Werkstattbesuch beim Geigenbaumeister Walter Mahr

Aus Holz wird Klang

Markante Harmonie, strenger goldener Schnitt und Sinnbild musikalischer Hochkultur. Seit den „goldenen“ Zeiten des Barocks sind Form und Klang der Geige nahezu unverändert geblieben. Ein Besuch beim Geigenbaumeister Walter Mahr in der mittelfränkischen Geigenbaumetropole Bubenreuth.

Lukas Drobny

So oder so ähnlich muss es ausgesehen haben, vor etwa 300 Jahren in den Werkstätten einstiger Großmeister wie Stradivari, Amati oder Guaneri. Von den Decken hängen zig Geigen und Bratschen, an den Seiten ein Cello neben dem anderen, ein Arbeitstisch am Fenster, darauf Hobel, Feilen, Bohrer, Ziehklingen. Daneben an der Wand ein Regal: Stege, Lackpinsel und Saitenhalter. Der Besucher muss vorsichtig sein, um nicht einen Stapel Tonholz oder ein altes Barockinstrument umzustoßen. Doch er wird freundlich empfangen von Walter Mahr, dem Geigenbaumeister, der hier seit nun 30 Jahren diese Werkstatt betreibt. Er fertigt, restauriert oder repariert. Vom Schülercello bis zur Meistergeige: die Qualität, die hier im Erdgeschoss eines alten Sandsteinhauses im Ortskern der mittelfränkischen Geigenbaumetropole Bubenreuth entsteht, überzeugt den Geigenschüler im Nachbarort genauso wie Berufsmusiker aus aller Welt.

Weltruf durch Integration

Doch Bubenreuth war nicht immer ein Zentrum des Geigenbaus. Nach Ende des 2. Weltkriegs nimmt das landwirtschaftlich geprägte Örtchen mit seinen etwa 500 Einwohnern rund 2000 Vertriebene aus dem Egerland auf. Darunter auch: Geigenbauer, Griffbretterzeuger, Lack-und-Saitenhersteller. „In den 70ern saß in jedem 2. Haus ein Geigenbauer“, erinnert sich Mahr. Und obwohl Großvater und Urgroßvater auch Instrumente gebaut hatten, ist der Werdegang nicht vorbestimmt. „Ich wollte etwas mit Holz machen, das war mir klar. Der Geigenbau hat sich hier eben einfach angeboten.“

Er bindet sich eine schwere Lederschürze um, greift nach einem Ahornbrett und beginnt es mit der Hand zu fügen. „Der beste Ahorn kommt aus Bosnien“, sagt er. „Das ist seit Stradivari so.“ Er dient als Trägermaterial der Geige für Boden, Zargen und Hals. Die Decke hingegen wird aus Fichte gefertigt, einem klingenden Holz. In höheren Lagen der Alpen gewachsen, zeichnet es sich durch seine hohe Stabilität und Festigkeit aus. Dabei gilt: je älter das Holz, desto besser im Klang, desto weniger anfällig für Risse. Auch sie wird gefügt und durch eine dem Holz besonders schwingungsähnliche Mischung aus Knochen-und-Hautleim verbunden.

Alles Handarbeit

Nach dem Aussägen von Boden und Deckel und dem genauen Umschneiden der Form mit einem Messer beginnt Mahr mit dem Herausarbeiten der Wölbung. Er verwendet verschiedene Hobel, von der Größe einer Handfläche bis zu der eines Daumennagels, mit denen er sowohl konvexe wie konkave Formen hobeln kann. Maschinen kommen im kompletten Arbeitsablauf eines hochwertigen Instruments nicht zum Einsatz. „Die Holzzelle bleibt auch nach 300 Jahren immer beweglich. Eine Maschine bringt durch ihre hohe Frequenz diese Zellen in Unordnung“, erklärt er. Daher gilt: Hobeln mit Hand, bis die gewünschte Wölbung und Materialstärke bis auf den Zehntel Millimeter erreicht ist. Danach das gefühlvolle Beseitigen der Hobelspuren mit der Ziehklinge und schließlich das Ausarbeiten der filigranen f-Löcher mit Laubsäge und Schnitzer.

Für den Zargenkranz biegt Mahr dünne Ahornstreifen um ein heißes Eisen. Ihnen werden in einem späteren Arbeitsgang in den Ecken Zargenklötzchen und an den Rändern das sogenannte Reifchen angeleimt. Beides vergrößert die Leimfläche und erhöht die Stabilität. Zuerst werden Boden und Zargenkranz aufeinandergeleimt, gefolgt von der Decke, an die zuvor noch der Bassbalken angebracht wird. Auch dieser sorgt für Stabilität und verbessert die Übertragung des Schalls.

Ausgangspunkt für Hals und Schnecke bildet ein Ahornklotz. Auf ihm wird die Kontur aufgezeichnet, mit der Schweifsäge ausgesägt, die Form der Schnecke mit Hobel und Schnitzeisen zugerichtet und abgestochen, der Wirbelkasten ausgearbeitet und die Wirbellöcher gebohrt. Bis schließlich das Griffbrett – neben Wirbel und Saitenhalter aus Ebenholz gefertigt – angepasst werden kann.

Finish nach Geheimrezeptur

Nun muss die Geige warten. Je länger desto besser, aber mindestens ein viertel Jahr wird ihr weißer Körper dem Sonnenlicht ausgesetzt. Die UV-Strahlung bräunt das Holz, das vor der Lackierung mit Leinöl eingestrichen wird, um die Poren zu verschließen und die Oberfläche zu verfestigen.

Hauptbestandteile der endgültigen Oberfläche sind Schellack, Sandarak und Mastix. In Alkohol gelöst werden sie mit Zutaten wie Weihrauch, Myrrhe und Bernstein vermischt. Ihr Mischverhältnis schafft das richtige Gleichgewicht zwischen Härte und Elastizität des Lacks. Die gewünschte Farbgebung: Drachenblut, Kaffee, Zwiebel oder Propolis. Hier hütet jeder Geigenbauer sein eigenes, naturnahes Geheimnis.

Bis zu einem Jahr kann es dauern von der Auswahl des Tonholzes bis zur fertigen Geige. Etwa 150 Stunden Handarbeit. Und erst, wenn die letzte Saite aufgezogen ist und die Geige das erste Mal zu klingen beginnt, kann sich Mahr sicher sein, ob sich die Mühe gelohnt hat, ob es eine wirklich gute Geige geworden ist. Ein Instrument, an dessen Klang man sich erfreut. Und das auch noch in 300 Jahren.

www.mahr-geigenbau.de


Der Autor

Lukas Drobny, Jahrgang 1985, ist Möbelbauer und freier Autor. Er lebt mit seiner Familie in Erlangen.

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