Werkstattbesuch beim Holzbootsbauer

Neu aufgeplankt

Steven, Scheg und Gallion: Mit der Restauration sämtlicher Schiffsteile kennt sich Lukas Thiemann aus. Er ist Bootsbaumeister und gelernter Schreiner, der weiß, wie man Bootsplanken am besten in Form bringt. Ein Besuch in seiner Werkstatt in Oldenburg.

Christine Speckner

Langsam durchdringt die Nagelspitze das Holz. Lukas Thieman schlägt den Spezialnagel durch die Planke, sein Azubi hält dagegen, um die Wucht abzufedern. Einfach drauf hauen geht nicht. Ein Zuviel – und das Holz würde reißen. Bei diesem Ruderboot hat Thiemann eine marode Planke ersetzt. Die Nietverbindung verwendeten schon die Wikinger. Nur hatten sie Eisen, während ein Holzbootsbauer heute Nietverbindungen aus Kupfer verwendet, die sind korrosionsfrei. Die Verbindung, die Thiemann in der Hand hält, besteht aus einem Nagel und einer gelochten Scheibe, der Klinkscheibe. Als Werkzeug braucht er einen Niethammer, eine Nietenflöte zum Aufziehen der Klinkscheiben, eine Beißzange, einen Splintentreiber und einen Gegenhalter, der nicht geräuschempfindlich ist. Das Vernieten kann anstrengend werden, vor allem, wenn bei Restaurationen Hunderte Nietnägel exakt befestigt werden müssen.

Meister im fremden Gewerk

In Emden am Wasser aufgewachsen, wollte der heute 33-jährige Lukas Thiemann schon immer Holzbootsbauer werden. Doch nach dem Abitur fand er keinen Ausbildungsbetrieb, der ausschließlich Holzboote fertigte. So lernte er Schreiner, um den Werkstoff Holz kennenzulernen. Eine Massivholzschreinerei sollte es sein, die fand er in Mannheim. Neben der Tischlerlehre beschäftigte er sich mit Holzbootsbau, fertigte schiffbauliche Zeichnungen und las Fachbücher. Jahre später versuchte Thiemann als Tischlergeselle ein weiteres Mal im Bootsbau unterzukommen. Wieder ohne Erfolg. „Einen Tischler brauchen wir nicht, der kann nur Geraden und nichts Geschwungenes bauen“, hieß es. Daraufhin machte er sich selbstständig, holte sich die Zulassung zum Reisegewerbe und fand unterwegs im Holzbootsbau Arbeit. In der Bretagne war er auf einer Holzbootswerft in der Schiffszimmerei tätig und reparierte alte Fischerkähne. Bis er von einem Bootsbauer in Bremen erfuhr. „Dieser Mann war 72 Jahre alt und fertigte noch als einer der letzten Neubauten.“ Er kehrte zurück und arbeitete bei ihm weitere drei Jahre. Der Bootsbauer schrieb ihm schließlich einen Brief, in dem er befürwortete dass Thiemann die Meisterschule für Bootsbauer in Lübeck besuchen darf, weil er Kenntnisse und Fähigkeiten eines Bootsbauergesellen habe. Mit der Ausnahmegenehmigung der Handwerkskammer machte er als Tischler den Meister im Bootsbau.

Holz in vielen Varianten

Für klassische Jollen und Yachten verarbeitet er heute oft verschiedene Mahagoniarten, etwa Khaya, afrikanisches Mahagoni, und Eiche. Bei traditionellen Arbeitsbooten Lärche und Kiefer. Die passende Holzart wählt er je nach Funktion eines Bauteils aus. „Den Masten baue ich aus Fichte, die ist leicht. Eine Scheuerleiste mache ich aus Esche, damit nicht gleich das Holz splittert, wenn man irgendwo dagegen fährt.“ Für die vielen Planken mit einer idealen Lebensdauer von mindestens 50 Jahren kommt diese Holzart dagegen nicht infrage, da Esche nicht fäulnisbeständig genug ist.

Bootsplanken unter Heißdampf

Die bauchige Form eines Bootes entsteht über gebogene Planken. Für das Biegen gibt es zwei Methoden. Eine ist das Kaltumformen. Dabei wird das Holz mit Zwingen in die erforderliche Form gebracht und später mit Verbindungsmittel wie Nieten, Schrauben oder Leim so gehalten. Eine andere Möglichkeit ist das Warmbiegen des Holzes, in der Bootsbauersprache heißt dieser Vorgang Steamen (bedampfen). „Wir steamen mit heißem Wasserdampf.“ Für das Dampfbiegen wird eine Dampfkiste aufgebaut und Wasser zum Kochen gebracht. Der Wasserdampf steigt durch ein Rohr in die Kiste und bedampft das eingelegte Bauteil bei einer Temperatur von 100 °C. Das Holz bleibt einige Tage im Dampf, um es gefügig zu machen. Je nach Rumpfform und Plankenstärke wählt Thiemann die eine oder andere Technik. „Ich muss einschätzen: Kriege ich das noch kalt rumgebogen oder muss ich steamen, um eine bestimmte Plankenstärke gebogen zu kriegen.“ Die gebogene, heiße Planke wird mit Schraubzwingen auf den Rumpf fixiert. Das muss zügig gehen, bevor sie erkaltet. Dann wird sie vernietet oder verschraubt. Die Schraubenköpfe werden mit Holzpfropfen verschlossen. In die Fugen streicht er Wurzelteer als natürlichen Fäulnisschutz.

Bootsbauer auf Reisen

Ein Anruf aus Berlin. Auf der Mittschiffswerft liegt das Segelschiff Royal Louise, knapp 18 m lang ist es. Ein Nachbau der Fregatte von 1832. Eine Planke ist morsch, Thiemann soll sich das anschauen. Vor Ort stellt sich heraus, der Schaden ist größer. Die Bestandsaufnahme dort dauert eine Woche. Das heißt: Eine Woche lang Planken rausnehmen, und den tatsächlichen Schaden feststellen. Dabei wird jeder Arbeitsschritt nummeriert und fotografisch dokumentiert. „Schon beim Herausnehmen einer Planke muss ich überlegen, wie ich die wieder reinkriege.“

Am selben Schiff wurde der von Pilzbefall geschädigte Teil des Vorstevens sowie Scheg und Gallion ersetzt. „Dabei bringe ich das Holz bildhauerisch in Form“, sagt Thiemann. Gearbeitet wird auch mit dem Schiffshobel mit verstellbarer Sohle für konvexe oder konkave Einstellung. Beim Neubau in moderner Bauweise hat sich Thiemann auf die Doppelkraweel-Bauweise spezialisiert. Hier werden zwei Plankenlagen nahtversetzt miteinander verleimt und auf die Spanten geleimt. So entstehen verwindungssteife Rümpfe mit vergleichsweise geringem Gewicht. Neben Restaurationen fertigt der Bootsbauer in Zusammenarbeit mit Yachtkonstrukteuren Masten und Spieren (Rundhölzer) für neue schnittige Segelyachten. Neubauten sind jedoch seltener. Meist restauriert er für Privatkunden deren Liebhaberobjekte und im Auftrag von Werften, die historische Schiffe instand halten, jedoch keine eigenen Holzbootsbauer mehr beschäftigen. Fachleute wie er sind gefragt.

www.holzbootsbau.com


Die Autorin

Christine Speckner ist freie Journalistin und lebt bei Freiburg.

www.christine-speckner.de

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