Besuch in der Werkstatt von Horst Hummel in Mehrstetten. Historische Fadenspinner - BM online

Besuch in der Werkstatt von Horst Hummel in Mehrstetten

Historische Fadenspinner

Das Zifferblatt einer alten Uhr, ein silbernes Amulett, ein Rinderknochen. Mit originellen Materialien fertigt der gelernte Zimmermann Horst Hummel Handspindeln mit sehr guten Dreheigenschaften. Sehr zur Freude der Hobbyspinner, die diese alte Technik wiederentdeckt haben.
von Christine Speckner

Dem Zufall und einer Dorfwirtschaft verdankt es Horst Hummel, dass er heute in seiner kleinen Drechselwerkstatt auf der Schwäbischen Alb Handspindeln drechselt. In der Dorfwirtschaft von Mehrstetten nämlich entdeckte Christine Bischoff, eine passionierte Hobbyspinnerin, dessen Holzkreisel. Wer diese wunderschönen Kreisel macht, dachte sich Bischoff, der kann sicher Handspindeln herstellen. Sie fragte nach seiner Telefonnummer und rief ihn an. Vom Spinnen hatte Hummel keine Ahnung. Doch weil er in seiner Freizeit immer schon Holzskulpturen drechselte, nahm er die Herausforderung gerne an, es mit dem Drechseln von Spindeln zu probieren. Heute fertigt er 15 bis 20 Spindeln pro Woche, und aus der Begegnung ist ein kleiner Nebenerwerb entstanden. Horst Hummel ist für die Produktion zuständig, Christine Bischoff macht den Vertrieb über das Internet und Horsts Ehefrau Liesel kümmert sich um die Buchführung. Kunden sind Hobbyspinnerinnen und -spinner. „Handspinnen liegt im Trend“, sagt Bischoff, die vor 16 Jahren das Handspinnen entdeckt hat.

Vorläufer des Spinnrads
Die Handspindel ist die ursprünglichste Form zum Verspinnen von Fasern. Schon lange bevor es das Spinnrad gab, wurden weltweit Handspindeln jahrtausendelang zur Produktion von Garnen für Kleidung verwendet. Eine Handspindel besteht aus einer Spindelringscheibe, genannt Wirtel und einem Schaft. Am oberen Ende der Spindel wird der Spinnfaden festgemacht und in einen Haken eingelegt. Während des Spinnens wird die Spindel von Hand in eine rasche Drehung versetzt. Der Faservorrat wird in einer Hand gehalten, die andere Hand dreht abwechselnd die Spindel und zieht die gewünschte Menge Fasern aus dem Vorrat. Die Spindel muss immer wieder losgelassen werden, sodass sie sich frei am Spinnfaden hängend dreht. Mit wachsender Länge des Spinnfadens hängt die Spindel immer tiefer. Spätestens wenn sie den Boden erreicht hat, muss das Garn aufgewickelt werden.
Minispindel für die Handtasche
Für den Wirtel bohrt Hummel ein Loch in die Mitte eines ein Zentimeter starken Holzes und formt es auf der Drechselbank rund. Den dazugehörigen Holzschaft mit einem Durchmesser von 14 x 14 mm und einer Länge von 23 cm formt er mit dem Drehmeißel rund. Dann wird der Wirtel auf den Spindelstab gesteckt und verleimt. Mit unterschiedlichen Drehmeißeln werden Wirtel und Stab nun bearbeitet. „Ich hab’s mit den Verzierungen“, schmunzelt Hummel. Den Wirtel bearbeitet er mit dem Rändelrädchen, dabei entstehen hübsche Muster. Mit Schleifleinen und Filz wird das Holz so glatt wie möglich geschliffen, bis sich die Oberfläche geschmeidig anfühlt. Anschließend wird das Loch für den Edelstahlhaken in den Schaft gebohrt. Die Spindel spannt er auf der Drechselbank um und bringt nun die Oberseite des Wirtels in Form. „Da lasse ich mir immer etwas einfallen.“ Immer weiter wird der Wirtel ausgedreht, dadurch verstärkt sich später die Schwungmasse der Spindel. Das ist wichtig. Denn nur eine Spindel, die gleichmäßig schwingt, läuft rund. Anschließend wird auf der Oberseite des Spindelstabs der Haken eingedreht und am Wirtel mit der Dreikantfeile eine Rille gefeilt. Darin läuft später der Faden. Zum Schluss wird die Spindel mit einem Ölmix eingepinselt, dessen Zusammensetzung Hummel nicht verrät. Nur so viel: „Orangenöl ist drin.“ Für seine Spindeln verwendet der Hobbydrechsler vor allem heimische Hölzer. Apfel, Zwetschge, Ahorn, Nussbaum. Hummel-Spindeln sind leicht. Sie wiegen 10 bis 25 Gramm. Dadurch eignen sie sich auch für das Spinnen von feinen Fäden. Zum Sortiment gehören Minispindeln für die Handtasche, die kleinste ist 9 cm groß. „Die funktionieren selbstverständlich“, weiß Bischoff aus eigener Erfahrung. Durch die präzise Bearbeitung drehen sie sehr gleichmäßig und lange, sodass die Spindel nicht so oft angedreht werden muss.
Vielfalt der Materialien
Auf Flohmärkten findet Hummel Raritäten, aber auch Krimskrams und Alltägliches, womit er Spindeln individuell gestaltet: ein silberner Armring, mit dem er den Wirtel umrandet, eine glänzende Brosche oder der Anhänger einer Halskette. „Alles Spielereien.“ Mit Vorliebe experimentiert er. Und da kommt wieder die Dorfwirtschaft ins Spiel: Von dort nämlich besorgte sich Hummel einen Rinderknochen. In der Spülmaschine gereinigt, kunstvoll geschliffen und an der Drechselbank in Form gebracht und auf einen Holzwirtel geleimt, glänzt er wie Elfenbein. „Und ist doch in Wirklichkeit ein schwäbischer Rinderknochen“, sagt Hummel stolz. Der Tüftler entwickelt auch ganze Serien. Für die Serie „Lektüre“ verklebte er Schichten von Zeitungspapier, bohrte in der Mitte ein Loch und schliff den Zeitungswirtel rund. Um die Qualität der Spindeln in der Praxis zu testen, besucht Hummel regelmäßig die Treffen der Handspinnerinnen in der Region. Mittlerweile spinnt er sogar selbst, aber nicht mit der Handspindel, sondern mit dem Spinnrad. Das Spinnrad – das ist jetzt wieder so ein Zufall – war ein Hochzeitsgeschenk. 20 Jahre stand es auf dem Dachstuhl, bis Hummel es aus dem Dornröschenschlaf holte.

Die Autorin
Christine Speckner ist freie Journalistin und lebt bei Freiburg.
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