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Drechseln aus Leidenschaft

Designstücke von Helga Becker sind international gefragt
Drechseln aus Leidenschaft

Ein bisschen erinnert Helga Beckers Biographie an ein Märchen. 20 Jahre lang dient sie brav anderen – als Kauffrau und Mutter in einem Familienbetrieb. Mit einer heimlich begonnenen Drechslerlehre beginnt jedoch 1996 ihr beispielloser Wandel zur begnadeten Holzdesignerin. Im schwäbischen Höpfigheim lebt die 45-Jährige heute mit einem freien Fotografen ihren Lebenstraum als selbstbestimmte Handwerkerin.

In der Werkstatt riecht es nach frischem Holz. Überall liegen Späne und begonnene Werkstücke. Hier ist der Lebensmittelpunkt von Helga Becker, die es in der internationalen Drechselszene binnen weniger Jahre zu einem hohen Bekanntheitsgrad gebracht hat. In ihrer Person verbinden sich Kreativität, Präzision, Kontaktfreude und Willensstärke, mit denen sie in vierter Generation den Wandel einer gewerblichen Drechslerei in ein Kunstatelier geschafft hat.

Den Charme ihrer Werkstatt, die in einer Weinregion zwischen Stuttgart und Heilbronn landschaftlich reizvoll gelegen ist, macht nicht nur das hohe technische und gestalterische Können der Inhaberin aus, sondern auch deren Lebensweg, über den sie offen und schnörkellos spricht. Bereits als Abiturientin mit 19 Jahren heiratet die Tochter eines Drechslermeisters einen Winzersohn, der neben Weinbergen auch eine Getränkehandlung zu führen hat. Der Logik folgend, macht die junge Frau eine kaufmännische Ausbildung, um im Familienbetrieb möglichst nützlich zu sein und bekommt bald darauf zwei Töchter.
Über viele Jahre entspricht Helga Becker den Erwartungen, die ihr dörfliches Umfeld an sie hat. Glücklich aber ist sie nie. Schon als Kind hatte sie viel lieber dem Vater in der Drechslerei bei der Arbeit zugesehen, wie unter seinen geschickten Händen aus rohen Hölzern kunstvolle Tischbeine, Möbelknöpfe oder Lager für Mühlwerke entstehen. Häufig wird sie aus der Werkstatt gedrängt, ob der Verletzungsgefahren, die hier lauerten. Und der Vater hält lange ihren Bruder für seinen Nachfolger. Doch der orientiert sich anders, zumal das Handwerk zunehmend unter den Preisdruck osteuropäischer Konkurrenz und maschineller Massenware gerät.
1996 sucht der einstige Fünf-Mann-Betrieb des Vaters, den dieser mittlerweile als 75-Jähriger nur noch alleine führt, eine Aushilfskraft. Tochter Helga bietet sich dem Vater an und auch ihr Mann billigt das Engagement, ist es in Familienbetrieben doch üblich, sich gegenseitig auszuhelfen und auch die gemeinsamen Töchter sind bereits aus dem Gröbsten heraus. Nur Helga Beckers Mutter weiß, dass ab nun ein Ausbildungsvertrag läuft, den die Auszubildende dank Lehrzeitverkürzung nach zwei Jahren mit der Gesellenprüfung beendet.
Nun folgen das „Coming-Out“ der Künstlerin, die Trennung von ihrem Mann und die inten- sive Suche nach dem eigenen künstlerischen Stil. Denn der Gesellin ist von Anfang an klar, dass sie nun endlich ihre Kreativität entfalten und das kleinbürgerliche Milieu verlassen will. Dabei ist ihr das Holz und dessen vielfältige Bearbeitungsmöglichkeit ein wertvoller Begleiter. Tagelang experimentiert sie, spielt herum, probiert aus und scheitert gelegentlich. Während ihr Metall zu kalt und Ton zu nass und klitschig sind, findet sie im Holz das richtige Medium, um gestalterisch zu arbeiten. „Da kann ich bereits nach Stunden Ergebnisse sehen“, begründet die 45-Jährige ihre Vorliebe für Holz, von dem sie wiederum aus Prinzip fast ausschließlich heimische Gewächse verarbeitet. Außer Nadelhölzern allerdings, die ihr „zu langweilig“ sind.
Entstehen beim Drechseln normalerweise nur runde, symmetrische Formen, in dem das Holzstück um die eigene Achse gedreht wird und dabei das nur handgestützte Werkzeug Mate- rial unterschiedlich tief abnimmt, so wächst die Formenvielfalt, in dem das Holzstück beispielsweise nochmals außerhalb der Mittelachse aufgespannt und weiteres Material beim Rotieren am Werkzeug vorbei abgetragen wird. Mit dieser Technik entstehen außergewöhnliche Formen, die in sich harmonisch bleiben wie zum Beispiel die Zaubertrankflaschen, die Helga Becker in kleinen Serien für Designstudios in Paris oder Mailand herstellt.
Zwecks künstlerischer Effekte arbeitet die Schwäbin bewusst gerne mit frisch geschlagenen Hölzern, die sich nach der Bearbeitung beim Trocknen noch verziehen. Sogar durch die Art des Holzzuschnitts kann die Perfektionistin beeinflussen, ob sich das Gebilde in der Folge einseitig wölbt oder oval verformt.
