Werkstattbesuch beim Flechtwerkgestalter Emmanuel Heringer. Feines Flechtwerk - BM online
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Feines Flechtwerk

Werkstattbesuch beim Flechtwerkgestalter Emmanuel Heringer
Feines Flechtwerk

Jahrtausende dienten sie den Menschen zum Schutz, ließen sie sicher Waren und Güter transportieren oder boten ihnen Lebensunterhalt. Flechtarbeiten begleiten den Menschen seit seiner Seßhaftwerdung vor gut 10 000 Jahren. Der Flechtwerkgestalter Emmanuel Heringer aus dem oberbayrischen Schechen bei Rosenheim gibt diesem alten Handwerk mit seinen Flechtarbeiten ein zeitgemäßes Gesicht. BM-Redakteur Heinz Fink

In einer Linie liegt es da, das kleine Holzgebäude, eingerahmt zwischen dem historischen Bahnhofsgebäude und der mächtigen Remise – parallel zur Bahnlinie von Wasserburg am Inn nach Rosenheim gelegen. Zwischen dem Bahnhof, der längst nicht mehr vom Bahnhofsvorsteher, Zugwärter, Weichensteller und deren Familien bewohnt wird und der Remise, die einst Scheune zur Trocknung von Torf war – Torf der in den Mooren der Gegend gewonnen wurde.

Nichts deutet von außen auf die Nutzung des kleinen, langgestreckten Gebäudes dazwischen hin. Einst Toilettenhäuschen, Waschküche und Kohlenlager des Bahnhofs Schechen bei Rosenheim, nimmt es heute das Atelier von Emmanuel Heringer auf. Der 39-jährige gelernte Zimmermann und ausgebildete Flechtwerkgestalter, wie der Beruf des Korbflechters heute heißt, fertigt allerdings keine klassischen Körbe, sondern hat sich auf die Herstellung individueller Zäune und architekturgebundener Flechtarbeiten spezialisiert.
Lange Handwerkstradition
Emmanuel Heringer kann auf eine lange handwerkliche Familiengeschichte zurückblicken. Schon sein Urgroßvater war Zimmermann, der Großvater Wagner und sein Vater Schreinermeister und Berufsschullehrer. Geboren in Brasilien – seine Eltern waren dort damals als Entwicklungshelfer im Einsatz – und aufgewachsen in Rosenheim, erlernte er nach der Schule den Beruf des Zimmermanns. Die nachfolgenden Gesellenjahre in diesem Beruf ließen jedoch den Wunsch nach einer gestalterischen Tätigkeit reifen.
Nach einem Praktikum in einer alteingesessenen Korbflechterei in Rosenheim, entschloss sich Emmanuel Heringer 2001 noch eine weiterere Ausbildung zum Flechtwerkgestalter aufzunehmen. Dies führte ihn an die Berufsfachschule im unterfränkischen Lichtenfels, einem Zentrum der Korbflechterei in Deutschland.
Zurück im heimischen Rosenheim, arbeitete Emmanuel Heringer in seinem Praktikumsbetrieb, der Korbflechterei J. Bachinger, als Geselle und bildete sich berufsbegleitend an der Akademie für Gestaltung der Handwerkskammer München zum „Gestalter im Handwerk“ fort. Seit 2009 betreibt er seine eigene Firma „Geflecht und Raum“.
Vom Lager zum Wohnhaus
Die Korbflechterei Bachinger nutzte während dieser Zeit eine Torfremise auf dem Gelände einer Spinnerei in Kolbermoor als Lager für Weiden- und Flechtmaterial. Diese sollte im Jahr 2005 abgerissen werden um einem Neubau Platz zu machen. Als Zimmermann erkannte Emmanuel Heringer die Qualitäten des Holzbaus und zerlegte mithilfe von Freunden und seiner Frau Stefanie das Holztragwerk. Der Abbau wurde zeichnerisch genauestens dokumentiert und gut 90 m³ Baumaterial sauber nummeriert vorerst einmal eingelagert.
Als sich im Jahr 2008 die Chance bot, auf dem Gelände des Schechener Bahnhofs ein Grundstück zu erwerben, griffen sie zu. Zusammen mit dem Berliner Architekten Eike Roswag (www.zrs-berlin.de) wurde eine neue Nutzung der Remise als Lager, Werkstatt und Wohnung entwickelt. Unter viel Eigenleistung haben die beiden Handwerker – Emmanuel Heringers Frau Stefanie ist Schmiedemeisterin, Berufsschullehrerin und Dozentin an der Akademie für Gestaltung der HWK München – eine eindrucksvolle Verbindung von Wohnen und Arbeiten unter einem Dach geschaffen. Ziel war dabei immer das Erscheinungsbild der alten Torfremise, mit ihrer feinen vertikalen, zur Durchlüftung auf Abstand gesetzten Verschalung, von außen zu erhalten. Im Inneren bildet eine mit Lehm verputzte Holzständerkonstruktion den zweistöckigen Wohn- und Ausstellungsraum.
Geflochtene Lebensraumgestaltung
Das Spektrum der Arbeiten von Emmanuel Heringer ist weit gefächert: So entstehen, oft in Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitekten, Arbeiten für den Außenbereich wie Zäune und Tore, Wind- und Sichtschutzanlagen, aber auch Spielgeräte für Kindergärten, wie ein begehbarer Spieltunnel oder ein geflochtenes Weideniglu. Er fertigt ebenso architekturgebundene Arbeiten wie Fassadenverkleidungen, Fensterverschattungselemente oder geflochtene Carport-Verkleidungen.
Für den Innenraum entstehen in seiner Werkstatt Decken- und Wandverkleidungen, aber auch freie gestalterische Arbeiten. In einem Kindergartenneubau fertigte er in Zusammenarbeit mit drei Flechterkolleginnen ein 23 m langes, über zwei Stockwerke fortlaufendes und vor Ort geflochtenes Treppengeländer aus geschälter Weide.
Erfolgreiche Arbeit
Unter den zahlreichen Preisen, wie der Bayerischer Staatspreis für Nachwuchsdesign im Bereich Gestaltendes Handwerk, den Emmanuel Heringer 2008 erhalten hat, ist er besonders dankbar für das Praxisstipendium der Deutschen Akademie Rom. Während eines siebenwöchigen Aufenthaltes im Jahr 2014 in der Villa Massimo in Rom konnte er die Idee eines geflochtenen, begehbaren Raumes realisieren. Entstanden ist das „Flechter_ei“: Zieht man den etwa 2 m hohen Korb am Rand zu Boden, steigt in den Korb hinein und bewegt sich zur Mitte hin, richtet er sich – gleich einem Steh-aufmännchen – auf und umschließt den Nutzer als schaukelnde, geflochtene Hülle.
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