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Ois is Oans – Alles ist Eins

Werkstattbesuch bei der Bildhauerin Franziska Bürger
Ois is Oans – Alles ist Eins

Mystische Botschaften auf gedrechselten Zylindern, funkelndes Gold im geschnitzten Lebensbaum – das sind keine religiösen Kunstwerke, sondern die bayrischen Gebetsmühlen der Bildhauerin Franziska Bürger.

Melanie Kirchlechner

Betritt man die Werkstatt im Kunsthof Pösling nahe Rosenheim, spürt man sofort eine feierliche Stimmung. Die Regale sind gefüllt mit hölzernen Zylindern in allen Größen, die an Kerzen erinnern. Sie tragen teils Inschriften in Gold und Symbole in Kerbschnitttechnik, dazwischen stehen kleine vergoldete Skulpturen. Davor, an einer Werkbank, sitzt eine junge Frau, die letzte Hand an eine bayrische Gebetsmühle aus Nussbaum legt. Mit einem feinen Pinsel betont sie die farbige Fassung der Inschrift: „Ich bin.“

Buddhismus und Bayern

Traditionelle Gebetsmühlen haben ihren Ursprung im buddhistischen Tibet. Es handelt sich um Walzen aus Papier oder Metall, die mit Gebeten und Mantras bedruckt sind. Einfachste körperliche Handlungen, wie das Drehen so einer Mühle dienen dazu, gutes Karma bei den Gläubigen anzuhäufen. So wird die körperliche Aktivität symbolisch mit geistig-spirituellen Inhalten verbunden. Eine Gebetsmühle dient in etwa demselben Zweck wie ein Rosenkranz in der katholischen Religion, zur Ruhe und zum Gebet zu finden durch eine einfache, immer wiederkehrende Bewegung. Auch der Ursprung hinter den bayrischen Gebetsmühlen ist buddhistisch, Jahrtausende alt. Sie symbolisieren Bewegung und Ruhe zugleich und helfen, jeden Augenblick bewusst zu erleben. Als ein Zeichen des Friedens sollen sie uns Betrachter und Benutzer daran erinnern, dass wir alle miteinander verbunden sind: ois ist oans, zu deutsch: alles ist eins, ist auch eine der Lieblingsweisheiten der Entwicklerin der bayrischen Gebetsmühlen. Laut Franziska Bürger müssen es ja nicht zwangsläufig Sanskrit-Verse sein, die eine spirituelle Wirkung erzielen. Texte und Symbole, die Gebetsmühlen schmücken und unverwechselbar machen, sind von den Auftraggebern frei wählbar. Alte Symbole wie die Lebensblume oder der Lebensbaum sind bei den Kunden besonders beliebt. Die Lebensblume beispielsweise kommt aus dem Keltischen und verleiht durch ihre heilige Symmetrie Schutzkraft für ein Haus und seine Bewohner.

Kunst ist Fühlen

„Ich will Gegenwartskunst machen, die die Sinne anspricht, insbesondere das Fühlen. Berührung ist die ursprünglichste Form der Kommunikation“, sagt die junge Bildhauerin. Was bei jemand anderem widersprüchlich wirken würde, geht bei Franziska Bürger eine selbstverständliche Symbiose ein. Ganz nach dem Motto „Sein wer ich bin“ mischt sie spirituelle Inhalte mit einer soliden handwerklichen Bodenständigkeit.

G`lebt is glei (Lebenslauf)

Franziska Bürger wurde 1985 im bayrischen Rosenheim geboren. Ihre Jugendjahre verbrachte sie mit ihrer Familie in Südafrika. Zurückgekehrt nach Bayern beendete sie hier ihre Schullaufbahn, bevor es sie wieder in die Ferne zog. Ein Jahr lang bereiste sie Equador und Bolivien und lernte dort inspirierende Menschen kennen, die ihren weiteren Lebensweg entscheidend prägten.

Dennoch zog es sie wieder zurück in die Heimat, ab 2007 absolvierte sie in Berchtesgaden eine Ausbildung zur Holzbildhauerin. Seit 2011 ist sie freischaffend mit eigenem Atelier im Kunsthof Pösling, bei Rosenheim, tätig.

