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Fein marmoriert

Besuch in der Schönberger Ebonit Manufaktur in Hitzacker
Fein marmoriert

Bakelit, Galalith oder Celluloid sind Namen lange vergessener Materialien aus der Frühzeit der Kunststoffe und längst ersetzt durch moderne, thermoplastische Werkstoffe. Ebonit dagegen, ein natürliches Hartgummi aus Kautschuk und Schwefel, erlebt derzeit – vor allem in seinen zahlreichen farbigen Varianten – eine Renaissance zur Herstellung von Zubehörteilen für Rauchpfeifen, Musikinstrumente und Griffe.

BM-Redakteur Heinz Fink

Begierig schlingt das in dunklem Grün lackierte Ungetüm das ihm von oben zugefütterte, weiche Material in sich hinein. Zug um Zug verschwinden die unterschiedlichen, in Rot, Weiß und Blau gefärbten Würste in seinem Schlund, werden in dem dicken, aufgeheizten Körper gewalkt, geknetet und vermischt, um sogleich am vorderen Ende als gleichmäßig runder, endloser Strang herausgequetscht zu werden – zu Beginn noch einfarbig, später dann im Querschnitt zart gewolkt und marmorartig gezeichnet.

Was klingt wie die Herstellung von Spritzgebäck oder farbiger Bonbonmasse, ist die Verarbeitung eines 170 Jahre alten Werkstoffes aus Naturkautschuk und Schwefel: Ebonit. Die Firma Schönberger Ebonit Manufaktur im Niedersächsischen Hitzacker hat diesem alten, eher technischen Werkstoff durch Farbe neues Leben eingehaucht und ihn für zahlreiche weitere, ästhetische Einsatzgebiete erschlossen.

Früher Kunststoff

Im Jahr 1851 entwickelte der US-amerikanischen Chemiker Charles Goodyear das Verfahren der Vulkanisierung von Naturkautschuk durch Schwefel, Hitze und Druck und meldete dieses zum Patent an. Als Name für den fast schwarzen, dem Ebenholz (engl. ebony) ähnlichen Hartgummi wählte er Ebonit. Der Werkstoff lässt sich gut spanabhebend bearbeiten, ist geschmacksneutral und beständig gegen die meisten Chemikalien.

Ebonit wurde bis in die 1960er-Jahre für alle erdenklichen Gebrauchsgegenstände wie Lichtschalter, Steckdosen, Batteriegehäuse, Bowlingkugeln, Stuhl- und Sofalehnen, Krückstöcke, Schlagstöcke, Radiogehäuse, Wandvertäfelungen, Schachfiguren oder Klaviertasten verwendet. Bekannter dürfte heute jedoch sein Einsatz als Mundstück für Rohrblasinstrumente wie Saxophone und Klarinetten sein. Die oft gebogenen Mundstücke von Tabakspfeifen werden aus Ebonit gefertigt, aber auch Schmuckstücke und Kämme. Weitere Anwendungen liegen im technischen Bereich z. B. als Dichtungsgummi.

Alter Werkstoff, neu gedacht

In Hitzacker an der Elbe gelegen, hat sich die Schönberger Ebonit Manufaktur ganz der Wiederbelebung und der Weiterentwicklung dieses Werkstoffes verschrieben. Gegründet 2006 von der Betriebswirtin Meike Huijssen in Zusammenarbeit mit Spezialisten mit langjähriger Erfahrung in der Herstellung von Produkten aus Ebonit, widmet sich das Unternehmen der Entwicklung neuer Varianten und Anwendungen des Werkstoffes. Seit sieben Jahren wird sie dabei von ihrem Sohn Adriaan Huijssen als Prokurist und Kai Koopmann als Assistent der Geschäftsleitung unterstützt.

In einem ehemaligen Kalksandsteinwerk produziert SEM mit sieben Mitarbeitern auf gut 28 000 m2 Werksfläche mithilfe von zehn Autoklaven mit einem Durchmesser von 2,5 m und einer Länge von 18 m jährlich etwa 100 t Ebonit und wird im nächsten Jahr das Produktionsvolumen verdoppeln. Ein Teil der Produktion wird als fein gemahlenes Pulver in der technischen Industrie weiterverarbeitet, der Rest geht als dekorativer Werkstoff in alle Welt.

Begehrter Naturstoff

Die Basis für die Herstellung von Ebonit ist gereinigter, fast weißer Naturkautschuk in Form von sogenannten Fellen (crepe No. 1), die SEM von zertifizierten Plantagen in Südostasien bezieht. Für die Produktion des schwarzen Ebonitstaubes werden die Felle mit Schwefelpulver und Leinöl versetzt und etwa 24 Stunden unter hohem Druck und Temperatur gehärtet. Die schwarz glänzenden, harten Platten werden anschließend geschreddert, gemahlen und zu feinstem Staub mit einer Partikelgröße von 100 bis 160 μm weiterverarbeitet.

Für die Herstellung von Ebonitstäben verschiedener Formen und Durchmesser wird der Naturkautschuk in einem beheizten Extruder zu weichen, runden Strängen verarbeitet, die in Edelstahlrohre verschiedener Durchmesser gefüllt, ebenfalls im Autoklaven je nach Durchmesser ein bis drei Tage vulkanisiert werden. Das Material erreicht dabei eine Härte von mehr als 82 D Shore.

Spezielle Technik – geheime Rezeptur

Schwarzes Ebonit wird durch Versatz der Felle vor der Vulkanisierung mit dunklem Ebonit- und Schwefelpulver erreicht, einfarbige Stäbe durch Zusatz spezieller, thermisch beständiger Farbpigmente. Eine Besonderheit von SEM ist die Herstellung von farbig marmorierten Profilen. Mithilfe großer Walzen werden die Farbpigmente in die weißen Naturkautschukfelle gleichmäßig eingearbeitet und anschließend im Extruder vermischt. Eine selbst entwickelte Technik ermöglicht dabei die Herstellung gewickelter (marbeled) und bis zu achtfach verwirbelter (mottled) Stangen.

Hinter der Vielfalt von gut 47 einfarbigen Farbvarianten, 23 marmorierten und achtfach verwirbelten Farbvarianten und 53 Limited Editions steht eine gut 14-jährige, intensive Entwicklung bei SEM, die weltweit zu einem Alleinstellungsmerkmal geführt hat. Der Klassiker in Schwarz wird in Stangen von 4 bis 96 mm, die marmorierten Varianten in 14 bis 36 mm und die verwirbelten bis 44 mm Durchmesser angeboten.

International aufgestellt

Zu den Kunden der Schönberger Ebonit Manufaktur zählen heute private und gewerbliche Verarbeiter in aller Welt. Namhafte Hersteller von Zulieferteilen für die Musikinstrumentenindustrie genauso wie Handwerksbetriebe im Bereich Blasinstrumente, Entenrufer (duck calls), Messermacher, Tabakpfeifenmacher aber auch Hersteller von Rasierpinseln, Angelspulen und Brillenfassungen. Dabei sieht die umtriebige Gesellschafterin Meike Huijssen die Einsatzgebiete von Ebonit noch lange nicht ausgereizt und hat dabei die Kosmetikindustrie und Sportwaffenbranche im Auge. Doch gerade kommt eine Bestellung eines Flötenbauer-Kunden aus der fern gelegenen Himalaya-Region herein, die zuerst noch bearbeitet werden will …

www.ebonite-arts.de

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