das Know-how des Unternehmens allerdings in einer ganz speziellen Sache gefragt. Für eine Schweizer Manufaktur für hochwertige Papierwaren- und Schreibgeräte werden gerade Hornfurniere hergestellt. Lediglich 1 mm stark zieren sie später aus etwa 50 x 50 mm großen Quadraten zusammengesetzt und auf Hochglanz poliert die Oberflächen edler Brief- und Schreibschatullen im fünfstelligen Preisbereich.

www.thohr.de

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