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Im Land der tausend Seen

Als Schreinerin in Finnland
Im Land der tausend Seen

Was wusste ich schon über Finnland. Geographisch wusste ich nur, dass es irgendwo weit im Norden liegt und politisch, dass es zu Skandinavien und seit geraumer Zeit auch zur EU gehört. Aber was sich tatsächlich hinter dem Land der „tausend Seen“ verbirgt, wusste ich nicht.

Auch über die Schreinerei, bei der ich als Praktikantin arbeiten durfte, wusste ich sehr wenig. Bei den wenigen Telefonaten, die ich noch von Deutschland aus führte, erfuhr ich nur, dass dort Jugendstilmöbel in Kleinserien hergestellt werden.

Mit diesen wenigen Informationen brach ich also ins Abenteuer Finnland auf.
Mit jedem Kilometer, mit dem ich mich meinem Ziel näherte, stieg meine Spannung. Die letzten 50 Kilometer führten nur noch durch den Wald und so manchmal bezweifelte ich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Doch dann endlich war ich da.
„Herzlich willkommen auf Tetrimäki“, begrüßte mich mein deutscher Chef, der vor knapp 30 Jahren nach Finnland auswanderte. Er zeigte mir das Gelände und die Schreinerei. Die Räumlichkeiten der Werkstätten sind sehr groß (800 m²). Ich war überrascht so viele, sehr gut gepflegte Maschinen vorzufinden. Die meisten werden durchweg mechanisch bedient, damit man im Falle von Defekten schnell und einfach selbst Hand anlegen kann, was bei diesem Standort sehr wichtig ist. Insgesamt sind in der Schreinerei vier Mitarbeiter beschäftigt: zwei Festangestellte, ein Umschüler und ein Lehrling.
Als mir dann der Ausstellungsraum gezeigt wurde, sind schließlich auch meine höchsten Erwartungen übertroffen worden. Es war für mich unglaublich, dass man solche Möbel, wie sie hier ausgestellt werden, mitten im Wald und ausschließlich in Handarbeit fertigen kann. Das Design stammt vom finnischen Architekten Eliel Saarinen (1873-1950), dessen Entwürfe auch heute noch internationale Anerkennung finden. Schwierige und aufwendige Herstellungsverfahren waren keine Anlässe, gestalterische Details außen vor zu lassen. Eine Achtung und Schätzung des professionellen Entwurfs, die ich seinesgleichen, vor allem in Handwerksbetrieben, noch nicht erfahren hatte.
Aber ein Ausstellungsraum für Jugendstilmöbel hier, mitten im Wald? Hat das Sinn? Nein, hier auf Tetrimäki musste sich noch mehr befinden. Irgendwas, was Menschen dazu bewegt diesen Ort zu besuchen.
Es dauerte einige Zeit, bis ich die Vielseitigkeit von Tetrimäki durchschaute. Aber ich hatte recht, es wird in der Tat weitaus mehr geboten, als nur praktizierendes Handwerk.
In einem kleinen, aber gemütlichen Konzertsaal werden regelmäßig klassische Konzerte organisiert. Musiker und Musikliebhaber reisen hierfür aus ganz Finnland an.
Im Sommer werden Cembalobaukurse durchgeführt, bei denen die Musiker, im Rahmen eines betreuten Kurses, ihre Instrumente selbst bauen können. Außerdem werden Räumlichkeiten für Seminare und sogenannte „Verwöhnungstage“, mit therapeutischer Betreuung angeboten.
Spendenaktionen für russische Kinder werden initiiert, sowie die Räumlichkeiten für russische Kinderlager bereitgestellt. Nicht zuletzt ist es auch das köstliche Essen, was Tetrimäki im Bekanntheitsgrad immer mehr steigen lässt. Liebevoll wird es zu den Veranstaltungen, aber auch im Alltag für die Gemeinschaft, zubereitet und serviert.
Dies lässt jetzt eigentlich vermuten, dass hinter der Organisation ein großes und streng gegliedertes Team stehen müsste. Aber dem ist nicht so. Stattdessen wird das Ganze von einer achtköpfigen Lebensgemeinschaft (davon sind schon drei im Rentenalter) getragen und organisiert. Herzlich heißen sie jeden Gast willkommen und schöpfen täglich neue Kraft aus ihrem festen Glauben.
Eine meiner ersten Aufgaben war es, einen Tisch passend zur Saarinen Collection zu entwerfen und zu bauen. Nachdem der Entwurf stand und der Kunde einverstanden war, durfte ich mich an die Arbeit machen. Herrliche Wochen folgten. Komplizierte Furnierarbeiten und schwierige Massivholzfräsungen galt es zu bewältigen. Ich konnte unter zuvor nicht gekannten Rahmenbedingungen arbeiten. Meine Arbeitszeit durfte ich mir weitgehend selbst einteilen und die benötigte Zeit spielte eine untergeordnete Rolle. Es war ein Leben in Harmonie
zur Arbeit und zur Natur. Mein Beruf wurde von einem völlig anderen Blickwinkel durchleuchtet.
