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Mit den Händen denken

Blick über den Tellerrand
Mit den Händen denken

Was haben ein Formel-1-Helm, ein Hängeschrank, ein Waschbecken und die neue Steuereinheit der Striebig-Plattensäge gemeinsam? Sie sehen gut aus, sind funktional und wurden vom Industriedesigner und Tischlermeister Jens Bingenheimer in Form gebracht. Der 34-Jährige gestaltet die unterschiedlichsten Gebrauchsgegenstände – wobei ihm seine soliden Kenntnisse aus dem Holzhandwerk zugute kommen.

Der Werkstoff Holz hat mich schon immer fasziniert“, sagt Jens Bingenheimer, der als Kind mit dem Modellbau klein angefangen hat. Schon früh stand für den Hannoveraner der Berufswunsch Tischler fest. Der Haken war nur, das wollten viele Jungs und Mädels in Hannover und Umgebung. „Um eine Lehrstelle musste man sich damals, Mitte der 80er Jahre, fast prügeln.“ Zum Glück konnte sich Jens auf dem Lehrstellenmarkt durchboxen. Nach drei Jahren beendete er seine Lehre in den Holzwerkstätten Wolfgang Rohde als bester Azubi.

Der Chef war sehr zufrieden, sah in der Nachwuchskraft schon seinen Nachfolger, der später den Betrieb übernehmen könnte. Der Gedanke gefiel auch dem jungen Gesellen – doch eine routinemäßige ärztliche Untersuchung brachte den Traum zum Platzen. Auf dem Röntgenbild erschien ein angeknackster Lendenwirbel, den vorher kein Mediziner entdeckt hatte. Schwere körperliche Arbeit war damit vorbei.
„Was nun?“, fragte sich der damals 22-Jährige. Mit Holz wollte er weiterhin gerne arbeiten. Die Lösung war schnell gefunden: Das Studienfach Produktdesign an der Fachhochschule Hildesheim bot den Schwerpunkt Möbelentwurf und -bau. „Die Werkstatt war sehr gut ausgestattet“, erinnert sich Jens Bingen-heimer, und über seinen ehemaligen Professor Gottfried Böckelmann sagt er: „Er ist ein brillanter Handwerksmeister.“ Diesem verdankt der junge Designer auch seine zweite handwerkliche Lehre. „Dem Professor war aufgefallen, dass ich ständig in der Werkstatt war und Spaß am Drechseln hatte. Da bot er mir an, studienbegleitend eine Drechslerlehre zu machen.“
Vier Jahre lang, zweieinhalb Tage pro Woche, erlernte der Student nebenbei auch noch die Finessen alter Drechslerkunst. Seine Werkstücke, zum Beispiel große runde Schalen oder flache Teller – beides möglichst dünn gefertigt – begeistern den Ästheten noch heute. Die zweite Lehre habe das bildnerische Auge und die Fingerfertigkeit noch mehr geschult. „Ich habe gelernt, mit den Händen zu denken.“
Köpfchen hat Jens Bingenheimer während seines parallelen Produktdesign-Studiums ebenfalls bewiesen. Die Experimente mit unterschiedlichen Materialien im Bereich Möbelbau machten ihm Spaß. Seine Unikate genügten auch gestalterischen Ansprüchen. Werkstattleiter Bernd Krieges-korte förderte und forderte ihn geschickt. Durch die intensive Beschäftigung mit Materialien, Farben und Oberflächen in den Werkstätten der Fachhochschule sammelte der Student wichtiges Know-how. Doch die Theorie allein macht keinen Sinn, findet der Vollbluthandwerker. „Jede Theorie bleibt ohne praktische Überprüfung inhaltsleer.“ Damit meint Jens Bingenheimer, dass Produkte keine Hirngespinste sein dürfen, sondern technisch funktionieren und die Kunden emotional ansprechen müssen. Ein Stuhl dürfe nicht nur schön anzusehen sein, man müsse darauf auch gut sitzen.