Aller Anfang ist schwer

Doch der Anfang in der Selbstständigkeit war nicht leicht. „Man kann alles machen, aber es ist schwierig, in dieser Freiheit den eigenen Weg zu finden“, meint die junge Frau, die sowohl traditionelle Kerbschnitzerei als auch freies bildhauerisches Arbeiten perfekt beherrscht. Bei der handwerklichen Sinnsuche kam ihr ein Zufall zu Hilfe: Ein Kunde gab eine gedrechselte Gebetsmühle mit Inschrift in Auftrag. In den folgenden Jahren verkaufte sie ein bis zwei große Mühlen pro Jahr. Erst als die Gebetsmühlen kleiner und individueller wurden, im Durchmesser 10 bis 16 cm und Franziska Bürger sie auf Handwerkermärkten verkaufte, fing das kreative Geschäft an zu blühen. Die Bildhauerin hat inzwischen ihre Gebetsmühlen als Warenzeichen eintragen lassen und kann gut von deren Verkauf leben und hat trotzdem genügend Zeit für ihre Familie.

Frei Hand und am PC

Jede Gebetsmühle entsteht in Handarbeit aus ausgesuchten Hölzern, bevorzugt Eiche. Kunden dürfen aber auch gerne ihr eigenes (Hart-)Holz mitbringen, aus dem die Bildhauerin ganz individuelle Einzelstücke gestaltet. Die rohe, zylindrische Form wird zunächst aus frischem Holz, teils noch mit Rinde, gedreht. Risse sind entweder gewünscht und in die Gestaltung integriert oder werden ausgespänt. Die fertig gedrehten Mühlen beschnitzt die Bildhauerin mit Symbolen oder Inschriften, was je nach Motiv 1 bis 15 Stunden dauert. Alle Symbole zeichnet sie frei, Inschriften werden am Computer entworfen, weil es hier auf die passende Schriftgröße für die zylindrische Form ankommt. Zunächst schnitzt Franziska Bürger die Konturen, um anschließend mit kleineren Eisen die endgültige Form herauszuarbeiten. Die meiste Arbeit verursacht das Glätten des Untergrunds, wenn die Motive und Schriftzüge plastisch hervortreten sollen.

Gold, Farbe und Öl

Franziska Bürger hat in den Anfangsjahren mehr Mühlen vergoldet als heute. Wenn sie edles Blattgold verarbeitet, wird es mit Ölmixtion-Technik aufgebracht. Alternativ bemalt sie Inschriften und Motive farbig. Als Oberflächenbehandlung kommen zum Schluss entweder Öle zum Einsatz oder die Mühlen bleiben völlig roh und unbehandelt. Alle Gebetsmühlen sind sowohl für drinnen als auch den Einsatz im Freien geeignet. In der Gestaltung berät die Bildhauerin ihre Kunden mit dem Ziel, ihre individuellen Vorstellungen in ebenso einzigartige Stücke zu übersetzen. Eigene Gebete und gute Wünsche der Auftraggeber erhalten die passende Gestaltung. Die ursprüngliche Bedeutung einer Gebetsmühle, Ruhe und Bewegung zugleich auszustrahlen, verliert die Künstlerin dabei aber nie aus den Augen.

Handarbeit an der Wand

Verschiedene Halterungen aus Holz, Eisen und Edelstahl liefern die passende Befestigung für Boden oder Wände. Diese lässt sich Franziska Bürger von einem befreundeten Schmied fertigen. Dabei ist jede Stellmöglichkeit nach Kundenwunsch individualisierbar. Eine so ausgestattete Gebetsmühle lässt sich leicht, geräuschlos und lange drehen, ganz wie ein materialisiertes Mantra. Die größeren Exemplare mit Bodenhalterung sind kugelgelagert, die mit Wandhalterung kommen dank ausgeklügelter Technik ohne Kugellager aus. Da fast alles Handarbeit ist, sucht man in der Werkstatt von Franziska Bürger vergeblich nach einem umfangreichen Maschinenpark. Nur mit einer großen Bandsäge, einer Drehbank und zwei Motorsägen, aber unzähligen Schnitzeisen verrichtet sie ihr kreatives Werk.

Märkte und Kurse

Gebetsmühlen verkaufen sich besonders gut auf Handwerkermärkten. Um Weihnachten ist die Nachfrage so groß, dass die Künstlerin sich immer wieder handwerkliche Hilfe dazuholt. In ruhigeren Zeiten hält sie gerne Schnitzkurse für Erwachsene und Kinder in ihrem Atelier in Pösling ab. Franziska Bürger hat ein so positives Grundvertrauen in ihre Arbeit, dass sie glaubt, dass ihr immer das Richtige begegnen wird. Ihre Spiritualität und Kreativität gibt sie daher freizügig an andere weiter. Und das wird sicherlich auch in Zukunft so bleiben …

www.franziska-buerger.com


Die Autorin

Melanie Kirchlechner ist gelernte Schreinerin. Sie arbeitet freiberuflich als Restauratorin, Autorin und Dozentin.

www.holz-sinn.de

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