Die natürlichen Eigenschaften des nass gedrechselten Holzes können auf diese Weise in die Gestaltung miteinbezogen werden. Der Reiz ihrer Kunst liegt darin, all diese Erfahrungen zu sammeln und die Reaktionen unterschiedlicher Hölzer miteinander zu vergleichen. Für jede Aufgabe nimmt Becker deshalb das passende Holz, ohne Vorlieben für bestimmte Arten zu entwickeln.
In Kombination mit Farben greift die Künstlerin gerne auf Ahorn zurück, das auf Grund seiner hellen Farbe und zarten Maserung dem Bunten seine Wirkung lässt und die Töne fast eins zu eins wiedergibt, so dass schöne Kontraste möglich sind. Auch bei den Farben ist Becker nicht festgelegt. Buntstifte, Beizen, Acryl oder Lack kommen zum Einsatz ohne jemals das Holz ganz zu überdecken. Präzision ist auch bei der Flechttechnik gefragt, in der die Schwäbin filigrane Objekte gestaltet. Ein Millimeter dicke Furniere schneidet sie dann in fünf Millimeter breite Streifen, die häufig mit mehr als 100 Zentimetern Länge ineinander verarbeitet werden. Waren anfangs viele dieser Streifen bei der Verarbeitung gebrochen, hat die Künstlerin auch hier mittlerweile ihr Können soweit verfeinert, dass sie für ihre Designentwürfe bis an die physikalischen Grenzen der Materie gehen kann. Gerade dieses Austesten der Grenzen, die Ästhetik der Formen und der Reiz des immer wieder Neuen sind Triebfedern für Beckers Schaffen.
Die Kurse
Doch nur 30 Prozent ihrer Arbeitszeit dient diesem freien Gestalten, dessen Ergebnisse sie auf Designermessen präsentiert und über internationale Galerien und Fachgeschäfte verkauft. Zu 10 Prozent führt sie klassische Auftragsarbeiten – meist in ihrer Region – aus, wozu Restaurationen in Kirchen gehören. 60 Prozent aber machen Kurse aus, die meist zweitägig freitags und samstags stattfinden und zu denen die Teilnehmer aus halb Europa anreisen. Monatlich findet ein Einführungskurs in die Kunst des Drechselns statt und in mehr als 20 weiteren Kursen können 15 Themen wie Werkzeugkunde, Löffel- und Dosen- drechseln, Oberflächengestaltung oder Nassholz-Drechseln vertieft werden. Dazwischen richtet die Unternehmerin ihre Werkzeuge, konzipiert neue Kurse, schreibt für das deutsche und einige internationale Drechsel-Magazine, macht ihre Buchhaltung oder referiert bei Symposien in Frankreich, Norwegen und den USA. Auch auf Ausstellungen, wie zum Beispiel der Fachmesse „Maison et objet“ in Paris, ist sie präsent.
Die Künstlerin selbst, die mit ihren Kursen in Steinheim-Höpfigheim mittlerweile für steigende Übernachtungszahlen sorgt, übt sich in Bescheidenheit. Der Zufall habe immer wieder mitgespielt, dass ihre Bekanntheit in der auch international übersichtlichen Branche so rasch gestiegen sei. Sicher habe auch ihre Zielstrebigkeit dank des reiferen Alters mitgeholfen – und die Qualität und Originalität ihrer Arbeiten. In Deutschland kenne sie nur einen Kollegen, dessen Kurse ähnlich gut nachgefragt seien.
Bei all dem Erfolg, der der Künstlerin binnen weniger Jahre widerfahren ist, ist sie dennoch bodenständig geblieben. Das belegen auch die Kursgebühren, die mit 195 Euro für zwei Tage eher maßvoll sind, zumal maximal sieben Teilnehmer jeweils zugelassen werden. Helga Becker geht es nicht um Gewinnmaximierung, sondern um Weitergabe ihres Wissens und ihrer Lebensfreude, die sie beim Werken mit Holz empfindet. Entsprechend intensiv, gesellig und familiär ist deshalb auch die Kursatmosphäre, die viele ihrer Teilnehmer immer wieder suchen. Umgekehrt genießt die Künstlerin den anspruchsvollen Dialog mit ihren Kursteilnehmern. Mit Freude stellt Becker fest, dass der Frauenanteil stetig steigt – auf gut 10 Prozent.
Zwar verbringt die Drechslerin viel Zeit im Lärm und Staub ihrer Werkstatt und ist häufig tot müde, doch im Gegensatz zu ihrem „ersten Leben“, wie sie immer wieder formuliert, fehlt ihr jetzt nichts mehr. Sie freut sich, dass ihr Vater noch sehen konnte, welchen Weg seine Drechslerei genommen hat, ehe er vor zwei Jahren starb. Und zwar mag von den mittlerweile 20 und 23 Jahre alten Töchtern keine das künstlerische Erbe der Mutter antreten, sie sind aber stolz auf den Erfolg und die Kreativität ihrer Mutter.
Mit ihrem zweiten Mann Richard, der als freier Fotograf gute Kontakte zu Möbeldesignern hat und mit seinen Bildern viel zu ihrem Image beitragen konnte, arbeitet Helga Becker derzeit an einem Buch, in dem bekannte deutsche Drechsler vorgestellt werden. Am 2./3. Oktober ist dann, wie jedes Jahr, „Tag der offenen Tür“ in Werkstatt und Galerie in der Hauptstraße 10 von 71711 Steinheim-Höpfigheim.
Leonhard Fromm
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