Werkstattbesuch beim Shakerdosen-Bauer

Feine Behältnisse

Zeitlos, schlicht und zweckdienlich sind sie – die Produkte der Shaker begeistern noch heute. Das gilt auch für Peter Ittner aus Zell am Harmersbach, der sich ganz der Herstellung der „Oval Boxes“ der Shaker verschrieben hat.

BM-Redakteur Heinz Fink

Hochaufragend und leicht schräg an die Wand gelehnt stehen sie da. Eine hinter der anderen und jede hat ihren eigenen, individuellen Charakter. Ihre Farben reichen dabei von einem warmen Gelborange bis hin zu einem kräftigen, teils von grünen Strähnen durchzogenen Rotbraun. Noch lässt sich nur erahnen, welche Schönheit sich unter ihrer rauen Oberfläche verbirgt. Erst wenn Peter Ittner Hand anlegt und eine von ihnen auswählt aus seinem reichlich bestückten Holzlager, werden aus den kräftigen, sägerauen Bohlen aus heimischem Kirschbaum feine, kleine Schmuckstücke. Denn der 58-jährige Holztechniker aus dem badischen Zell am Harmersbach fertigt daraus dünnwandige, ovale Spandosen im Stil der amerikanischen Shaker.

Perfektion zu Ehren Gottes

Die Glaubensgemeinschaft der Shaker, eine Abspaltung der protestantischen Quäker, wurde Mitte des 18. Jahrhunderts durch die Weberin Ann Lee in Manchester, Großbritannien, gegründet. Wegen ihres Glaubens in ihrer Heimat verfolgt, wanderte sie 1774 mit einer kleinen Schar von Anhängern nach Nordamerika aus, ließ sich im Bundesstaat New York nieder und gründete wenige Jahre später nahe Albany die erste Gemeinschaft.

Die Shaker zeichnen sich durch eine hohe Arbeitsethik und ein zölibatäres, fast klösterliches Leben aus. In den von ihnen ursprünglich für den gemeinschaftlichen Gebrauch entwickelten Gegenständen spiegeln sich die Tugenden der Shaker, wie Fleiß, Kreativität und das Streben nach höchster handwerklicher Produktqualität wider. Die Arbeit, die sie als Gottesdienst sehen, spielt im Shakerleben eine zentrale Rolle.

Zu Hochzeiten der Gemeinschaft, Mitte des 19. Jahrhunderts, schufen gut 6000 Mitglieder in gut 20 Niederlassungen im US-amerikanischen Nordosten eine Vielzahl von Dingen – vom einfachen Alltagsgegenstand über Werkzeuge und Möbel bis hin zur Architektur. Nützliche Produkte in reduziert gestalteter Formensprache und das lange vor der Maxime des Bauhauses „Less is more“.

Durch die selbstgewählte Ehelosigkeit – sobald Mitglieder heirateten, mussten sie die Gemeinde verlassen – und einem zunehmenden Rückgang an Neueintritten, reduzierte sich deren Zahl im 20. Jahrhundert drastisch: derzeit leben lediglich noch zwei hochbetagte Mitglieder der Gemeinschaft. Die meisten Einrichtungen der Shaker sind heute Museen, in denen aber immer noch zahlreiche ihrer Produkte hergestellt werden.

Berufliche Um- und Nebenwege

Zwischen Holz und Hobelspänen ist der gebürtige Unterfranke Peter Ittner nicht aufgewachsen. Nach der Schule absolvierte er in Würzburg die Berufsfachschule für Metallbau, konnte sich aber nie so richtig für die Materie erwärmen. Kurzentschlossen folgte er seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau nach Freiburg, die dort eine Ausbildung zur Krankenschwester machte. Dort holte er auf dem zweiten Bildungsweg zuerst die Mittlere Reife und anschließend das Abitur nach. Auch ein kurzer Ausflug an die Universität zum Studium der Elektrotechnik in Karlsruhe erwies sich nicht als der richtige Lebensweg.

In all den Jahren jobbte Peter Ittner in den Ferien immer wieder mal in der Schreinerei eines Onkels in den Niederlanden, die Zulieferteile für die Polstermöbelindustrie hergestellte. Dort infizierte er sich endgültig mit dem Holzvirus und beschloss mit 28 Jahren eine Ausbildung zum Schreiner in einem Freiburger Handwerksbetrieb zu machen. Nach seiner Gesellenzeit in verschiedenen Betrieben und einem Fernstudium zum Holztechniker, ist Peter Ittner seit vielen Jahren Fertigungsleiter bei einem Displayhersteller im badischen Friesenheim.

