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Hölzerner Fundus

Ein Besuch der Hohenheimer Holzbibliothek
Hölzerner Fundus

Im Zuge der Aufklärung entstanden im 18. Jahrhundert, zumeist im Auftrag von Fürsten oder Klöstern, vielerorts Naturalien-Kabinette – darunter auch viele Holzsammlungen, sogenannte Xylotheken. Eine ganz besondere Variante in Buchform findet sich mit der Hohenheimer Holzbibliothek in der Sammlung der Zoologie an der Universität Hohenheim bei Stuttgart.

BM-Redakteur Heinz Fink

Im Zeitalter der Aufklärung wuchs im 17. und 18. Jahrhundert das Interesse an den Naturwissenschaften. Es entstanden, meist durch Landesherren und kirchliche Institutionen gefördert, sogenannte Wunderkammern oder Kuriosen-Kabinette mit oft wahllos gesammelten Exponaten aus der belebten und unbelebten Natur. Ein zunehmender Wissensfortschritt ließ diese Sammlungen mit der Zeit systematischer werden. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné entwickelte die sogenannte binäre Nomenklatur und schuf damit die Grundlagen der modernen botanischen und zoologischen Taxonomie, die die exakte Benennung der Arten durch einen zweiteiligen, lateinischen Namen ermöglichte. Eine Besonderheit unter diesen Sammlungen stellten die sogenannten Xylotheken dar, Holzmustersammlungen aus buchförmigen Kassetten, die neben den Hölzern auch die Rinden der verschiedenen Baumarten zeigten und in ihrem Inneren weitere Exponate zur exakten Bestimmung wie Blätter, Früchte und Samen aufnehmen konnten.

Die Zoologie an der Universität Hohenheim bei Stuttgart besitzt mit der Hohenheimer Holzbibliothek eine einzigartige, 189 Bände umfassende, historische Xylothek.

Wohlhabende Auftraggeber

Die etwa 200 Jahre alte Hohenheimer Holzbibliothek ist eine der größten Xylotheken Deutschlands. Die 189 baugleichen Bücher mit einer Größe von 19,4 x 12,8 cm teilen sich in zwei Serien auf, eine ältere aus 44 Bänden (A-Serie) und eine etwas jüngere, 145 Bände umfassenden Serie (B-Serie). Holzsammlungen dieser Art waren schon damals sehr aufwendig in der Herstellung und damit teuer, deshalb konnten sich nur vermögende Abnehmer Holzbibliotheken leisten – meist waren sie selbst Besitzer großer Waldungen: Könige und Adlige, Klöster und Forstakademien. Die Buchattrappen fassten für Forstleute und Fachleute des verarbeitenden Gewerbes die wichtigsten natürlichen Eigenschaften der jeweiligen Baumart sowie der Nutzungs- und Bearbeitungsmöglichkeiten, insbesondere des Holzes, zusammen.

Holzwissen aus dem Kloster

Lange Zeit wurde angenommen, dass die Hohenheimer Holzbibliothek auf den Benediktinermönch Candid (Mathias) Huber (1747 bis 1813) aus dem bayrischen Ebersberg zurückgeht. Huber, der als Landpfarrer tätig war, war einer der ersten, der Holzbücher in Form von Holzbibliotheken in größerem Maßstab herstellte und in den Handel brachte. Er war auch Verfasser eines bedeutenden Forstlehrbuches (1808) und eines Buches über seine Holzbibliothek (1793), wovon sich auch ein Exemplar im Bestand der Universitätsbibliothek Hohenheim erhalten hat.

Neuere Nachforschungen haben allerdings ergeben, dass es zu Beginn des 19. Jahrhunderts zahlreiche Nachahmer und weitere Anbieter von Holzbibliotheken gegeben haben muss. Heute schreibt man die Hohenheimer Holzbibliothek drei Autoren zu: Die ältere A-Serie mit 44 Büchern, entstanden Ende des 18. Jahrhunderts, wird dem Forstwissenschaftler Karl von Hinterlang, die umfangreichere B-Serie dagegen , zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstanden, dem Forstbotaniker Friedrich Alexander von Schlümbach und seinem Mitarbeiter Johann Goller zugerechnet. Hergestellt und vertrieben wurden die Sammlungen über den bekannten Nürnberger Verleger Bestelmeyer.

Systematisch geordnet

Die Hohenheimer Holzbibliothek unterscheidet sich von denen Hubers durch eine einheitliche Größe der Bücher und durch ihre Konstruktion. Wurden die Hohlräume bei Hubers Büchern aus dem massiven Holz herausgearbeitet, entsteht der Innenraum ersterer durch das dreiseitige Aufsetzten von Leisten auf den dünn ausgehobelten Buchdeckeln. Diese sind über farbige Lederbänder als Scharniere mit den Buchrücken verbunden und verstiftet, sodass sich die Schatulle öffnen und planeben auf den Tisch auflegen lässt. Die genaue Passung bzw. Arretierung der Buchhälften übernehmen je zwei eingebohrte Stifte aus Metall oder Holz in den Aufkantungen. Die Buchrücken werden durch kräftige, halbierte Stamm- bzw. Astabschnitte der jeweiligen Holzart gebildet, die außen noch Teile der Rinde tragen und durch aufgeklebte, für die Baumart charakterisische Moose, Flechten und Pilze ergänzt wurde. Die Rücken tragen farbige Lederetiketten mit den deutschen und den lateinischen Namen der Bäume und Sträucher. Die jüngere B-Serie trägt zusätzlich ovale Schilder mit arabischer Nummerierung.

Das Innere der Bücher ist mit Moos ausgelegt auf dem die forstbiologisch und verarbeitungstechnisch wichtigsten Einzelteile der jeweiligen Art montiert sind: Blätter, Blüten, Wurzelpräparate, Quer- und Schrägschnitte von Ästen und ein Halbkubikzoll großes Holzstück zur Bestimmung des spezifischen Holzgewichtes – bei manchen auch ein gleichgroßes Stück Holzkohle. Ein kleines mit Deckel verschlossenes Fach im Buchrücken nimmt Samen und Blütenstaub, aber auch Asche auf, ein größeres auf einem gefalteten Papier eine schriftliche Kurzbeschreibung des Baumes.

Glückliche Rettung

Dass die Hohenheimer Holzbibliothek in der heutigen Form erhalten geblieben ist, ist einem glücklichen Zufall geschuldet. Denn bei einer Baubegehung stieß man Anfang der 1970er-Jahren in den Schlossräumen auf eine Kiste mit den verpackten Holzbüchern, und es wurde die sofortige Bergung und Restaurierung beschlossen. Dem handwerklichen Geschick eines Präparators des dortigen Instituts für Zoologie ist es zu verdanken, dass die Bücher bis heute Bestand haben. Die im Zoologischen und Veterinärmedizinischen Museum der Universität Hohenheim untergebrachte Hohenheimer Holzbibliothek ist derzeit leider wegen Umbauarbeiten geschlossen, kann aber virtuell unter untenstehendem Link besucht werden.

Universität Hohenhem

Kurzlink zur Holzbibliothek:

l.ead.me/holzbibliothek

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