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Geschichte(n) in Holz

Schreibsekretär mit geschichtlichem Hintergrund
Geschichte(n) in Holz

Die Geschichte des Schreiner- und Tischlerhandwerks bietet viele Beispiele von Möbeln welche durch aufwendige Intarsien und Marqueterien verziert sind. Michael Fischer – Tischler im Ruhestand und tief in der Handwerksgeschichte verankert – hat ein wahres Meisterstück in dieser Technik gefertigt.

Autor: Heinz Fink

I Wohl jedem an Möbelgeschichte interessierten Tischler und Schreiner sind die beeindruckenden Möbel von André-Charles Boulle aus Paris mit ihren Marqueterien aus Zinn, Silber und Schildpatt bekannt. Oder auch die reichhaltig mit figürlichen Intarsien überzogenen Möbel aus der Neuwieder Werkstatt von Abraham und David Röntgen – handwerklich und technisch aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbare Wunderwerke aus vergangenen Zeiten. Heute nicht mehr vorstellbar?

Doch. Michael Fischer aus dem thüringischen Kraftsdorf hat dieses Vorurteil in jeglicher Hinsicht widerlegt. Der 68-jährige gelernte Tischler, der bis zu seiner Pensionierung vor fünf Jahren beim Hermsdorfer Fensterbaubetrieb Fritz Glock gearbeitet hat, schuf nicht nur einen, sondern gleich zwei identische Sekretäre mit aufwendig gearbeiteten Intarsien und allerlei technischen Raffinessen und Geheimfächern.
Das Interesse für geschichtliche und kunsthandwerkliche Dinge begleitet Fischer seit seiner Lehre zum Möbeltischler in den 60er-Jahren in Gera. Obwohl er anschließend in anderen Berufen arbeitete, blieb er seiner Berufung stets treu. In seiner kleinen, heimischen Werkstatt schuf er, dank einer sogenannten „Kunstgewerbelizenz“ – in der DDR die staatliche Erlaubnis für nebenberufliche Tätigkeiten – schon immer gedrechselte Gefäße, Intarsien und vieles mehr aus Holz.
Die ersten Ideen und Planungen für seinen Sekretär reichen dabei bis in das Jaher 1999 zurück. In den folgenden Jahren wurde nach der täglichen Arbeit entworfen, recherchiert und konstruiert, wurden Modelle und Vorrichtungen gebaut sowie Mechaniken entwickelt – meist während der Wintermonate, in denen keine Gartenarbeit möglich war – bis nach schließlich zwöf Jahren und in zusammen mehr als 5000 (!) Arbeitstunden zwei identische Schreibsekretäre fertiggestellt waren.
Möbel mit geschichtlichem Hintergrund
„Von Aufbau und Konstruktion her hält sich das Stück an klassische Vorbilder und könnte etwa zwischen Barock und Biedermeier angesiedelt sein“, beschreibt Fischer sein Meisterwerk. Die gesamte Zusammenstellung der Intarsien, Dekore und Geheimmechanismen dagegen hat er selbst entwickelt. Das Motiv der Reliefintarsie auf der Schreibklappe, mit der Abbildung eines Gemäldes des französischen Malers Nicolas Poussin allein besteht aus zwölf verschiedenen Holzarten. Zusammen mit den Abbildungen auf den Seiten nimmt es Bezug auf ein geschichtliches Ereignis im Pyrenäenort Rennes le Chateau.
Nach klassischem Vorbild konstruiert
Der äußerst aufwendig gestaltete Korpus ist aus Mahagoni und Ahorn gefertigt und sowohl die Schukästen als auch der gesamte Korpus verdeckt von Hand gezinkt. Bei einer Höhe von 1,86 m, 1,22 m Breite und 70 cm Tiefe ruht das Möbel auf einem Unterbau mit drei breiten Schubkästen, der wiederum von vier gedrückten Kugelfüßen getragen wird. Das Furnierbild wie auch die Intarsien aus 1,2 mm starken Furnieren ziehen sich fortlaufend über die geschwungenen und gewölbten Außenflächen. Durch einen Hebel unter dem Sockel lassen sich über eine Verriegelung alle drei Schubkästen verschließen. Zusätzlich sind in den Seiten des Sockels zwei Geheimfächer eingebaut. Eine ausziehbare Traverse unter der Schreibklappe nimmt eine Schreibunterlage auf und dient gleichzeitig als Auflage für die geöffnete Klappe. Ein schönes Detail: Eine magnetisch gehaltene Ahornrauten im umlaufenden, plastischen Fries ist herausnehmbar und verdeckt die Schlüsselbuchse.
Streng architektonische Gliederung
Eine wahrer Augenschmaus zeigt sich allerdings beim Öffnen der Schreibklappe: Eine parkettartige Intarsie in Ahorn und echtem Rosenholz auf der Klappenfläche, ein architektonisch gestalteter Einsatz mit sechs geschwungenen Schubladen und einem Portikus mit acht gedrechselten Rosenholzsäulen, welche sich im rückwärtigen Spiegel noch verdoppeln und dem Raum zusätzlich Tiefe geben. Die Schubladen wiederum lassen sich durch Drehknöpfe verriegeln, in den bogenförmigen Öffnungen darüber befinden sich zwei herausnehmbare Geheimfächer. Zahlreiche Voluten, Kapitele und Halbsäulen bilden weitere fein gearbeitete Details.
Auch das Oberteil des Sekretärs bietet zahlreiche feine Elemente: Die Schubkästen links und rechts der gewölbten Tür lassen sich durch Knöpfe im Inneren auslösen und springen mittels Federn hervor. Das Innere zieren wiederum reichlich Intarsienbilder, wobei die Innenseite der Türe das Konterfei des Malers Poussin zeigt. Ein im Boden eingelassenes Drehrad entriegelt eine Klappe zu einem Geheimfach, das über einen Hebell Zugang zu einem weiteren Versteck hinter der verschiebbaren Rückwand des Faches bietet.
Man könnte sich nun vorstellen, dass sich der tapfere Handwerker nach Fertigstellung zweier solcher Schreibsekretäre – wovon einer noch einen Käufer sucht – stolz und entspannt zurücklehnt. Nicht so Michael Fischer: In den letzten Monaten hat er noch eine Standuhr und eine über Eck laufende Anrichte im passenden Stil angefertigt. I
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