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Klangvolle Schönheiten

Besuch beim Zitherbauer in Südbaden
Klangvolle Schönheiten

Hackbrett, Gitarre, Mandoline und Zither, das sind die Musikinstrumente, die der Zupfinstrumentenmachermeister Reiner Schrumpf aus Ihringen am Kaiserstuhl mit Begeisterung und großer Sorgfalt fertigt. Seine fein gearbeiteten und wohlklingenden Konzertzithern sind auch im Ausland gefragt.

Christine Speckner

Fast jeder kennt ihn, den Kinoklassiker „Der dritte Mann“. Aber kaum einer weiß, dass die Filmmelodie auf einer Zither gespielt wird. Mit diesem Film erlebte das Instrument Ende der 40er-Jahre eine Blütezeit. Heute ist die Zither als Volksmusikinstrument der deutschsprachigen Alpenländer bekannt. Auf dem einseitig gebogenen Kasten des Saiten-Zupfinstruments sind fünf Melodie- und 27 bis
37 Begleitsaiten angebracht. Unter den Melodiesaiten liegt das mit 29 Bünden versehene Griffbrett. Eine Vorform der heutigen Zither ist die Raffele, sie hat nur drei Saiten und war bereits im 15. Jahrhundert bekannt. Einer der wenigen, die heute noch Zithern bauen, ist Reiner Schrumpf aus Ihringen am Kaiserstuhl.

Meister im Zupfinstrumentenbau

Aufgewachsen ist Reiner Schrumpf im Hochschwarzwald. Als Sohn einer Holzbildhauerin wurde er schon früh mit dem Werkstoff Holz vertraut. Von der Tante erhielt er Klavierunterricht, später lernte er auf der Geige seines Großvaters zu spielen. Auch das Gitarrenspiel hatte es ihm angetan. Am meisten jedoch interessierte ihn das Handwerk. Holz zum Leben erwecken, das faszinierte ihn. Jedoch nicht wie seine Mutter, aus Sicht der Künstlerin – er hatte vielmehr das Handwerk im Blick. Deshalb wollte er Geigenbauer werden. Doch
gab es damals keine Ausbildungsplätze, also machte Schrumpf im oberbayerischen Neumarkt-Sankt Veit die Ausbildung zum Zupfinstrumentenmacher mit den Schwerpunkten Gitarre, Hackbrett, Zither und Laute. Nach der Gesellenprüfung ging er zurück nach Südbaden, wo er fünf Jahre in einem renommierten Freiburger Musikhaus im Verkauf arbeitete. Nach der Meisterprüfung in Nürnberg machte er sich 1987 in der Weinbaugemeinde Ihringen selbstständig und baute die landwirtschaftliche Scheune seiner Schwiegereltern, einer Winzerfamilie, zur Werkstatt um.

Zwetschgenholz vom Kaiserstuhl

Bandsäge, Hobel, Kreissäge, Oberfräse – mehr Maschinen gibt es nicht in der Werkstatt von Reiner Schrumpf. Eine Zither entsteht vor allem in Handarbeit. Dabei kommen je nach Eigenschaft und Funktion unterschiedliche Hölzer zum Einsatz. Für die Resonanzflächen, Decke und Boden, verwendet er feinjährige Schwarzwaldfichte mit stehenden Jahresringen vom Feldberg. Das weiche Holz kann die Schwingungen gut umsetzen. In Buche sind die Stimmstöcke, in denen später die Wirbel eingelassen werden. Für die Furniere auf der Oberseite verarbeitet Schrumpf Edelhölzer wie Eibe, Nussbaum-Wurzelholz und Mahagoni sowie Palisander. Und heimische Zwetschge. Da hat Schrumpf gut vorgesorgt. Schon vor 25 Jahren kaufte er von einem Landwirt 30 Zwetschgenbäume, die er bis heute für den Instrumentenbau verarbeitet. „Für mich spielt die künstlerische Gestaltung eine große Rolle“, sagt Schrumpf. Deshalb sind seine Schnitzarbeiten an Harfenzithern und die Rosetten an Hackbrettern reine Handarbeit. So wird jedes Instrument ein Unikat.