Frühe Faszination

Auf die Handwerkskunst der Shaker wurde Peter Ittner schon während seiner Zeit an der Berufsschule in Freiburg aufmerksam. In der Schulbibliothek bekam er die amerikanische Fachzeitschrift „Fine Woodworking“ in die Hand und war sofort begeistert vom Design und der handwerklichen Perfektion der Shaker-Produkte. Inspiriert durch einen Urlaub in Skandinavien, in dem er feststellte, dass es auch dort eine lange Tradition der Herstellung von Spangefäßen und -behältern gab, stellte er seine ersten „Oval Boxes“, wie sie von den Shakern genannt werden, her. Den ersten, etwa im Jahr 2002 entstandenen Dosen aus Ahorn, Rüster, Eiche und Nussbaum folgten solche aus europäischem Kirschbaum – das Holz, aus dem Peter Ittner seine Shakerschachteln bis heute fertigt.

Edles Rohmaterial

Das Holz für seine Dosen stammt von regionalen Streuobstwiesen, das er in einem lokalen Sägewerk im Quartierschnitt auf 70 mm Stärke einschneiden lässt. Das ist zeitaufwendig, aber nur so erhält er einen maximalen Anteil an stehenden Jahren aus einem Stamm. Nach einer angemessenen Trocknungszeit, trennt er die Bohlen in der Werkstatt auf der Kreissäge in dünne Streifen auf. Je nach Größe der späteren Dose, werden diese auf eine Stärke von 1,4 bis 2,6 mm zunächst mit Körnung 80 und anschließend bis Körnung 180 in einer kleinen Zylinderschleifmaschine geschliffen.

Im nächsten Arbeitsschritt zeichnet PeterIttner mittels einer Schablone die charakteristischen, fingerförmigen Verbindungszinken auf und sägt diese auf der Dekupiersäge aus. Mit einem gut abgezogenen Stecheisen wird anschließend noch eine gleichmäßige Fase angeschnitten. Auch die Löcher für die kleinen Verbindungsnägel aus Kupfer, die er von einem speziellen Hersteller aus den USA bezieht, werden in diesem Stadium bereits gebohrt. Zu guter Letzt wird das hintere Ende auf Null angeschrägt, denn später soll im Inneren der Dose kein Absatz entstehen.

Um die Seiten biegen zu können, werden diese in heißem Wasser gekocht und anschließend sofort um einen Kern aus MDF der jeweiligen Dosengröße gebogen, fixiert und für einige Tage trocknen gelassen. Für die Deckel und Böden seiner Dosen verwendet Peter Ittner dünnes, mit Kirschbaum furniertes Birke-Multiplex, das er mit Bandsäge und Kantenschleifmaschine in Form bringt.

Sind die Zargen der Unterteile und Deckel getrocknet, werden sie mittels Kupfernägeln zu ovalen Ringen verbunden und gleichzeitig der Boden bzw. Deckel eingeleimt. Nach dem Feinschliff werden alle Dosen innen und außen mit Hartwachsöl grundiert und abschließend mit Möbel-Naturwachs behandelt.

Von Baden aus in die Welt

Seine Shaker Boxes stellt Peter Ittner in acht verschiedenen Größen her: von der kleinsten, No. 1 mit 123 x 74 mm und einer Höhe von
45 mm, bis hin zur No. 8 mit 374 x 263 mm und 154 mm Höhe. In derselben Technik entstehen aber auch Tabletts, verschieden große Tragen, sogenannte Carrier, und als Nähkästchen oder Schmuckschatullen nutzbare Dosen mit herausnehmbaren Einsätzen. Wie viele Oval Boxes, Carrier und andere Behältnisse in Peter Ittners Werkstatt in den vergangenen
16 Jahren entstanden sind, weiß er selbst nicht genau. Ein paar Hundert seien es aber schon, die über Märkte und seine Website ihre Liebhaber gefunden hätten, sagt er. Ach ja, ins Fernsehen hat es Peter Ittner – oder besser seine Dosen – auch schon geschafft! Vor einigen Jahren hat er fünf runde Tortenschachteln im Shaker-Stil mit einem Durchmesser von 350 mm als Requisiten für einen Spielfilm über das berühmte Hotel Sacher in Wien gefertigt.

www.shakerdosen.de

Herstellerinformation

Herstellerinformation

Ligna 2019: Werde BM-Titelstar!

Herstellerinformation

Wissen testen – Preis absahnen

Ligna 2019: BM-Messewegweiser

LIGNA - Weltleitmesse für Maschinen, Anlagen und Werkzeuge zur Holzbe- und verarbeitung

BM-Themenseite: Innentüren

Im Fokus: Vernetzte Werkstatt

Herstellerinformation

BM bei Facebook

Alles bio? Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk

Im Fokus: Gestaltung

Herstellerinformation


BM Bestellservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der BM Bestellservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin-Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum BM Bestellservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des BM Bestellservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de