Werkstattbesuch beim Marketeurmeister Theo Widmann. Mit Holz malen - BM online

Werkstattbesuch beim Marketeurmeister Theo Widmann

Mit Holz malen

Ob pittoreske Landschaftsszenen, rankende Ornamente oder abstrakte Wandbilder – virtuos und gleich einem Kunstmaler mit Farbpalette und Pinsel nutzt der Marketeurmeister Theo Widmann in seinen Intarsien die natürlichen Kontraste und Farben von Hölzern.

BM-Redakteur Heinz Fink

Marketeurmeister heißt es akkurat geschrieben auf dem polierten Klingelschild aus Messing. Sofort ist klar, hier wohnt einer, der stolz ist auf seinen Beruf. Einen Beruf, von dem die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass es ihn gibt – oder besser einmal gab. Und stolz sein kann Theo Widmann aus Deckenpfronn bei Böblingen durchaus, denn er hat dieses seltene Handwerk in den 1950er-Jahren noch richtig erlernt und es darin sogar zu Meisterehren gebracht. Hunderte von Arbeiten, von malerischen Landschaftsbildern über abstrakte Form- und Farbstudien bis hin zu reich intarsierten Möbelstücken, sind in den vergangenen 65 Jahren unter seinen Händen entstanden.

Schon damals ein seltener Beruf

Eigentlich wollte Theo Widmann Schreiner werden, da er schon in der Schule immer gerne malte und werkelte. Doch die Zeiten waren nicht einfach und die Lehrstellen rar, so kurz nach dem Krieg. Ein Gang zum Arbeitsamt zusammen mit seiner Mutter brachte den 14-Jährigen auf den Beruf des Marketeurs. 1952 begann er seine Lehre bei der Firma Müller und Lengerer in Bad Cannstatt, einer von drei damals noch existierenden Intarsienwerkstätten in Stuttgart. Malerische Landschaften und Stadtszenen, Ornamente zur Weiterverarbeitung in der Schreinerei oder Möbelindustrie, aber auch Bordüren und Adern für die in Stuttgart ansässige Klavierindustrie gehörten zum Repertoire der Werkstatt mit damals gut 20 Angestellten – eine wichtige Einnahmequelle waren auch die in Stuttgart stationierten US-Soldaten.

In die Berufsschule ging’s nicht etwa mit den Schreinern, sondern mit anderen Kunsthandwerkern wie Goldschmieden, Schnitzern oder Keramikern – immerhin, der Fachlehrer war Holzbildhauer. Nach einigen Gesellenjahren im Beruf legte Theo Widmann 1964, wohl als einer der letzten seines Berufsstandes, die Meisterprüfung ab. Noch heute zeugt sein Meisterbrief von der Exotik seines Berufes, denn darauf ist als Berufsbezeichnung Schreiner- (Marketeur-) Meister zu lesen.

Eigentlich sollte Theo Widmann den Betrieb seines Lehrmeisters übernehmen. Doch der Geschmack änderte sich, Möbel wurden zunehmend schmuckloser, und seit den 60er-Jahren ließ die Nachfrage für Intarsien stetig nach, sodass sich der junge Kunsthandwerker anderweitig umsah und schließlich 1965 eine Stelle als Furniermeister beim noch heute existierenden Böblinger Möbelhersteller Renz annahm. Dort war er bis zu seiner Pensionierung 35 Jahre lang für die fachgerechte Ausführung aller Furnierarbeiten zuständig.

Lebenslange Leidenschaft

Doch seiner eigentlichen Berufung als Marketeur blieb Theo Widmann auch in all den Jahren als angestellter Handwerksmeister verbunden. In der teils noch mit Maschinen aus seinem Lehrbetrieb ausgestatteten Werkstatt im Keller seines Wohnhauses in Deckenpfronn entstehen bis heute Intarsienarbeiten verschiedenster Art. Dabei verarbeitet er teils noch Furniere und Materialien, die er einst von seinem Lehrmeister überlassen bekam – neben einheimischen und exotischen Furnieren auch Messing, Perlmutt und sogar Elfenbein. Sein Furnierlager umfasst gut 50 verschiedene Holzarten: vom schlichten Ahorn und Buchsbaum über wild gezeichnete Wurzelhölzer wie Rüster und Nussbaum bis hin zu ausdrucksstarken Exoten wie Amaranth, Rosenholz und Rio-Palisander.

Mit Holz(farben) malen

Die Hölzer für seine Bilder wählt er – und hier liegt die hohe Kunst seines Handwerks –, gleich einem Maler nach Farbe, Stimmung und natürlich auch Maserung aus. Je nach Motiv gilt es auch hier, Hell-Dunkel-Kontraste, Schattierungen und Farbverläufe zu erkennen und die passenden Hölzer dafür auszusuchen.

Anschließend gilt es zu entscheiden, in welcher Technik das Motiv umgesetzt werden soll. Die wohl den meisten Tischlern und Schreinern bekannte sogenannte Messertechnik nutzt ein scharfes Messer oder Skalpell zum Ausschneiden der Furniere. So lassen sich gerade Schnitte und geometrische, bedingt auch leicht geschwungene Motive umsetzen. Die weitaus aufwendigere Sägetechnik bedarf einer sogenannten Dekupiersäge und einer gehörigen Portion handwerklichen Geschicks und Erfahrung.

Die Sägetechnik setzt eine äußerst exakte Werkzeichnung des Motives voraus. Theo Widmann überträgt dazu das Bildmotiv mit einem 0,1 mm starken Tuschestift auf Transparentpapier und fertigt davon zahlreiche Lichtpausen an. Aus diesen werden die einzelnen Teile des Motivs ausgeschnitten und mit Knochenleim auf die aus fünf bis sechs Schichten bestehenden Furnierpakete aufgeleimt. Auf einer gut 100 Jahre alten Dekupiersäge sägt er nun mit ruhiger Hand das Motiv „auf halbem Riss“ aus, sodass dieses fugenlos in das anschließende, ebenso präzise gesägte Gegenstück passt. Gleich einem Puzzle fügen sich dabei, je nach Motiv und Bildgröße, schon mal mehrere Hundert Einzelteile zusammen.

Eigene, kreative Wege

Hatte sein Lehrmeister noch streng nach gelieferten Vorlagen gearbeitet, war dies dem begeisterten Kunsthandwerker Theo Widmann nicht genug. Seit 1974 Mitglied im Bund der Kunsthandwerker Baden-Württemberg, beteiligte er sich an vielen nationalen und internationalen Ausstellungen und entwickelte seinen unverkennbar eigenen Stil. Neben klassischen Landschafts- und Genreszenen sind in dieser Zeit auch zahlreiche abstrakte Arbeiten entstanden, teils zweidimensionale, aber auch plastische, die Fläche verlassende Motive aus Massivholz oder in einer speziellen Form verleimte Furniere.

Noch heute, mit fast 80 Jahren, verbringt Theo Widmann, wenn er nicht mit dem Rennrad unterwegs ist – seiner zweiten, lebenslangen Leidenschaft (im vergangenen Jahr brachte er es immerhin auf 7000 km!) – , noch immer einige Stunden am Tag in seiner Werkstatt und lässt aus feinen Hölzern beeindruckende Bilder entstehen. Momentan treiben ihn die Planungen für eine aktuelle Ausstellung über seine Schachspiele um …

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