Geheimnis des guten Klangs

Doch wie bekommt man einen guten Klang hin? Das ist wohl die Spezialität eines jeden Zitherbauers. Viel Erfahrung braucht man, betont der Meister und holt einen Decken-Rohling hervor, den er an verschiedenen Stellen mit dem Finger abklopft. Die Resonanzfläche hat er auf unterschiedliche Stärken von Hand gehobelt und mit der Ziehklinge in feinen Schichten abgetragen. Durch die von ihm festgelegten Maße erzeugt das Instrument später einen schönen Klang. Mit dem Stärkenmesser hat Schrumpf während der Ausarbeitung immer wieder kontrolliert. Am stärksten ist die Deckenmitte, sie muss die meiste Spannung aushalten. „Da kommen durch den Saitenzug 300 Kilogramm zusammen.“ Für den Bau einer Zither benötigt er je nach Modell 60 bis 120 Stunden. Zunächst werden die Hölzer für Decke und Boden verleimt, die Korpusform mit einer Schablone aufgezeichnet. Mit der Bandsäge sägt Schrumpf die grobe Form aus und arbeitet sie mit Handhobel und Ziehklinge aus. Die Zargenteile werden mit dem heißen Biegeeisen in Form gebracht. Dann wird der Rahmen auf den Boden aufgeleimt und Decke und Boden ausgearbeitet. Die Ziereinlagen werden in die Decke eingefügt und das Schalloch ausgesägt. Mit Handhobel und Ziehklinge arbeitet er die Decke weiter aus und leimt die Balken auf. Die Decke wird in den Zargenkranz und Boden eingepasst und aufgeleimt. In den fertigen Korpus fräst Schrumpf einen Falz, in den er eine Randeinlage leimt. Die Einlage ist nicht nur Zierde, sie schützt das Instrument vor Rissen und fängt Stöße ab. Den Korpus umwickelt er mit Fahrradschläuchen bis der Leim abgebunden ist. Nach der Lackierung werden Griffbrett und Stege aufgeleimt, in den vorbereiteten Wirbelstock bringt er die Wirbel an. Der letzte Arbeitsschritt ist das Aufziehen und Stimmen der Saiten. „Den Klang höre ich mir erst am nächsten Tag an, sonst kann ich nicht gut schlafen.“

Sonderanfertigung für Kunden aus Japan

Der Kundenstamm von Reiner Schrumpf bewegt sich im Umkreis von 500 Kilometern. Aber auch im Ausland kennt man ihn. Ein Musikgeschäft in Tokio lässt seit 20 Jahren bei Reiner Schrumpf produzieren. Der Kontakt kam über internationale Zithertage zustande. Für Japaner baut er kleinere Instrumente. „Denken Sie an die U-Bahn in Tokio. Da ist doch kaum Platz“, sagt Schrumpf. Wobei allgemein die Nachfrage mit den Jahren zurückgegangen ist. Heute baut er noch vier Zithern im Jahr. „Die Zither ist eines der schwierigsten Instrumente, man braucht ein Jahr Übung, bis man ein Lied spielen kann“, weiß er. Allein mit der rechten Hand werden Melodie, Begleitung und Bass gleichzeitig gespielt. Schrumpf spielt selbst Basszither in der von ihm 1992 gegründeten „Zithergruppe Ihringen“. Einmal in der Woche verwandelt sich seine Werkstatt in einen Konzertraum. Werkzeuge und Zwingen werden beiseite geräumt, Holzklappstühle und Zithertische aufgestellt. „Beim Spielen habe ich manchmal die besten Ideen für die Gestaltung neuer Instrumente.“

www.zupfinstrumente-schrumpf.de


Die Autorin

Christine Speckner ist freie Journalistin und lebt bei Freiburg.

www.christine-speckner.de

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