Startseite » Inspiration » Blick über den Tellerrand »

Leicht ist schwer

Werkstattbesuch beim Drechsler und Holzkünstler Johannes Hofbauer
Leicht ist schwer

Sie sind raffiniert und oft beweglich – sie wirken leicht, auch wenn sie aus massiven Stämmen gearbeitet sind. Die Rede ist von den filigranen, kunstvollen Arbeiten des Johannes Hofbauer, seines Zeichens Drechsler und virtuoser Holzkünstler.

Melanie Kirchlechner

Die Schleifscheibe nähert sich vorsichtig der hauchdünnen Holzschale, durch die das Licht so schön schimmert. Erst die glatte Oberfläche bringt die Feinheit des gedrechselten Werkes vollends zur Geltung. Hier, in der bis unters Dach mit unterschiedlichen Hölzern gefüllten Werkstatt, riecht es intensiv nach Nussbaum. Johannes Hofbauer, Drechslermeister und Holzkünstler, arbeitet gerade an einer Serie seiner gefragten Lichtschalen. Aus einer Kiste neben der Drehbank holt er unter einer Lage Sägespänen den nächsten Rohling hervor. „Um solch dünnwandige Schalen zu drechseln, müssen sie die richtige Holzfeuchte haben“. Nicht zuletzt deswegen trocknet Hofbauer alle Hölzer, sowohl für seine Drechselarbeiten wie für seine Kunstobjekte, selbst. „Auch ein Künstler muss unternehmerisch denken, muss die Planung seiner Projekte, die Lagerung des Materials, den richtigen Zeitpunkt für den entsprechenden Arbeitsschritt, und vor allem die Kosten, immer im Blick haben.“

Achtung vor dem Baum

Johannes Hofbauer, 1956 in Niederbayern geboren, beginnt seinen beruflichen Werdegang mit einer Maurerlehre. Da ihm die Arbeit auf dem Bau aber nicht sonderlich zusagt, ergreift er mit 28 Jahren die Chance, eine Lehre bei einem Drechsler zu absolvieren. Hofbauer hat seine Profession gefunden! Immer schon mehr als am reinen Handwerk interessiert, besucht er nach der Gesellenprüfung eine Fachhochschule für Design und rundet seine Ausbildung mit dem Meisterbrief ab. Ein paar Jahre darauf eröffnet er seine erste eigene Werkstatt bei München und verdient in den nächsten Jahren sein Brot mit feinen Drechselarbeiten, die er auf Märkten und Messen verkauft. Ausschließlich einheimische Hölzer wie Ahorn, Esche, Eiche, Nussbaum und Pappel findet man in seiner Werkstatt. „Ich habe große Achtung vor dem Baum in der Natur und verwende daher nur kranke, verletzte oder tote Bäume“ sagt er, nach der Holzauswahl gefragt.

Der Weg ist, dass du dich suchst

In seinen Vierzigern beginnt er, seine Liebe zum Material, seine Holzideen in freie, künstlerische Arbeiten umzusetzen. Inzwischen nicht nur an der Drehbank ein wahrer Meister, reizt es ihn, „mit einem so rabiaten Werkzeug wie einer Kettensäge ganz feine Sachen herauszuarbeiten.“ Bei seinen Kunstwerken lässt er sich von im Holz vorhandenen Strukturen inspirieren, Risse und eine ausdrucksvolle Maserung leiten ihn. Sein frühes Werk umfasst Scheiben, Kugeln und zylindrische Strukturen, die er mit der Kettensäge furcht, mit Blattgold belegt oder brennt und schwärzt. Der mystisch, sakrale Charakter seiner Arbeiten beschert ihm unter anderem Ausstellungsmöglichkeiten in kirchlichen Räumen.

Kunst braucht Zeit

Johannes Hofbauer ist ein ruhiger, aber beweglicher Typ. Sein Werdegang ist von einer immer größer werdenden Komplexität und Flexibilität seiner Arbeit gekennzeichnet. Bei jedem Werk reizt er aufs Neue aus, wie groß der künstlerische Eingriff sein darf, ohne dass die hölzerne Konstruktion an Festigkeit und Stabilität einbüßt. Er verleiht dem Material Holz nicht nur eine andere statische Form, sondern eine ganz neue Beweglichkeit. So entstehen aus einem Stamm geschnittene, zweiteilige, aber untrennbar verbundene Objekte, die ineinander verdreht und verschoben werden können. Ihre Titel sind vom Künstler mit Bedacht gewählt, haben teilweise eine doppelte Bedeutung wie „fassungslos“ oder „bodenlos“. Sie schaffen es, das handwerklich Handfeste der Arbeiten ins sprachlich Poetische zu übersetzen. In zahlreichen Gemeinschafts- und Einzelausstellungen zeigt er seine Werke und bekommt 2014 zwei Kunstpreise dafür.