Es folgte die Sonderanfertigung eines Klavierstuhls sowie eine weitere Entwurfsarbeit für einen Tisch. Zum Schluss durfte ich noch eine Kleinserie des Möbels „ Side-Chair“ durchführen. Alles Arbeiten, wovon man als junger Schreiner kaum zu träumen wagt.
Sicheres Arbeiten stand an erster Stelle, wobei sich ein großer Teil der Schutzmaßnahmen nicht mit den vorgeschriebenen deutschen Maßnahmen vergleichen lässt. Oft war ein durchdachter Schablonenbau die einzige Sicherheitsvorrichtung. D. h., Sicherheit auf anderem Wege als die Berufsgenossenschaft in Deutschland vorschreibt.
Ich lernte viele kleine Tricks und Kniffe, die in Deutschland, durch die immer schneller werdende technische Entwicklung im Schreinerhandwerk längst vergessen worden sind.
Natürlich hatte ich auch neben all der Arbeit genügend Freizeit, das Land und die Menschen kennen zu lernen. Nie hätte ich gedacht, dass die kulturellen Unterschiede zwischen Finnland und Deutschland so groß sind. Es ist beeindruckend, wie der Finne Problemen zäh und gelassen gegenüber steht. Nur selten kann man Gefühlsäußerungen, ob nun positiv oder negativ, wahrnehmen. Diese ruhige und ausgeglichene Art, äußert sich natürlich in der Gesundheit und im Aussehen. Schätzt man das Alter der Finnen mit deutschen Maßstäben, so kann man sicher sein, dass man mindestens acht Jahre hinzurechnen muss. Die Folge: der Finne erreicht ein hohes Lebensalter. Seine Zähigkeit und Gelassenheit zahlen sich im hohen Alter aus. Ganz unschuldig daran, ist natürlich auch der regelmäßige Gang in die Sauna nicht. Was für den Iren der Pub ist, ist für den Finnen die Sauna. Überall findet man die kleinen Holzhäuser. Ja, richtig: die eigentliche finnische Sauna ist ein Haus für sich. Zu jedem Treffen gehört dieses Ritual. Verweigert man die Sauna, so würde man eigentlich als unreinlich gelten, wenn der Finne über andere Menschen urteilen würde. Aber das tut er nicht. Er lässt den anderen so wie er ist und erwartet dies vom anderen auch.
Seit dem Beitritt zur EU durchlebt Finnland einen enormen strukturellen Wandel. Landwirtschaft ist für die meisten Landwirte, aufgrund der EU Richtlinien, unrentabel geworden, was eine enorme Fluktuation in die Städte zur Folge hat. Westliche Einflüsse und internationaler Wettbewerb, verändern das Land. Viele amerikanische und mitteleuropäische Lebensweisen werden aufgenommen und praktiziert. Wer jetzt nach Finnland reist kann miterleben, wie die westliche Wirtschaftsmacht wieder ein eigenes, lang und stetig gewachsenes Volk wandelt, ich könnte auch sagen, auffrisst. Die Geschichte sollte uns eigentlich etwas besseres lehren, aber bisher scheint niemand die Gefahr erkennen zu wollen.
Witzig dagegen sind die Auswirkungen im alltäglichen Leben. Bonuskarten im Supermarkt, Selbstbedienung in Pubs, verschiedene Fastfood-Restaurants – dies alles sind Dinge, die eigentlich überhaupt nicht in die finnische Langsamkeit und Geduldigkeit passen.
Auch die Jugend fordert den Trend. Jedes Wochenende ist ein großer Andrang in den Discos und in den Pubs. Flippige Jugendliche warten geduldig selbst bei -16 °C vor den Eingängen, bis sie eingelassen werden. Nur wenn Leute den Pub verlassen, werden neue eingelassen, egal, wie voll oder wie leer es im Warmen ist.
Doch das Schönste an Finnland ist zweifellos die faszinierende Natur. Unendliche Wälder mit unzähligen Seen prägen das Landschaftsbild. Gern wird Finnland auch als das europäische Kanada bezeichnet. Im Winter wandelt sich das komplette Landschaftsbild. Zugefrorene Seen und Sümpfe, Eiskristalle an Ästen und Sträuchern lassen eine unbeschreibliche Märchenlandschaft entstehen. Temporäre Eisstraßen verbessern das eigentlich sowieso schon gute Straßennetz und nachts kann man mit etwas Glück, das Polarlicht in seiner ganzen Farbpalette genießen. Ich glaube, dass sich kaum ein Land besser dazu eignet, seine Gedanken den unendlichen Weiten des Kosmos auszuliefern. Selbst der einfachste Mensch wird dort zum Philosoph.
Knappe sechs Monate konnte ich in Finnland leben und arbeiten. Sechs Monate, die für immer ein unvergessliches und prägendes Erlebnis darstellen, sowohl auf fachlicher und sprachlicher als auch auf menschlicher Ebene. Es ist ein gewaltiger Unterschied, die kulturellen Differenzen faktisch zu wissen oder sie selbst zu erfahren. Deshalb möchte ich jedem, der mit dem Gedanken spielt ins Ausland zu gehen, von ganzem Herzen raten:
Zögert nicht, sondern brecht auf! Man gewinnt etwas, was mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist. o
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