Werkstattbesuch beim Tischlermeister Dietrich Rickert

Ein Leben fürs Holz

Ob Kirchenausstattungen, Direktorenzimmer oder Möbel für Privatkunden – Dietrich Rickert hatte in seinem langen Tischlerleben viele interessante Aufträge. Und auch heute noch verbringt der 91-Jährige täglich einige Stunden in seiner kleinen Hauswerkstatt. BM-Redakteur Heinz Fink

Das Taxi biegt, vorbei am örtlichen Botanischen Garten, in eine schmale, leicht ansteigende Straße, hinein in ein idyllisch gelegenes Wohngebiet. Ein schlichtes und fein proportioniertes Wohnhaus aus weiß gekalktem Backstein aus den 50er-Jahren ist das Ziel. Rechts neben der Haustüre fordert eine dünne, schmiedeeiserne Zugstange auf, daran zu ziehen – deren oberes Ende ist umgelenkt und verschwindet in einem kleinen Loch in der Hauswand. Ein heller Glockenton erklingt und kurz darauf öffnet sich die Tür und ich tauche in den darauffolgenden Stunden in ein sich über mehr als sieben Jahrzehnte erstreckendes Tischlerleben ein.

Ich darf zu Besuch sein bei Dietrich Rickert, Tischlermeister aus Bielefeld. Aufmerksam wurde ich auf ihn durch einen auf einer Schreibmaschine geschriebenen Brief, in dem er unserer Redaktion alte Ausgaben des BM anbot und der mit den Worten endete: „Auch heute noch arbeite ich in meiner kleinen Hauswerkstatt und stelle Intarsien-Kästchen her.“ Dass einige der eingesandten Hefte hervorragend gestaltete Arbeiten Rickerts aus den 60er- bis 70er-Jahren zeigten, machte mich nur noch neugieriger. Diesen Handwerker und Gestalter wollte ich kennenlernen.
Gestalterische Vorbelastung
1925 in Freiburg im Breisgau geboren, zog Dietrich Rickert Ende der 20er-Jahre mit seinen Eltern nach Bielefeld, wo sein Vater, der bekannte Bildhauer Arnold Rickert, die Leitung der Bildhauerklasse an der dortigen Werkkunstschule übernahm. Hier besuchte er auch das Gymnasium und legte 1943 das Abitur ab, bevor er in den letzten Kriegsjahren noch zum Wehrdienst an die Ostfront eingezogen wurde. Nach seiner, zum Glück unversehrten Rückkehr ins kriegszerstörte Bielefeld wollte er eigentlich Architektur studieren. Doch anstatt das vorgeschriebene Vorpraktikum abzulegen, überzeugte ihn sein Vater, doch gleich eine Ausbildung zum Tischler zu machen. So begann Dietrich Rickert schon im August 1945 eine Tischlerlehre in einer den bekannten Bodelschwinghschen Werkstätten angegliederten Tischlerei, die er 1948 mit der Gesellenprüfung abschloß.
Eine Anekdote am Rande: Angespornt durch die Kritik eines Prüfers, dass er sich als Abiturient ja wohl nicht die Hände schmutzig machen – sprich nichts mit den Händen arbeiten – wolle, legte er sich erst recht ins Zeug und fertigte erfolgreich einen sehr aufwendig gearbeiteten Sekretär in Nussbaum.
Wanderjahre in schweren Zeiten
Nach seiner Lehre zog es Dietrich Rickert erst mal hinaus in die Welt. Im Haushalt seines Onkels, des Goldschmiedes Franz Rickert, der eine Professur an der Münchner Kunstakademie hatte, war es ihm 1948 möglich, in der schwer zerstörten Stadt eine Unterkunft zu finden. Seine erste Anstellung fand er in den Werkstätten der Akademie, wo er mit dem dortigen Meister erst einmal neue Hobelbänke baute.
Doch schon seine nächste Gesellenstelle brachte ihn in die Werkstatt des königlichen Hofschreiners und Hofmöbelfabrikanten Anton Pössenbacher. Umgeben von erfahrenen Altgesellen über 60 mit einer Menge an Erfahrung – die jüngeren waren gefallen oder in Kriegsgefangenschaft – gab es einiges zu lernen für das junge Nordlicht. So flößte ihm auch eines seiner ersten Projekte – der Plan dafür war größer als seine Hobelbank! – gehörigen Respekt ein. Dennoch konnte er in seiner Münchner Zeit viel lernen und an großen Projekten, wie dem Ausbau des Sendesaals des Bayrischen Rundfunks mitarbeiten.
Zurück in die Heimat
Ein Rückgang der Aufträge im Betrieb ließ ihn im Juli 1949 nach Bielefeld zurückkehren – nicht jedoch ohne, auf Empfehlung seines Vaters, bei dem Fachbuchautor der Zeit, Franz Spannagel, am Bodensee vorbeizuschauen.Zurück in Bielefeld besuchte Dietrich Rickert an der Werkkunstschule die neu gegründete Klasse für Architektur. Während dieser Zeit zeichnete er die Werkpläne für das Haus seiner Eltern, das 1951 nach den Entwürfen seines Vaters gebaut wurde. Und dem nicht genug an Herausforderung für den jungen Tischlergesellen: In einer flugs vermittelten Werkstatt fertigte er in den folgenden Monaten Fenster, Türen, Treppen sowie alle Einbauten und Möbel für das elterliche Haus.
Aktiv für den Berufsstand
Im Februar 1953 legte Dietrich Rickert die Meisterprüfung im Tischlerhandwerk ab und war mit dem ersten Tag selbstständig. Zuerst in einer kleinen Werkstatt in Bielefeld, wohin es noch täglich mit dem Fahrrad ging – mit Werkzeug im Rucksack auch zur Montage! In den folgenden Jahren realisierte er zusammen mit seinem Vater zahlreiche Aufträge für Kirchenausstattungen, wie Altäre, Lesepulte, Kanzeln, Tauftische und Kirchengestühle – sogar ein Lesepult für den Dom zu Strängnas in Schweden.
In all diesen Jahren bildete Dietrich Rickert zwölf Lehrlinge aus, war Fachbeisitzer im Gesellen- und Meisterprüfungsausschuss, Vorstandsmitglied der Tischlerinnung Bielefeld und Mitglied im Ausschuss für Gestaltung des Fachverbandes NRW. Darüber hinaus war er seit 1965 regelmäßiger Teilnehmer an den Bezirksausstellungen des Kunsthandwerks und beteiligte sich von 1971 bis 89 an der Landesausstellung „Manufactum“ in NRW.
Allen, die denken, in diesem Alter wär’s Zeit für den Ruhestand: Noch bei der Verabschiedung erzählt mir Dietrich Rickert, dass er jetzt eiligst die Exponate für die aktuelle Jahresausstellung „Handzeichen“ des Verbandes Angewandte Kunst Ostwestfalen-Lippe zusammenstelle müsse…

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