Besuch beim Harmonikabauer Quirin Kaiser in Niclasreuth

Der Kaiser der Ziach

Gehäuse aus Ebenholz, Knöpfe aus Hirschhorn: Wer eine individuelle Traum-Harmonika sucht, wird bei Quirin Kaiser fündig. Für eine Kaiser-Harmonika nehmen Kunden Wartezeiten bis zu einem Jahr in Kauf. Wer ihn besucht, weiß warum.

Christine Speckner

Etwas bändigen muss man sich schon, um nicht spontan das Tanzbein zu schwingen. Auf jeden Fall aber wippt der Zuhörer begeistert mit der Fußspitze. Er kann gar nicht anders, wenn Quirin Kaiser mit seinem Instrument aufspielt: die Steirische Harmonika. Den Lederriemen hat er über die Schulter gestreift, die Finger gleiten in Windeseile über die Rosenholzknöpfe, dazu klingt rhythmisch der Bass. Und dann die Melodietöne. Es ist schon ein Vergnügen, dem 29-jährigen Quirin Kaiser zuzuhören. Musiktalente, die auf der Ziach spielen können, gibt es manche. Aber einer, der eine Ziach auch noch selbst baut, weil er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat, den findet man hier in Niclasreuth, einem Dorf in Oberbayern, wo seit fünf Generationen der Schreinereibetrieb zu Hause ist. Es gibt viele Namen, die man diesem eigentümlichen Instrument im Laufe vieler Jahre gegeben hat: Zugorgel, Zugin, Wanzenpress, Ziachharmonie, Harmonie oder eben die „Steirische“. Sie ist, erklärt Kaiser, ein diatonisches, wechseltöniges Instrument, wobei die Knöpfe in drei bis fünf Reihen angeordnet sind und jede Reihe in einer bestimmten Tonart gestimmt ist. Diatonisch bedeutet, dass in jeder Reihe nur die Töne für eine Tonart vorhanden sind. Wechseltönig, weil auf Zug und Druck mit der gleichen Taste verschiedene Töne erklingen.

Balg aus Dirndlstoff

Nach der Schreinerlehre hat sich Quirin zunächst auf den Bau von Harmonika-Gehäusen für eine namhafte österreichische Firma spezialisiert. Vor fünf Jahren hat sich der Schreinermeister mit dem Bau von Harmonikas selbstständig gemacht. Wer eine Ziach bestellt, kann sich alles aussuchen. Sogar das Holz der Knöpfe und den Klang. Der Balg wird auf Wunsch mit Dirndlstoff in sämtlichen Farben und Mustern hergestellt.

Typisch für die Kaiser Harmonika sind die leicht geschwungenen Holzecken. Für den Gehäusebau werden hauptsächlich Obsthölzer verwendet, aber auch besonders edle Hölzer wie Eibe, Olive, Makassar und Bahia Rosenholz. Beim Gehäusebau werden die Hölzer zugeschnitten, auf Maß gehobelt und mit CNC-Fräse und Lasertechnik weiter bearbeitet. Nach dem Verleimen der Holzteile schleift Quirin sie von Hand und behandelt die Oberflächen mit Seidenmatt-Lack. Eine Ziach besteht aus rund 2800 Einzelteilen – die wollen erst mal fachgerecht zusammengefügt sein. „Das Innenleben“, sagt Kaiser, während er auf einem Tisch in seinem Arbeitszimmer das Gehäuse abdeckt, „das hat es in sich.“ Sämtliche Bauteile, müssen so konstruiert sein, dass das Instrument stabil ist, andererseits darf die Steirische nicht zu schwer werden. Deshalb gilt es, Harthölzer und leichte Holzarten perfekt zu kombinieren. „Jo mei, des is halt jahrelange Erfahrung“, sagt er. Aus Massivholz werden zunächst die Stimmstöcke ausgefräst, die ähnlich aussehen wie die Luftkanäle bei einer Mundharmonika. Wie viele Millimeter da genau ausgefräst werden? Kaiser kriegt jetzt den Harmonikaspezialistenblick. Ein fix fertiger Konstruktionsplan, sagt er, würde bei einer Harmonika gar nicht funktionieren, zu viele Eigenresonanzen entwickle das Instrument, die nicht berechenbar seien. Die Stimmstöcke werden deshalb nach eigenen präzisen Plänen hergestellt, die er über Jahre entwickelt hat und weiter verbessert. Auf den Stimmstöcken wird er später die Stimmplatten mit Spezial-Bienenwachs anbringen.

Auch der Einbau der Mechanik liegt ganz in seiner Hand, darauf legt der Instrumentenbauer Wert. Hier kommt es auf den richtigen Biegewinkel der über 40 Alustangen an. „Die komplette Mechanik muss von Hand einzeln sauber eingebogen werden.“

Neues Bass-System entwickelt

Wenn es um Optimierung geht, steht sein Erfindergeist nicht still. Eine neue Bassmechanik hat der Niclasreuther schon entwickelt. Anders als die meisten Hersteller baut er mit seinen vier Mitarbeitern, drei Schreiner und ein Handzuginstrumentenmacher, Bässe liegend in das Gehäuse ein. Und das bei einer Gehäusegröße von nur 38 x 21,3 cm. Da alle Bässe auf einer Ebene liegen und sich alle Klappen in die gleiche Richtung öffnen, ist der Ton sehr gleichmäßig. In Handarbeit werden später die Stimmzungen gefeilt und geschliffen.

Etwa 200 Arbeitsstunden investiert er in eine Ziach, je nach Ausführung kostet das Einsteigermodell zweitausend Euro, bei der „Oberklasse“ geht es bei siebeneinhalbtausend Euro los. Zu den Kunden gehören auch Profimusiker, die auf den Klang und die Qualität der Kaiser Ziach setzen.

Stimmen ist Millimeterarbeit

Bevor die persönliche „Traum-Harmonika“ die Werkstatt verlässt, muss sie noch gestimmt werden. Nur wenn der Luftzug die über 400 feinen Metallzungen reibungslos in Schwingung versetzen kann, spielt sich die Ziach später leicht, klingt satt und voll. Drei Tage lang sitzen Kaiser und seine Mitarbeiter in Stille, um jeder einzelnen Stimmzunge die richtige Frequenz zuzuordnen. Gutes Gehör, viel Gefühl und Erfahrung brauche man schon, damit Ober-, Unter-, und Grundton harmonieren. Um den Ton höher zu machen, schleift Kaiser an der Zungenspitze ein wenig ab. Soll der Ton tiefer klingen, ritzt er hinten. Je nachdem, wo das Instrument später zum Einsatz kommen soll, wird so der gewünschte Klangcharakter des Instruments geformt. Und da macht ihm so schnell keiner was vor. Schließlich hat er mit vier Jahren erstmals die Knöpfe einer Ziach gedrückt und mit acht Jahren Unterricht bekommen. „Mit 14 hab I scho in einer Tazlmusi gspuit“, erzählt der Bayer. Heute spielt er bei den „Weiß’ngroanern“ und weiteren sieben (!) Musikgruppen, mit denen er speziell das junge Publikum begeistert.

www.ziach-kaiser.de


Die Autorin

Christine Speckner ist freie Journalistin und lebt bei Freiburg.

www.christine-speckner.de