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Herz oder Schmerz

Werkstattbesuch beim Bildhauer Andreas Kuhnlein
Herz oder Schmerz

Sie sind rau, zerfurcht und aus massiven Stämmen gesägt. Bei ihrem Anblick werden Betrachterinnen und Betrachter nachdenklich – die tiefgründigen Gestalten und Installationen des Bildhauers Andreas Kuhnlein erregen Aufmerksamkeit in der ganzen Welt.

Melanie Kirchlechner

„Schneidest du das Herz raus oder rein?“, fragt ein kindlicher Besucher den Bildhauer Andreas Kuhnlein angesichts einer seiner zerklüfteten Figuren. Eine subtile, ehrliche Frage, wie sie eigentlich nur Kinder stellen können. Die Antwort lautet, es ist wohl beides: In der Herzgegend sind Menschen besonders verletzlich, das möchte der Bildhauer mit seinen beherzten Schnitten zum Ausdruck bringen. Das fehlende Herz wird aber auch zum Symbol für die Vergänglichkeit der menschlichen Natur.

Inquisition

Begonnen hat Andreas Kuhnleins künstlerischer Erfolg im Jahr 2001 mit einem Wutanfall: Angesichts der Aussage eines kirchlichen Würdenträgers, welcher der Inquisition zwar einen rechtlichen Rahmen zuwies, aber eine moralische Bewertung unterließ, schneidet und zerfurcht er eine große Figur mit der Kettensäge. Er zündet sie an und schickt Fotos seiner persönlichen Inquisition eben jenem Würdenträger mit entsprechend kritischen Worten. Dass er daraufhin nie eine Antwort erhält, ist nicht weiter verwunderlich. Ihm wird aber klar, dass er mit Wut im Bauch am effektivsten und schnellsten arbeitet. Und dass das raue Zerklüften und Zerfurchen von aus einem massiven Stamm geschnittenen Figuren die Ausdrucksform ist, nach der er lange gesucht hat. Das Verbrennen seiner Werke ist heute nicht mehr notwendig, gelegentlich aber flämmt er die eine oder andere Gestalt aus optischen Gründen. Dabei ist Andreas Kuhnlein ein sehr überlegter, sensibler Mann, der sich alles, was um ihn herum passiert, sehr zu Herzen nimmt.

Werdegang

Andreas Kuhnlein wird 1953 auf einem Bauernhof im bayrischen Unterwössen geboren. Eigentlich scheint sein Weg als Bauer oder Handwerker vorgezeichnet. So beginnt er im Alter von 14 Jahren eine Schreinerlehre am Ort und absolviert danach als junger Mann seine Wehrpflicht beim Bundesgrenzschutz. Unerwartet findet er sich, als inzwischen verbeamteter Bundespolizist, heftigen Konflikten um das Atomkraftwerk Brokdorf ausgesetzt. Er ist mittendrin in Brutalität und Gewalt. „Der Mensch ist in Extremsituationen zu allem fähig – ich auch“, resumiert er diese prägende Zeit.

Aus familiären Gründen muss er im Alter von 30 Jahren den Dienst quittieren, er wird in der Landwirtschaft gebraucht. Allein diese Arbeit ernährt nicht die wachsende Familie, also verdingt er sich im Hauptberuf wieder als Schreiner in seinem ehemaligen Lehrbetrieb. Schnell wird dort sein gestalterisches Talent entdeckt und so erledigt er in den folgenden Jahren Schnitzarbeiten für Schreinereien und fertigt Maibäume für die umliegenden Ortschaften. Mit der Engstirnigkeit einiger Arbeitskollegen kommt er aber nicht mehr zurecht und macht sich in der Konsequenz als Bildhauer selbstständig. 14 für die Familie eher schwierige, weil finanziell prekäre Jahre brechen an. Er aber kann seine sprudelnde Kreativität ausleben und baut in der Zeit auch einen Aussiedlerhof neben seinem Heimatort.

Erfolg

Seine Kunst fängt erst an, finanziell etwas abzuwerfen, als er auf seinem Hof 1994 mit jährlichen Ausstellungen beginnt. Presse und Rundfunk sind ihm gewogen und verbreiten die Nachricht, dass hier ein sensibler, konsequenter Bildhauer den Betrachtern seiner Werke etwas mitzuteilen hat. Die Botschaft kommt an, erste Aufträge für Ausstellungen folgen. 300-mal in insgesamt 16 Ländern wurden seine Werke bis heute gezeigt, die er auch immer alle selber aufbaut. So bringt ihn seine Kunst im Jahr 2005 bis nach China. Er hält dort Vorträge vor chinesischen Studenten, die ihn vor allem für seine künstlerische Freiheit beneiden. Andreas Kuhnlein arbeitet zwar – vor allem bei historischen und kirchlichen Themen – mit „Studierten“ zusammen, muss aber keinem Regime oder Auftraggeber gefallen. Ein Professor sagt einmal mit Anerkennung in der Stimme zu ihm: „Dein größtes Glück ist, dass du nie eine Akademie von innen gesehen hast!“

Schmerz

Die am meisten beachtete Ausstellung des Autodidakten Kuhnlein, neben zwei Europarat- und drei Landesausstellungen, findet in der bayrischen Hauptstadt München statt. Für die Glyptothek, eine Sammlung antiker Figuren, schafft Kuhnlein einen radikalen Gegenentwurf zu den klassischen römischen und griechischen Skulpturen mit ihren perfekten Oberflächen. „Lauter schreien jedoch Kuhnleins hölzerne, erodierte Figuren ihre Empfindungen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung heraus, wo die antike Kunst scheinbar gute Miene zum bösen Spiel macht …“, schreibt Florian Knauß im Ausstellungskatalog. 75 000 Interessierte sehen sich diese außergewöhnliche Gegenüberstellung an.

Arbeitsweise

Was spießig wirken könnte, ist genau das Gegenteil: Andreas Kuhnlein ist ein fleißiger, ordentlicher Mensch, der täglich um 4.30 Uhr aufsteht. Aufräumen ist für ihn Meditation und die Basis seiner künstlerischen Arbeit. Im Winter sägt und zerfurcht er massive, vom Sturm gefällte oder aufgrund von Baumaßnahmen entfernte Stämme zu Skulpturen. Im Sommer geht er mit seinen Figuren auf Reisen und managt seine Ausstellungen. Anders wäre sein immenses künstlerisches Werk wohl kaum zu stemmen.

Die Arbeit und die Ideen werden dem 69-Jährigen auch in Zukunft so bald nicht ausgehen, denn Brutalität, Herz und Schmerz sind überall, wo Menschen miteinander zu tun haben.

www.kuhnlein-bildhauer.de

Hier finden Sie weitere Holzsplitter.


Die Autorin

Melanie Kirchlechner ist gelernte Schreinerin. Sie arbeitet freiberuflich als Restauratorin, Autorin und Dozentin.

www.holz-sinn.de

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