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Höchst konzertant

Werkstattbesuch beim Holzblasinstrumentenmacher
Höchst konzertant

Schottenrock, Whiskey, Moore und Highlands – das verbinden wohl die meisten Menschen mit dem Dudelsack. Der gelernte Holzblasinstrumentenmacher Hendrik Morgenbrodt aus Tübingen jedoch baut Uilleann-Pipes, die irische Variante des Dudelsacks – und nicht nur das, er spielt das komplex aufgebaute Instrument auch auf professionellem Niveau.

BM-Redakteur Heinz Fink

Noch schnell den bequemen Sitz der Ledergurte geprüft und schon füllt sich der Sack aus weichem Rindleder, locker eingeklemmt unter der linken Armbeuge, mit Luft. Kontinuierlich befüllt wird er durch einen kleinen Blasebalg, der unter den rechten Unterarm sitzend, ständig für Nachschub sorgt. Kurz auf den mit einem weichen Lederlappen belegten Oberschenkel aufgesetzt, wird die Melodiepfeife in Gang gesetzt und ein konstanter, weicher Ton erfüllt den Raum. Noch stimmt die exakte Tonhöhe nicht und wird sogleich durch eine minimale Verstellung der Pfeifenlänge korrigiert. Durch einen kurzen Griff ans Ende dreier weiterer, unterschiedlich langer und parallel liegender Pfeifen, der Bordune, entsteht ein zusätzlicher sonorer, durchlaufender Grundton. Zuletzt noch die drei in Reihe angeordneten Regulatoren zugeschaltet und gestimmt und es kann losgehen. Mit dem linken Fuß den Takt vorgebend spielt Hendrik Morgenbrodt auf einem Fullset seiner Uilleann-Pipes einen Reel, ein treibendes irisches Tanzstück. Aber er ist nicht nur ein profilierter Spieler, sondern auch ein international gefragter Instrumentenbauer dieser speziellen Form des Dudelsacks.

Weitverbreitete Instrumentenfamilie

Dudelsäcke gehören als Holzblasinstrumente zur Familie der Sackpfeifen und sind durch ihren markanten Aufbau aus Luftsack, Spiel- und Bordunpfeifen gekennzeichnet. Ob als Böhmischer Bock, Hümmelchen oder Schäferpfeife, genutzt als Hirten- und Tanzinstrument, oder in seiner wohl bekannteste Form den Scottish Highland Pipes, gespielt in Militär- und Marching Bands, sie finden sich in fast allen Kulturen. Die Uilleann-Pipes gehen vermutlich auf die „Pastoral Pipes“, eine der Schäferpfeife ähnliches Hirteninstrument, zurück, und hat sich etwa im 18. Jahrhundert zur heute bekannten Form entwickelt. Durch die anspruchsvolle Koordination von Arm-, Hand- und Fingerbewegungen beim Betätigen von Blasebalg, Windsack, Chanter, Regulatoren und Drones sind die Uilleann-Pipes wohl der am schwersten spielbare Dudelsacktypus, wahrscheinlich aber zugleich der mit der höchsten musikalischen Ausdruckskraft.

Frühe Leidenschaft

Geboren 1990 in Hamburg und aufgewachsen in Schleswig-Holstein, kam Hendrik Morgenbrodt schon früh in Kontakt mit dem Dudelsack. Inspiriert durch eine Musiklehrerin an der Waldorfschule, begann er bereits als 11-Jähriger Dudelsack zu spielen und wechselte mit 14 zu den Uilleann-Pipes. Nach Abitur, Zivildienst und einem längeren Aufenthalt in Kanada beschloss er eine handwerkliche Ausbildung zu machen und diese mit seiner Musikleidenschaft zu verbinden.

So zog es Hendrik Morgenbrodt 2011 von seiner norddeutschen Heimat zur Ausbildung ins schwäbische Rottenburg. Hier absolvierte er beim bekannten Pipe-Maker Andreas Rogge eine dreijährige Ausbildung zum Holzblasinstrumentenmacher. Ein vielseitiger Beruf, denn es geht dabei nicht nur um die Bearbeitung von Holz, sondern auch um die von Metall, Leder, Horn und Bein. In der Berufsfachschule, der Oscar-Walcker-Schule in Ludwigsburg, galt es daher auch in den Werkstätten der Blechblasinstrumentenmacher und Orgelbauer vorbeizuschauen. Nach der Gesellenprüfung verbrachte er noch weitere vier Jahre als Geselle in seinem Lehrbetrieb, um sein Wissen zu erweitern. Doch 2017 war es dann soweit: Schon immer eigene Ideen und Klangvorstellungen im Kopf, machte sich Hendrik Morgenbrodt in Rübgarten in der Nähe von Tübingen selbstständig.

Vielseitige Fertigkeiten

Für die Herstellung seiner individuell auf Bestellung gefertigten Instrumente nutzt Hendrik Morgenbrodt nicht nur eine Vielzahl von Werkstoffen, sondern benötigt auch eine breite Basis handwerklicher Fähigkeiten. Das Spektrum reicht dabei vom Werkzeugbau, dem Drechseln und Fräsen von Holz und Bein, über das Drehen, Schmieden und Löten von Messing bis hin zum Zuschnitt und Nähen von Leder.

Seine Pfeifen – Chanter, Bordune und Regulatoren – fertigt Hendrik Morgenbrodt dabei vorwiegend aus Ebenholz, Buchsbaum und Zwetschge – für ihn die besten Klanghölzer. Diese werden als Kanteln vorgebohrt, konisch von Hand ausgerieben und auf der Drechselbank auf Form gedreht. Mithilfe CNC-gesteuerter Bohr- und Fräsmaschinen arbeitet er die die Löcher und Haltehöcker für die Klappen präzise aus. Die exakten Passungen und Anschlüsse zwischen den verschiedenen Pfeifen stellt er auf einer Metalldrehbank her.

Aber damit ist es schon vorbei mit der maschinellen Arbeit, denn alles Weitere erfordert neben reinem Handwerk und Fingerspitzengefühl vor allem ein gutes Ohr. Nach der Oberflächenbehandlung mit Schellack
und Öl und dem Anbringen der Klappen
erfolgt das Fein-tuning. In Dutzenden von
Arbeitsgängen wird der innere Konus nach
gerieben und die Klappen fein justiert bis das Instrument schließlich in den kritischen Ohren des Meisters Gefallen findet.

International gefragt

Gut 200 Stunden fallen an bis ein Fullset fertig und spielbereit ist und seinen Weg zu Kunden in aller Welt findet. Inzwischen kommen diese neben Deutschland und dem europäischen Ausland auch aus Kanada, den USA und Australien. Bis vor kurzem war Hendrik Morgenbrodt auch noch als professioneller Musiker mit seiner Irish-Folk-Band Cara auf gut 80 Auftritten im Jahr unterwegs. Diese Aktivitäten hat er inzwischen stark reduziert, um sich mehr seiner Werkstatt zu widmen. Denn die noch ausstehenden, gut 75 internationalen Bestellungen für Morgenbrodt-Pipes sollten ja auch irgendwann abgearbeitet werden …

www.morgenbrodt-pipes.de

Instagram: @uilleannpipesmorgenbrodt

Facebook: @Morgenbrodtpipes

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