Besuch beim Bildhauer, Keramiker und Holzgestalter Albrecht Kiedaisch. Den Dingen eine Form geben - BM online
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Den Dingen eine Form geben

Besuch beim Bildhauer, Keramiker und Holzgestalter Albrecht Kiedaisch
Den Dingen eine Form geben

Sie tragen solch geheimnisvolle Namen wie Sunaulo, Fibladu oder Telon und bestechen durch ihre haptischen Qualitäten und ihre ebenmäßige Verarbeitung. Die Rede ist von den abstrakten Kleinplastiken aus edlen Hölzern des Tübinger Künstlers Albrecht Kiedaisch, die einer ganz eigenen, von ihm entwickelten Formensprache folgen.

BM-Redakteur Heinz Fink

Zuerst einmal versucht das Auge, den Konturen der komplex in sich verdrehten und verschlungenen Strukturen zu folgen, dann der Verstand, das Prinzip oder gar die mathematische Logik dahinter zu verstehen, bis man sie zuletzt doch in die Hand nehmen muss, um ihre haptischen Qualitäten zu „begreifen“. Doch würde man den fein gearbeiteten Objekten aus Holz nicht gerecht werden, wenn man sie nur als gefällige Handschmeichler sehen würde. Unterliegt ihnen doch eine ganz eigene Formensprache, eine, die der Tübinger Künstler Albrecht Kiedaisch im Laufe seines über mehr als 40 Jahre reichenden Gestalterlebens entwickelt hat.

Suche nach dem eigenen Weg

Geboren im schwäbischen Besigheim und aufgewachsen in Esslingen, besuchte Albrecht Kiedaisch bis zur 10. Klasse die Waldorfschule und machte später sein Abitur am Wirtschafts-Gymnasium in Esslingen. Sein schon damals stark ausgeprägtes gestalterisches Interesse brachte ihn zum Architekturstudium nach Stuttgart. Doch in den bewegten Zeiten der Nach-68er-Jahre war auch das Architekturstudium stark politisch aufgeladen und drehte sich mehr um die gesellschaftlichen denn die gestalterischen Aufgaben des Bauens. Doch dies war Albrecht Kiedaisch auf Dauer zu wenig und so beendete er das Studium nach dem Vordiplom.

Nach einem entscheidenden Jahr am Waldorflehrerseminar in Stuttgart wechselte er zum Studium der Bildhauerei an die gerade neu gegründete anthroposophische Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. Es entstanden in dieser Zeit Arbeiten aus Holz und Keramik. Gegen Ende des Studiums galt das Hauptinteresse von Albrecht Kiedaisch der Entwicklung einer eigenen plastischen Formenlehre – vor allem, weil er eine Zwischenstufe zu den schwer verständlichen Ausführungen Rudolf Steiners suchte.

Formfindungslehre

Trotz seiner Verwurzelung in der Gedankenwelt von Rudolf Steiner würde sich Albrecht Kiedaisch (noch) nicht als einen „anthroposophischen Gestalter“ bezeichnen. Aber die auf den Grundformen Dreieck, Kreis und Quadrat aufbauende Formenlehre der Moderne greift ihm zu kurz. Über die hierdurch entstandene Verarmung will er hinauskommen, indem er mögliche neue Gestaltungen in einem Feld sucht, das sowohl die Natur als auch die Geometrie verbindet. Hier zu findende Prinzipien in eine vermittelbare gestalterische Formenlehre umzusetzen, treibt Albrecht Kiedaisch um. Er geht dabei auf der Basis der Fläche von zwei gegensätzlichen Phänomenen aus, die allen Formen in der Natur zugrunde liegen: die sich „ballende“ Fläche, die eine Wölbung bzw. eine Mulde entstehen lässt, und die „gespreizte“, das heißt in zwei gegensätzliche Richtungen verformte Fläche. Diese Prinzipien und ihre Kombination führen zu einer fast grenzenlosen Vielfalt an Möglichkeiten, von der sich der Gestaltende inspirieren lassen kann.

Vielfältiges plastisches Gestalten

Der Schwerpunkt der künstlerischen Arbeit von Albrecht Kiedaisch, der seit 1979 mit seiner Familie in Tübingen lebt, liegt auf der plastischen Keramik. In seinem Atelier entstand auf der Basis eigener Entwürfe im seriellen Gussverfahren hergestellte Gebrauchskeramik. Daneben fertigte er ab 1990 auch sogenannte „Formstudien“ in Holz, Kleinplastiken und Handschmeichler aus überwiegend einheimischen, aber auch exotischen Hölzern. Auch hier verfolgte er einen seriellen Gedanken. Die zeichnerische Formidee wurde dabei in einem 1:1-Modell in Ton umgesetzt, das dann als Urmodell zur Herstellung von gleichzeitig vier identischen Holzobjekten auf einer analogen Kopierfräsmaschine diente.

So effizient diese Form der Fertigung auch erscheinen mag, der Teufel liegt im Detail, denn der mechanischen Bearbeitung folgte ein langwieriger Prozess des Schleifens. Zuerst auf dem Schleifbock mit zylindrischen Schleifigeln ab Körnung 40 bis hin zum Feinschliff per Hand mit 400er-Papier. Nach zweimaligem Wässern erhielten die Objekte abschließend eine Behandlung mit Öl und Wachs.

Umfangreiches Lebenswerk

In den vergangenen 30 Jahren sind so gut 4000 Kleinplastiken aus Kirsch-, Apfel-, Nussbaum- und Pflaumenholz, aber auch Exoten wie Amaranth, Bubinga oder Grenadill entstanden, die Albrecht Kiedaisch über seinen kleinen Atelierladen in Tübingen oder auf Märkten zusammen mit seiner Keramik verkauft hat. Dabei zieren einige seiner Arbeiten auch die Amtsräume hochrangiger Persönlichkeiten aus der Politik. Denn die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ließ immer wieder Arbeiten von ihm als Gastgeschenke, zum Beispiel für den Bürgermeister von Jerusalem oder Michail Gorbatschow, erwerben.

Nachdem Albrecht Kiedaisch seine Werkstatt im Jahr 2016 aufgegeben hat, führen zwei seiner ehemaligen Praktikanten – Gerhard Morawietz in Berlin und Ulrich Scheel in Tübingen – die Herstellung eines Teils der von ihm entworfenen keramischen Produkte aus. Für die Herstellung seiner feinen Kleinplastiken aus Holz hat sich leider bis heute kein Nachfolger gefunden – schade.

www.werkstatt-kiedaisch.de

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