Besuch in der Werkstatt des Kreiseldrechslers Hermann Sielaff. Filigrane Tänzer - BM online
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Besuch in der Werkstatt des Kreiseldrechslers Hermann Sielaff
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Physikalisch gesehen sind Kreisel starre Körper, die um eine Achse rotieren. In den Augen von Hermann Sielaff jedoch sind sie mehr: eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Der gelernte Tischler und Hobbydrechsler hat Dutzende neue Varianten eines alten Drechslerthemas erdacht und gefertigt. BM-Redakteur Heinz Fink

I Wer erinnert sich nicht daran, als er als Kind zum ersten Mal versucht hat, einen Kreisel zum Laufen zu bringen. Es war gar nicht so leicht, den kleinen, nur wenige Zentimeter großen und zumeist aus einfachem Holz gefertigten Gegenstand zum Drehen zu bringen, ihm am schlanken Stiel gefasst, zwischen Daumen und Zeigefinger den notwendigen Schwung zu geben. Viele Versuche waren notwendig, bis es klappte. Aber hatte man den sprichwörtlichen „Dreh“ mal raus, wurde man belohnt: ruhig kreisend, tänzelnd, schwankend, sich still auf der Stelle drehend oder auf elliptischen Bahnen laufend bewegte er sich dann oft minutenlang um die eigene Achse, um schließlich, stetig langsamer werdend, endlich auf die Seite geneigt, still liegen zu bleiben.

Lange Holzgeschichte
Ähnliche Erfahrungen könnte auch Hermann Sielaff in seiner Kindheit gemacht haben. Sein Interesse an den kleinen drehbaren Gesellen aus Holz ist aber wohl auch genetisch bedingt, denn schon sein Großvater und Vater waren Tischler: Tischlermeister Hermann Sielaff betrieb einst in Stralsund eine eigene Werkstatt, sein Vater Gerhard war angestellter Tischlermeister und später Werkstattlehrer an einer Berufsschule im Ammerland. Hermann Sielaff junior absolvierte nach dem Abitur eine Tischlerlehre. Anschließend ging es zum Lehramtsstudium für Berufsschulen nach Hannover. Seit 1987 unterrichtete er an der Fachschule für Holztechnik und Gestaltung in Hildesheim, deren Schulleiter er ab 2008 auch war, als Fachlehrer für Technik und Konstruktion Generationen von Techniker- und Meisterschülern und gab über viele Jahre seine Neugierde und Begeisterung für alles rund ums Holz weiter. Seit Anfang Oktober 2015 ist der heute 58-Jährige, bedingt durch eine vor einigen Jahren diagnostizierte Parkinsonerkrankung, im vorzeitigen Ruhestand.
Begeisterung fürs Drehbare
Nicht nur das Interesse am Holz, sondern auch am Drechseln verdankt Hermann Sielaff seinem Vater. Dieser fertigte erste Objekte auf einer einfachen, durch eine Bohrmaschine angetriebenen Drechselvorrichtung. Neben Schalen, Dosen und anderen Drehteilen entstanden auch immer Kreisel – sozusagen die Fingerübung des Drechslers. Den endgültigen Einstieg in die Welt der „spinning tops“ – wie Kreisel im englischsprachigen Raum genannt werden – kam durch die Teilnahme an einem Drechselwettbewerb: Es galt, in möglichst kurzer Zeit einen Kreisel zu drehen und diesen anschließend möglichst lang zum Laufen zu bringen. Beide Zeiten wurden miteinander verrechnet und der Kreisel mit der kürzesten Endzeit gewann. Der Sieger hieß: Hermann Sielaff. Aus einem weiteren Wettbewerb auf internationaler Ebene einige Monate später ging er als dritter Sieger hervor.
Doch diese Art der Leistungsmessung war für Hermann Sielaff auf Dauer nicht interessant. Es reizte ihn mehr, sich Gedanken darüber zu machen, wie man das Thema Kreisel variieren könne. Der Kreiselschaft bietet dabei, abgesehen von verschiedenen Profilen, wenig Spielraum, der Kreiselkörper dagegen schon. Sielaff stellte sich die Frage, ob dieser immer geschlossen sein muss: Er bohrte Löcher in den massiven Rohling, drehte diesen innen hohl aus und verleimte zwei Halbschalen erneut oder setzte gebohrte Kernstücke und glatt gedrehte Randelemente zusammen. So entstanden durchbrochene Körper und Hohlformen in Dutzenden von Varianten und Holzarten.
Hohl und durchbrochen gedreht
Mit der Zeit wagte sich Hermann Sielaff mit seinen Kreiseln an immer komplexere Formen und Konstruktionen. So entstanden Kreisel, die an Autoräder mit Speichenfelgen erinnern, auf deren Umfang selbst noch das Profil des Reifens zu erkennen ist. Die Königsklasse an feinen Rotationskörpern sind allerdings seine hohl und durchbrochen gedrehten Kreisel. Dabei überlagern sich kreuzweise von innen und außen eingestochene Nuten auf der Oberfläche hohler Kugeln, sodass sich ein feines, durchscheinendes Gittermuster ergibt.
Die auf den ersten Blick so sinnfällig erscheinenden Strukturen entstehen durch unterschiedliche, gut vorgeplante Arbeitsschritte. Im ersten Schritt werden die papierverleimten Rohlinge innen ausgedreht und mit Nuten versehen. Dann vorsichtig aufgespalten, um 90° gedreht wieder verleimt und anschließend von außen überdreht. Mal bildet eine Halbschale einen offenen Kreisel, mal werden zwei Schalensegmente zu einem flachen, durchbrochenen Hohlkörper zusammengesetzt. Gut eineinhalb bis zwei Tage Arbeit stecken in einem solch komplexen Kreisel.
Auf diese Weise entstanden in Hermann Sielaffs gut ausgestatteter Holzwerkstatt im Ammerland in den vergangenen Jahren Hunderte von unterschiedlichen Kreiseln aus allerlei heimischen und exotischen Hölzern – und werden das sicherlich auch weiterhin. Denn die Neugierde an und die Ideen zu neuen Variationen zum Thema Kreisel werden Hermann Sielaff sicher auch in Zukunft nicht ausgehen. I
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