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Im Kreisverkehr

Werkstattbesuch beim Restaurator für Karussellfahrzeuge
Im Kreisverkehr

Wem kommen nicht beim Gedanken an die Kindheit zahlreiche Fahrten auf dem Kirmeskarussell in Erinnerung. Einer, den diese Begeisterung nie losgelassen hat, ist der Schreinermeister Rupert Kronenberger: Er sammelt und restauriert historische Karussellfahrzeuge. BM-Redakteur Heinz Fink

I Eine über der Eingangstür schwebende, scheinbar aus der Augsburger Puppenkiste entflogene Rakete und zahlreiche in Regalen über den Massivholzvorräten gelagerte Rennwagen, Roller und Motorräder im Kleinformat lassen den Besucher schon beim Betreten des Hofes erahnen, dass hier Besonderes gefertigt wird. Doch erst beim Eintritt in die Werkstatt wird deutlich: Hier hängt der Himmel nicht voller Geigen, sondern voller Karussellfahrzeuge. Hölzerne Automodelle bekannter Marken wie VW, Porsche und Mercedes sind unter der Decke festgezurrt, weitere lagern, über die gesamte Werkstatt verteilt, in Regalen, zumeist reparaturbedürftig und in recht desolatem Zustand. Da wird schnell klar: Es wartet noch viel Arbeit auf Schreinermeister Rupert Kronenberger und seine Mitarbeiter.

Vom Karussell-Käfer gebissen
Auch klar ist: Der 58-jährige Schreinermeister aus dem hessischen Friedrichsdorf, in der Nähe von Bad Homburg, hat ein Faible für Historisches. Schon seit seiner Jugend sammelt er alte Spielzeugautos aus Blech. Mehr durch Zufall kam er im Jahr 2001 durch einen Schausteller, im Tausch gegen ein altes Möbelstück, zu seinem ersten Karussellauto, einem kleinen grünen und recht ramponierten BMW.
Doch anstatt restauriert zu werden landete dieser erst einmal in der hintersten Ecke der Werkstatt. Erst zwei Jahre später – ein Praktikant brauchte Beschäftigung – kam der Fund und damit das wahre Ausmaß der „Katastrophe“ wieder zum Vorschein: Zahllose, sich ablösende Farbschichten, verrottete Massivholzteile und sich in seine Schichten auflösendes Sperrholz boten einen wahrlich traurigen Anblick. So manch ein Kollege hätte das Projekt verworfen und die spärlichen Überreste dem Werkstattofen übergeben. Doch nicht so Rupert Kronenberger, dessen „Forscherdrang“ nun erst richtig entfacht war. Er nahm Kontakt zu Schaustellern und Karussellbauern auf, um Informationen zur Herkunft seines Autos zu erhalten. Über viele Umwege stellte sich ein Handwerksbetrieb aus der Lüneburger Heide, die Firma Hennecke aus Uelzen, als vermutlicher Hersteller des Fahrzeugs heraus. Das Unternehmen – entstanden Ende des 19. Jahrunderts aus einer Landmaschinenwerkstatt – stellte seit den 1920er-Jahren bis 1974 Kinderkarusselle her, die bis in die Vereinigten Staaten verkauft wurden. Durch einen Artikel im Lokalblatt „Heidewanderer“ konnte Rupert Kronenberger Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern der Firma aufnehmen und so sein Wissen um die teils aufwendigen Konstruktionen und Modellvarianten des Karussellherstellers vertiefen. So entstand im Jahr 2007 auch eine eigene Website zu Hennecke-Karussellen.
Klassisches Stellmacher-Handwerk
Zahlreiche Prospekte, alte Fotos und vor allem Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern der Firma Hennecke brachten Auskunft zu verwendeten Konstruktionen, Beschlagteilen und Ausstattungen. Die Grundkonstruktion der Karosserie beruht dabei auf einer Bauweise, die aus dem Kutschenbau kam und noch bis in die 1940er-Jahre bei den meisten Autos verwendet wurde: Klassische Spantenkonstruktionen mit Beplankungen aus Sperrholz. Diese Techniken verwendet auch Rupert Kronenberger bei der Restauration und vor allem bei der Neuanfertigung seiner Karussellfahrzeuge.
Wie bei den Orginalen sind dabei auf einer Grundplatte aus Fichtenleimholz in Form gefräste Spanten aus Linde oder Pappel befestigt, die gefälzt und anschließend mit Biegesperrholz beplankt werden. Dreidimensionale Bereiche wie die Kotflügel oder Kühler werden, je nach Fahrzeugtyp, plastisch aus Massivholz herausgearbeitet. Ist die Karosserie auf diese Art fertiggestellt, wird sie gespachtelt, verschliffen und mehrmals mit Füllgrund beschichtet, bevor jedes Fahrzeug seine individuelle Lackierung mit speziellen Autolacken erhält.
Authentischer Retrolook
Neben den Holzarbeiten genauso wichtig für die orginalgetreue Rekonstruktion der Karussellfahrzeuge sind die authentischen Zubehörteile wie Scheinwerfer, Zierleisten, Radkappen oder Kühlergrills. Für diese verwendete man bei Hennecke aus Maßstabsgründen Scheinwerfer von Motorrädern und Mopeds, wie der NSU-Quickly oder Radkappen des 309er-BMW. Für die Lüftungsgitter in der Motorhaube eines Monoposto, eines einsitzigen Rennwagens, musste schon mal ein Streckmetall aus dem Gipserbedarf herhalten. Doch ist dieses Zubehör heute kaum noch zu bekommen, denn der Markt für Oldtimer-Ersatzteile ist hart umkämpft. Konkurriert man hier doch mit zahlungskräftigen Sammlern und Oldtimer-Liebhabern aus ganz Europa.
Aber dennoch, das Ergebnis rechtfertigt den Einsatz. Nach der orginalgetreuen Restaurierung – je nach Zustand eines Fahrzeuges fallen da schon mal gut 100 Arbeitsstunden an – sind die Karussellfahrzeuge von Kronenberger begehrt bei Sammlern im In- und Ausland.
Da aber der Bestand an Orginalfahrzeugen begrenzt ist, sind auch seine Neuanfertigungen nach dem Vorbild alter Hennecke-Modelle sehr gesucht. Und das trotz gut 300 Stunden Arbeitszeit und einem Endpreis von gut 6500 Euro pro Fahrzeug. Rupert Kronenberger, der mit fünf Mitarbeitern im normalen Betriebsalltag gehobene Innenausbauten für Privatkunden realisiert, hat derzeit noch zwei VW-Käfer und drei Porsche 911 auf der Werkbank – es ist zu vermuten, dass auch diese bald ihre Liebhaber finden werden. I
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