Besuch in der Shoji-Werkstatt von Stephan Bauer. Japanische Eleganz - BM online
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Japanische Eleganz

Besuch in der Shoji-Werkstatt von Stephan Bauer
Japanische Eleganz

Sie sind sowohl Symbol als auch Botschafter japanischer Handwerkskunst. Gestalterische Überlebenskünstler in einem Land des ständigen architektonischen Wandels: Shoji, japanische Schiebetüren aus Holz und Papier. In Ellerding im Chiemgau werden sie von Stephan Bauer gefertigt.

Lukas Drobny

Wer Stephan Bauer in seiner Werkstatt besuchen möchte, der wird nicht umhinkommen, eine Reise bis weit in den Süden des Landes auf sich zu nehmen. Hat man allerdings einmal den Weg in das kleine Nest namens Ellerding im Kreis Amerang gefunden, so trifft man auf einen freundlichen Mann, der gerne von seiner Arbeit erzählt, der aber vermutlich noch lieber einfach bei sich ist, ohne viele Worte und vollkommen konzentriert, nur auf sein Handwerk. Und mal ehrlich. Wie sonst sollte es sein, bei einem, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die wohl bekanntesten Vertreter japanischer Handwerkskunst, die sogenannten Shoji, zu fertigen. Mit dem Einsatz von Maschinen nur dort wo es wirklich Sinn macht. Ansonsten mit den klassischen japanischen Hobeln, Stemmeisen und Sägen, die so einfach wie genial und deshalb nach wie vor unübertroffen sind. Und so hört man hier eher das Zischen eines scharfen Handhobels, als Maschinenlärm. Wo andere bei dem Blick aus dem Werkstattfenster die betongraue Brache eines Industriegebietes vor sich sehen, blickt man hier über grüne Wiesen bis hin zu den stolzen, schneebedeckten Ausläufern der Chiemgauer Alpen.

Ein Weg über Umwege

Doch nicht von Anfang an ist die japanische Handwerkskunst das Ziel für Stephan Bauer. Die erste Station ist die Ausbildung zum Krankenpfleger, schon damals begleitet durch sein Interesse für das Arbeiten mit Holz, in seinem Fall dem Bau mittelalterlicher Musikinstrumente. Erst dann folgt die Ausbildung zum Schreiner. Als eines Tages sein Bruder auf ihn zukommt, er benötige einen neuen Schrank, ist die Lösung sowohl einfach wie auch richtungsweisend. „Warum sollte ich einen neuen Schrank bauen, wenn ich auch einfach die alten Türen durch neue ersetzen kann.“ Also verkleidet er die gesamte Nische mit beweglichen Shoji-Elementen. Durch den extrem geringen Querschnitt der Rahmen und Sprossen und das blickdichte, aber lichtdurchlässige Papier wirkt die neue Schrankfront leicht und filigran. Die Begeisterung ist geweckt. Er vertieft sein Wissen auf Reisen nach Japan und knüpft Kontakte. Und baut neben seiner Arbeit für Kunden schließlich auch noch einen eigenen Onlineshop für japanische Möbel und Shojizubehör auf.

Qualität und Nachhaltigkeit

Stephan Bauer steht vor seinem Holzlager im Miniaturformat. „Das Wichtigste ist das richtige Holz“, sagt er. „Bei einem Stamm, der unten und oben den Kern in der Mitte hat, zudem astfrei und im Verbund gewachsen, da kann man sich ziemlich sicher sein, geeignetes Holz gefunden zu haben.“ Seine Türen fertigt er aus europäischer Fichte und Tanne. So kann er lange Transportwege, chemische Behandlung und Raubbau weitestgehend ausschließen. Für die äußerst schmalen Rahmen und die fugenlos eingestemmten Sprossen kommen dann ausschließlich die Bretter im Halbriftschnitt zum Einsatz. Denn nur sie bleiben wirklich stehen und sehen von vorne und der Seite gleichermaßen ansprechend aus. Aus Mittel- und Seitenbrettern fertigt er den Rahmen sowie die Führungsschienen, denn auch die werden beim späteren Einbau benötigt. Es wird also nichts weggeworfen, verbunden mit dem sowieso sehr geringen Materialeinsatz und der zeitlosen Ästhetik – Nachhaltigkeit auf ganzer Linie.

Das Holz muss man kennen

Nach dem Zuschnitt bleibt das Holz nochmals liegen, damit es nachtrocknet und sich eventuell vorhandene Spannungen abbauen können. Erst dann beginnt er mit dem Aushobeln. Traditionell japanische Shoji haben einen Querschnitt von 29 auf 31 mm im Rahmen und 8 auf 18 mm bei den Sprossen. Die Eckverbindung des Rahmens erfolgt über Doppelzapfen, das kreuzweise überplattete Gitterwerk der Sprossen wird fugenlos eingestemmt. Nach oben hin werden die Türen in einer Holznut geführt, am Boden über eine Leiste aus Hartholz. Entweder klassisch japanisch „Holz auf Holz“ oder mittels eingelassenen Rollen in einer V-förmig eingefrästen Nut. Dort wo später rückseitig das Papier aufgeklebt wird, bringt er einen kaum sichtbaren Falz an, in den das Papier eingeklebt wird. Als Griffe, die natürlich bündig ausgeformt sein müssen, da die Türen später „voreinander“ laufen, fräst er entweder Griffmulden oder lässt einen Griff aus kontrastreichem Hartholz ein.

Schleifen entfällt

Traditionell verzichten japanische Shoji-Bauer auf ein geschliffenes Oberflächenfinish, da beim Schleifen, sei die Körnung auch noch so fein, immer eine raue Oberfläche entsteht, in der sich Schmutz festsetzen kann. Und so hobelt Stephan Bauer die Türen zwar nicht mehr von Hand, sondern er verfügt über eine sogenannte Finiermaschine, eine Hobelmaschine, durch die das Holz über Walzen unter einer feststehenden Klinge hindurchgeschoben wird. Das Ergebnis: kein Hobelschlag, hauchdünne Späne und eine glänzende, spiegelglatte und somit schmutzabweisende Oberfläche. Nach japanischer Tradition wird die Oberfläche in diesem rohen Zustand belassen. Für den westlichen Nutzer folgt nach dem Verleimen meist ein Öl- oder Wachsauftrag.

Undurchsichtige Transparenz

Es folgt das Bespannen mit dem charakteristischen Japanpapier, auch Washi genannt, welches in verschiedenen Stärken und Strukturierungen eingesetzt wird. Es wird mittels doppelseitigem Klebeband oder Reisleim aufgeklebt. Nach dem Besprühen mit Wasser entwickelt es eine faltenfreie, straffe Oberfläche. Sollte einmal versehentlich eines der Papierfelder durchstoßen werden, könnte man es jederzeit durch ein entsprechendes neues Papierfeld ersetzen. Sowieso, in Japan ist es eine alte Tradition, am letzten Tag vor Jahreswechsel die Shoji mit neuem Papier zu bespannen.

Stephan Bauer hält eine der frisch bespannten Türen gegen das Licht. Von hinten zeichnet sich seine Hand durch das weiße, fein strukturierte Papier gegen das Tageslicht ab. „Das war´s“, sagt er und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Wozu viele Worte verlieren, wenn das, was man in Händen hält, seine ganz eigene Sprache spricht.

www.shoji-bau.de

www.shoji-bau-shop.de


Der Autor

Lukas Drobny, Jahrgang 1985, ist Möbelbauer und freier Autor. Er lebt mit seiner Familie in Erlangen.

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