Vernetzter Handwerker und Künstler

Hofbauer ist ein Netzwerker, der den Austausch mit anderen Handwerkern und Künstlern sucht. Er ist somit der ideale Mann für die Organisation des Schwabinger Künstler- Weihnachtsmarktes, dessen Vorstand er nun schon seit 24 Jahren angehört. Etwa zur selben Zeit gründet er auch die Kunstausstellung „Monaco libre“, die sieben Mal mitten in München stattfindet. Und seit 18 Jahren gibt der agile Handwerker und Künstler seine Erfahrung mit der Kettensäge in VHS-Kursen am Starnberger See weiter. Hofbauer vermittelt seinen Schülern und Schülerinnen, dass sich ihr Körper den Bewegungen der massiven Maschine anpassen sollte, dass sie ihr ausweichen und sie trotzdem führen müssen. Die Presse bezeichnete ihn in diesem Zusammenhang einmal als den Mann, „der mit der Kettensäge tanzt“.

Leicht ist schwer

Bei einer neuen Serie von Objekten geht Hofbauer noch mehr als bisher an die Grenzen der Belastbarkeit des Werkstoffes, in diesem Fall langfaseriger Pappel. Meterlange Kanthölzer, deren Äußeres er mit der Kettensäge in die gewünschte Form bringt, sägt er an der Bandsäge so fein und wechselseitig ein, dass sie sich biegen und zu Knoten und Kränzen formen lassen. Es entstehen flexible, mäandernde Holzbänder, die die Geschmeidigkeit von Schlangen haben. Die Vorgehensweise hat er über Monate ausgetüftelt und mehrere Jahre gebraucht, um sie zur Vollendung zu bringen. „Um solch anspruchsvolle Werke zu schaffen, braucht es zunächst die künstlerische Idee und dann die Zeit, Geduld und Erfahrung, um sie in die Tat umzusetzen.“

Am erstaunlichsten ist eine Kranzskulptur, die sich wie dehnbares Material von innen nach außen wenden lässt. Um den Überraschungseffekt zu steigern und nebenbei die Konstruktion zu stabilisieren, lässt er an den Seiten feine Streifen unterschiedlicher Hölzer ein, die beim Wenden des Kranzes ins Auge fallen.

Der Weg ist das Ziel

Eine ältere Bandsäge mit vielen verschiedenen Sägeblättern und eine ebenso betagte Drehbank sind bei Johannes Hofbauer fast täglich im Einsatz. Inzwischen arbeitet er auch mit sechs verschiedenen Kettensägen, zwei gröberen und vier feineren „damit ich nicht immer die Schwerter wechseln muss.“ Seinen Lebensunterhalt kann er momentan hälftig mit der Drechselei und der Kunst bestreiten. Seinem Ziel aber, ganz von seinen feinen Kunstwerken leben zu können, sägt sich der bewegliche Mann mit rabiatem Werkzeug und allerfeinsten Schnitten unaufhörlich entgegen.

www.j-hofbauer.de


Die Autorin

Melanie Kirchlechner ist gelernte Schreinerin. Sie arbeitet freiberuflich als Restauratorin, Autorin und Dozentin.

www.holz-sinn.de

Herstellerinformation
Wissen testen – Preis absahnen
Herstellerinformation
BM-Videostars 2020
Herstellerinformation
BM-Titelstars 2020
Herstellerinformation
Im Fokus: Holz-Handwerk 2020
HOLZ-HANDWERK_2016
Foto: NürnbergMesse / Heiko Stahl
Herstellerinformation
BM-Themenseite: Innentüren
Im Fokus: Fensterbau Frontale 2020
Messegeschehen_allgemein
Alle zwei Jahre informieren sich die Fachbesucher über die neuesten Profilsysteme, Bauelemente, Beschlag- und Sicherheitstechnik und vieles mehr. Foto: NuernbergMesse/Frank Boxler
Im Fokus: Vernetzte Werkstatt

BM bei Facebook

BM auf Instagram
Alles bio? Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk
Im Fokus: Gestaltung

BM Bestellservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der BM Bestellservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin-Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum BM Bestellservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des BM Bestellservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de