Den Bezug zur Praxis hat der Nachwuchsdesigner nie verloren. Sein Studium finanzierte er sich als Geselle in verschiedenen Betrieben für Küchenplanung, Montage und Messebau. Das brachte Erfahrung, Geld – und die Anerkennung der Gesellenjahre. Denn Studium, Drechslerlehre und Jobben waren dem Holzfan noch nicht genug: Parallel büffelte er noch für seine Meisterprüfung im Tischlerhandwerk. „Einen Meistertitel behält man das ganze Leben“, argumentiert er ganz sachlich. Ein Überflieger oder Streber sei er nicht. „Ich habe nur die Synergieeffekte genutzt.“ Auf Nach-frage gibt er dann doch zu: „Wenn ich vorher gewusst hätte, wie anstrengend alles auf einmal ist, hätte ich es nicht gemacht.“ Heute ist er froh und auch ein wenig stolz, dass er 1993 sein Produktdesign-Diplom, die Drechslerlehre und die Meis-terprüfung geschafft hat.
Und was macht man mit dieser dreifachen Qualifikation? Normale Leute würden sich wahrscheinlich erst mal ausruhen, ihre Urkunden an die Wand hängen, die Bücher im hintersten Regal verstauen und später das Wissen in die Praxis umsetzen. Das hat Jens Bingenheimer auch getan – aber die theoriefreie Zeit währte nur vier Monate. Im April 1994 saß er wieder im Hörsaal, diesmal an der Hochschule der Bildenden Künste in Braunschweig, um „Industrial Design“, also Industriedesign, zu studieren. Warum noch ein Designstudium? „Ich wollte Industriedesigner werden, um Dinge zu produzieren, die in Serie gehen.“ Das Aufbaustudium bot außerdem die Möglichkeit, tiefer in die Theorie einzusteigen und sich mit anderen Werkstoffen und neuen Dingen zu beschäftigen. Der helle Kopf fand zum Beispiel Gefallen am Thema Licht und Schatten. Bei der bekannten Lichtdesignerin Ulrike Brandi erlernte er die Grundlagen der Beleuchtungskonzepte für Räume aller Art – von der U-Bahn bis zum Ballsaal. Bei Professorin Brandi kümmerte er sich um den Bereich Produktentwicklung. Bei Professor Volker Weinert beschäftigte er sich als Tutor für Produktkonstruktion und Stegreifentwerfen.
In den Seminaren setzte Jens Bingenheimer einige Ideen in die Praxis um. Zum Beispiel beim Entwurf eines Autos, das „Basic Transportation für easy living in the sun“ bieten soll. Also ein praktisches Elektrogefährt mit dem man durch die Gegend kurven soll; ein Gefährt, das genügend Platz bietet, um große Dinge wie Surfbretter zu transportieren und dessen begehbare Karosserie sogar als Liegefläche beim Sonnenbaden genutzt werden kann. Dieser Entwurf entstand für die Continental AG in Hannover, die damit auf ihre Kompetenz in der Sparte Gummi hinweisen wollte.
Die Kooperation mit der Wirtschaft ist wichtig für den jungen Designer, der nach dem Studium den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Seit 1999 lebt er davon, dass sich seine Ideen auch verkaufen lassen. „Mir war frühzeitig klar, dass ich eine eigene Firma aufmache, denn ich habe meinen eigenen Kopf.“ Als Einzelkämpfer wollte er dennoch nicht enden, das wäre auf dem hart umkämpften Design-Markt auch noch schwerer als es ohnehin für Newcomer ist. Den passenden Geschäftspartner hat Bingenheimer schon an der Hochschule in Braunschweig gefunden. Kommilitone Robert Kipry, der ebenfalls Industrie-design studiert hat, teilt die Vorstellungen und Ziele, hat dieselbe Denkweise. Man ergänzt sich prima und spornt sich gegenseitig an. Die beiden Jungunternehmer gründeten ihre gemeinsame Firma „jobob design“ im Januar 2000 in Braunschweig. Erst war an einen Umzug nach Hannover gedacht, aber in Braunschweig sind die Büromieten wesentlich geringer. Ihre Ideen produzieren Bingenheimer & Kipry jetzt in einem Backsteingebäude mit viel Charme und berühmter Vergangenheit. Ihr Büro befindet sich in den ehemaligen Produktionsräumen der Braunschweiger Turngerätefabrik, die für Generationen von Schulkindern Stufenbarren, Turnringe und Sprungböcke hergestellt hat.
