Startseite » Inspiration » Blick über den Tellerrand »

Sanft dahingleitend

Besuch beim Stocherkahnbauer in Tübingen
Sanft dahingleitend

Als Zillen, Nachen oder Kähne bezeichnet, sind sie noch heute in vielen Regionen Mitteleuropas zu finden. Auf dem Neckar in Tübingen gehören die hier Stocherkahn genannten Holzboote seit über hundert Jahren zum Stadtbild. Der Zimmermeister Rudolf Raidt betreibt in Hirschau bei Tübingen eine der letzten Werkstätten Deutschlands für den Bau dieser archaischen Holzboote. BM-Redakteur Heinz Fink

Lieblich liegen sie da, die Weinberge an den Südhängen des Wurmlinger Kapellenberges. In der Ferne sind im sommerlichen Dunst die Burg Hohenzollern und die steil abfallenden Nordhänge der Schwäbischen Alb zu erkennen. Wer sich dem malerisch gelegenen Ort Hirschau bei Tübingen nähert, dem kommen sicherlich nicht zuerst Gedanken an Wasser, Schiffe oder gar eine Bootswerft in den Sinn.

Auch die Werkstatt im kleinen, am Ortsrand gelegenen Gewerbegebiet von Hirschau gibt keinerlei Hinweis, dass sich ein solch ausgefallenes Gewerk hier im Binnenland befinden könnte. Wäre da nicht ein Schild an der Wand der Werkhalle, auf dem in kräftiger Handschrift der Name des Inhabers und darunter in großen Druckbuchstaben die Tätigkeit des Handwerksbetriebes stünde: Zimmerei & Stocherkahnbau. Hier baut der gelernte Schreiner- und Zimmermeister Rudolf Raidt mit zwei Mitarbeitern die für Tübingen so typischen Stocherkähne – flache, mithilfe einer Holzstange angetriebene Holzboote für etwa sechs bis 20 Personen.
Altes Transportmittel
Schon die Römer benutzten Boote ähnlicher Bauart, um den Rhein und die Donau mit ihren Nebenflüssen zu befahren. Mit ihrer einfachen Bauweise, dem geringen Tiefgang und ihrer hohen Stabilität waren sie perfekt geeignet zum Transport von Menschen, Tieren und Gütern. Auch die Flußschiffer im Spreewald nutzten solche je nach Region Zille, Nachen oder Stakeboot genannten Gefährte. Sie waren und sind ideal für flache Gewässer, ermöglichen sie doch durch ihr flaches, breites Unterboot und den flach aufsteigenden Bug- und Heckbereich ein bequemes Anlanden an den seichten Flußufern. Waren diese Boote früher wichtige Verkehrs- und Transportmittel, so dienen sie heute vielerorts dem Freizeitspaß und als touristische Attraktion.
Wiederbelebte Handwerkstradition
Und dass das auch in Zukunft so bleibt ist unter anderem das Verdienst von Rudolf Raidt. Denn seit nun bald zehn Jahren baut der 35-Jährige die traditionsreichen Boote seiner Heimatstadt Tübingen. Und nicht nur das: Darüber hinaus restauriert und erhält er einen Großteil der aus gut 125 Booten bestehenden Stocherkahn-Flotte Tübingens.
Seinen ersten Kahn mit einer Länge von 5 m baute Rudolf Raidt noch im elterlichen Garten: „Mit Fichtenbrettern für nicht mal 50 Euro aus dem örtlichen Sägewerk“, wie er berichtet. Zuvor fertigte er allerdings ein etwa 50 cm langes Modell aus Resthölzern, um eine räumliche Vorstellung zu bekommen. Sowohl das Modell als auch das Erstlingswerk existieren noch heute – der Kahn ist noch immer im Einsatz.
Altes Handwerk – moderne Werkstoffe
Heute baut Rudolf Raidt seine Stocherkähne allerdings nicht mehr aus Fichte – diese neigt unter Feuchtigkeit zu schnellem Pilzbefall und zur Zersetzung. Seine bis zu 11 m langen Kähne sind aus Lärche-Dreischichtplatten, die speziell für ihn wasserfest verleimt, splintfrei und ohne Hohlstellen in der Mittellage hergestellt werden. Um eine offen liegende Mittellage, in die Wasser eindringen könnte, zu vermeiden, erhalten die Seiten einen breiten „Anleimer“ aus massiver Lärche. Sowohl der etwa 1,10 m breite Boden als auch die gut 50 cm hohen Seiten sind mittels einer aufwendigen, schräg geschäfteten Überblattung in der Länge gestoßen und mit PUR-Kleber wasserfest verleimt. Diese werden anschließend auf ein Spantengerüst aus Lärche aufgebracht und bilden den Bootsrumpf. Die Unterseite der Stocherkähne wird durch beidseitig über den Stößen der Seiten am Boden angebrachte Scheuerleisten aus Massivholz verstärkt.
Im Inneren dienen links und rechts in zwei Reihen übereinander an den Spanten angebrachte Leisten als Auflager für die Sitzbretter und zum Einstecken der Rückenlehnen. Auf den Querspanten befestigte, reversible Roste dienen als Laufboden, horizontale Flächen am Heck und Bug als Standfläche für den Stocherkahnfahrer und als Stauraum für Bootszubehör. Diese Flächen dienen aber auch als Treppen für den bequemen Einstieg ins Boot, der für jeden Bootsbesitzer individuell gestaltet werden kann.
Überhaupt, das Eingehen auf individuelle Wünsche und die Nähe zum Kunden sind Rudolf Raidt besonders wichtig. So fertigt er auch die etwa 6,5 m langen Stangen zum Antrieb und Lenken der Boote. Da diese möglichst stabil, aber dennoch leicht sein und bequem in der Hand liegen sollten, fertigt er eine hohle, konisch gefräste Variante aus Fichte.
In enger Zusammenarbeit mit seinen Kunden entstehen so im Winterhalbjahr etwa zehn bis 20 Kähne, die meisten davon für Tübinger Kunden. Neben dem altersbedingten Austausch von Booten – Rudolf Raidt gibt bei entsprechender Pflege immerhin fünf Jahre Garantie auf seine Kähne – kommt es aber auch zu unerwarteten Aufträgen: So zerstörte ein Hochwasser im Jahr 2013 neun Kähne in der flußabwärts liegenden Wehranlage. Doch nicht nur in der Universitätsstadt Tübingen finden sich Stocherkähne aus Hirschau, auch auf der Nagold, in Vaihingen an der Enz und sogar in Bad Vilbel auf der Nidda werden sie gefahren. Übrigens verlässt im kommenden Jahr der 100. Stocherkahn die Werft von Rudolf Raidt.
Herstellerinformation
Wissen testen – Preis absahnen
Herstellerinformation
BM-Videostars 2020
Herstellerinformation
BM-Titelstars 2020
Herstellerinformation
Im Fokus: Holz-Handwerk 2020
HOLZ-HANDWERK_2016
Foto: NürnbergMesse / Heiko Stahl
Herstellerinformation
BM-Themenseite: Innentüren
Im Fokus: Fensterbau Frontale 2020
Messegeschehen_allgemein
Alle zwei Jahre informieren sich die Fachbesucher über die neuesten Profilsysteme, Bauelemente, Beschlag- und Sicherheitstechnik und vieles mehr. Foto: NuernbergMesse/Frank Boxler
Im Fokus: Vernetzte Werkstatt

BM bei Facebook

BM auf Instagram
Alles bio? Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk
Im Fokus: Gestaltung

BM Bestellservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der BM Bestellservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin-Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum BM Bestellservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des BM Bestellservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de