Von dieser Vergangenheit merkt man nichts mehr. Riesige Schreibtische, mehrere Computer und ein markanter Planschrank eigener Kreation und Produktion schmücken die neue Denkfabrik. In naher Zukunft soll eine weitere Etage angemietet werden, um eine eigene Prototypenwerkstatt einzurichten. Bisher erfolgt die Umsetzung der Entwürfe auf kleinstem Raum, in einem Studio unterm Dach. Dort wird gezeichnet, geplant, modelliert, gebaut, gefeilt, gehobelt und konstruiert.
Der erste große Auftrag konnte von der Firma Schuberth Helme an Land gezogen werden. Ein Arbeitsschutzhelm mit „technologischem Aussehen“ sollte entworfen werden. „Damit ist gemeint, dass eine klare Form gewünscht ist“, erklärt Jens Bingenheimer. Also keine Collani-schwünge, sondern eine klare Linie inklusive der fünf Rippen, dem Schuberth-Markenzeichen. Bei diesem Auftrag nutztem dem Designer seine Tischlerkenntnisse – auch wenn sich der Zusammenhang nicht auf den ersten Blick erschließt. „Als Tischler wird man schließlich als Holz- und Kunststofftechniker ausgebildet. Außerdem entwickelt man ein ausgewogenes Proportionsgefühl.“ Zusammen mit den Helm-Konstrukteuren hat der 34-Jährige in stundenlanger Arbeit am Computer so lange getüftelt, bis die Einheit von Form und Funktion das Optimum erreichte. Der Helm ist noch nicht auf dem Markt, aber immerhin brachte er einen Nachfolgeauftrag.
Diesmal wünschte sich Schuberth einen Entwurf für einen Formel-1-Helm. Die Vorgabe hieß diesmal: Man muss gleich sehen, da kommt der Sieger. Umgesetzt wurde es durch eine kantige, dynamische Form mit vorgezogenem Kinn – der Helm war in der letzten Saison schon mit am Start. Große Werbung kann das jobob-Team damit nicht machen, das Reglement in der Formel-1 ist streng.
Dagegen können sich Jens Bingenheimer und Robert Kipry in aller Öffentlichkeit dazu bekennen, dass sie etwas mit „Extessy“ zu tun haben. Für dieses IT-Unternehmen wurde die gesamte Corporate Identity erstellt: Das Logo, die Brief-bögen, Visitenkarten und der Internetauftritt. Auch für andere Unternehmen wurde diese Dienstleistung erbracht.
Als Designer Aufträge zu bekommen, ist heutzutage nicht leicht, „die Konkurrenz ist enorm groß“, meint Jens Bingenheimer. Glück und Beziehungen sind sehr hilfreich, einen Fuß in die Tür zu bekommen. „Man muss dann natürlich gute Arbeit abliefern, damit man später einen Folgeauftrag bekommt.“ Vielleicht klappt das ja beim Niedersächsischen Landtag. Hierfür hat jobob das neue Geschenkpapier entworfen. „Klar. Unverkennbar. Repräsentativ. Norddeutsch“, lautet die Eigenbeschreibung in der Imagebroschüre der Designer.
Auf dem Papier erscheint der stilisierte Landtag auf grünem Untergrund, daneben steht in geschwungenen Schriftzügen Landtag Niedersachsen.
Schwierig sei es, Hersteller zu finden, die Vorschläge für neue, innovative Produkte aufgreifen, bis zur Marktreife entwickeln und diese Produkte in ihr Sortiment aufnehmen. So hat Jens Bingenheimer beispielsweise noch keinen Abnehmer für seine Idee vom „barrierefreien Bad“ gefunden. Dabei handelt es sich um ein motorisch unterstütztes Badensemble aus Waschbecken, Spiegel, Ablage und Aufsteh-hilfe. Per Knopfdruck lässt sich diese Einheit höher oder niedriger stellen. Gedacht ist dieses Konzept für ein generationen-übergreifendes Wohnen. Kleine Kinder, die noch nicht ans Waschbecken kommen, aber auch Senioren im Rollstuhl könnten zusammen mit dem Rest der Familie ein und das-selbe Bad benutzen. „Bisher gibt es nur Waschbecken, die sich über einen manuellen Pump-mechanismus verstellen lassen“, sagt der Erfinder Bingenheimer, „das ist doch umständlich und Spiegel und Ablage bleiben fix.“
Wie dieses Beispiel zeigt, sind Designer oft Vordenker und damit ihrer Zeit voraus. Da in vielen Unternehmen, Organisationen und in der Politik aber nur über einen kurz- bis mittelfristigen Zeitraum geplant wird, müssen Designer wie Jens Bingen-heimer und sein Partner Robert Kipry ständig am Ball bleiben, ihre Konzepte „auf Wiedervorlage“ legen und den Zeitgeist beobachten. In ihrem Büro stapeln sich Jugendzeitschriften, Trendmagazine und Fachzeitschriften. Hier lesen sie Trends ab und holen sich Anregungen.
Klar ist beiden, ihre Produkte sollen „basic“ sein – leicht zu begreifen und mit eindeutiger emotionaler Ansprache. „Der Nutzer ist der Ausgangspunkt und Maßstab jeder Idee. Maximale Einfachheit ist das Ziel meiner Gestaltung“, sagt Jens Bingenheimer. Am besten sei es, wenn es dem Nutzer gar nicht auffalle, dass ein Gegenstand designt ist. Hier lebt die Bauhausdevise weiter: „form follows function“. Die Form hat der Funktion zu dienen und ordnet sich ihr unter. In den Entwürfen des jobob-Teams spiegeln sich die grundlegenden Erfahrungen aus dem Holzhandwerk und das gestalterisch-konstruktive Know-how desIndustrial Designs wider.
Dieser Ansatz – und die doppelte Qualifikation von Jens Bingenheimer – überzeugte auch die Firma Striebig AG. Sie zeigte Vertrauen in das kreative Potenzial und erteilte den Auftrag zur Gestaltung des User Interface und des Steuerkastens ihrer renommierten Plattensäge. Bei diesem Auftrag war Jens Bingenheimer mit Herz und Verstand bei der Sache. Wie oft hatte er diese Maschine selber in der Hand gehabt. Wusste, wie sie benutzt wird, welchen Arbeitsschritten sie Stand halten muss, welche Erwartungen die Anwender haben. „Modern, optisch reduziert, ein aufgeräumtes, übersichtliches Tastenfeld“, so sollte der neue Steuerkasten aussehen. Das Display ist jetzt im Steuerkasten integriert, das Bedienpaneel neu geordnet, indem die wichtigsten Tasten sich bei allen Modellen am selben Platz befinden. Auch der Steuerkasten ist überarbeitet worden. Der abgerundete Griff lässt sich gut fassen und schirmt gleichzeitig die kantige Ecke des Geräts ab. Diese Gestaltung gefiel auch den Preisrichtern, die alle zwei Jahre den Designpreis Schweiz vergeben. Für die Maschine „Evolu-tion“ erhielt die Striebig AGeine Anerkennung. Die Synergie-effekte zwischen Handwerks-Know-how und Industriedesign möchte Jens Bingenheimer auch in Zukunft weiter nutzen. Dabei wird er stärker zu seinen Wurzeln zurückkehren und sichwieder mit Möbeln beschäftigen. Sein Partner Robert Kipry, der für‘s Zeichnen zuständig ist,skizziert zurzeit Entwürfe für Gästeliegen und Cocktailstühle. Genaues wollen die beiden Kreativen nicht verraten, das könnte bei der Konkurrenz nur schlafende Hunde wecken . . .
Claudia Schneider
jobob design
Jens Bingenheimer und Robert Kipry
Hildesheimer Str. 27
38114 Braunschweig
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