Werkstattbesuch beim Stuhlminiaturenbauer

Sitzminiaturen

Es gibt wohl kaum einen Architekten der Moderne, der keine Stühle entworfen hat. Auch Tischlermeister Halil Hinz hat eine Leidenschaft für Stühle – ganz besondere Stühle, denn er baut Miniaturmodelle von Design klassikern im Maßstab 1:6.

BM-Redakteur Heinz Fink

Das vergilbte Schwarzweißfoto zeigt einen lässig in einem niedrigen, scheinbar aus rohen Latten zusammengefügten Sessel sitzenden Handwerksmeister umgeben von seinen Mitarbeitern. Zu sehen ist der niederländische Tischlermeister Gerrit Rietveld im Kreise seiner Gesellen und Lehrjungen um 1918 vor seiner Utrechter Werkstatt auf dem Prototyp seines legendären Rot-Blau-Stuhls. Rietveld (1888 bis 1964) hat in seiner späteren Architektenkarriere noch viele Möbel und Stühle entworfen, der Rot-Blau-Stuhl jedoch zählt zu den wohl bekanntesten Sitzmöbeln der Moderne.

Vom Stuhlvirus infiziert

Der Designklassiker hat es auch dem Tischlermeister Halil Hinz aus Engelskirchen im Bergischen Land angetan. Auf der Rückreise von einer Montage in Zürich besuchte er vor einigen Jahren das Vitra Design Museum in Weil am Rhein und nahm dort mit seiner Frau an einem Workshop teil, in dem die Teilnehmer den Rietveld’schen Stuhlklassiker selbst bauen konnten. In der Design-Sammlung von Vitra konnte Halil Hinz dabei auch exakt nachgebildete und auf ein Sechstel der Originalgröße verkleinerte Miniaturen vieler bekannter Stuhlklassiker von Thonet bis Marc Newson im Original sehen. Schon immer an Design und Architektur interessiert, hatten es ihm die fein detaillierten Modelle schon zu Beginn der 90er-Jahre angetan und er beschloss, sich an die ersten eigenen Stuhlminiaturen zu wagen.

Leidenschaft für’s Exakte

Dinge bis ins Detail vorzuplanen und handwerklich genau zu arbeiten, sind mit Sicherheit Eigenschaften, die beim Bau solch kleiner Möbelobjekte von Nutzen sind. Und die bringt der türkischstämmige Tischlermeister, der in jungen Jahren eine Ausbildung zum technischen Zeichner begonnen hat, im Übermaß mit. All seinen Miniaturprojekten gehen präzise Konstruktionszeichnungen voraus: akribisch und sauber auf Transparentpapier in Bleistift – oft auch in Tusche – gezeichnet.

Seine ersten Miniaturen waren Reproduktionen von weiteren, nicht im Miniaturformat erhältlichen Stühlen von Gerrit Rietveld, wie der 1923 entworfene Militärstuhl, ein einfacher, an den Knotenpunkten überblatteter und mit Schrauben gesicherter Stuhl. Gleich seinem Vorbild sind die rechteckigen Leisten der Beine und Querstreben im Querschnitt von lediglich 8 x 5 bzw. 4 x 4 mm überblattet und zusätzlich verschraubt. Sitzfläche und Lehne bestehen aus nur 2 mm starkem Sperrholz und natürlich gibt es die Miniaturen auch in den zehn Farbvarianten des Originals!

Einer Herausforderung der besonderen Art stellte sich Halil Hinz auch mit der Miniatur des Stick Chair von Rietveld. Ebenfalls eine Stollenkonstruktion, allerdings aus Rundstäben im Durchmesser von 5 mm und einer geschwungenen Lehne und Sitzfläche aus
1,8 mm starken Formverleimungen aus Buchefurnier. Da Lehne und Sitzfläche im Original mit Schrauben und Vierkantmuttern verbunden sind, sollte das beim Modell natürlich auch so sein. Metrische Schrauben in M 1 konnte Halil Hinz nach längerer Suche im Optikerbedarf finden, die Muttern allerdings nicht. Diese fertigte er selbst aus 2 x 2 mm Messingvollmaterial, das er auf der Dekupiersäge in dünne Scheiben schnitt. Eingepresst in eine Schablone aus einer weichen Aluminiumlegierung konnten die Minimuttern gebohrt, das Gewinde geschnitten und die Oberfläche geschliffen werden. Gleich dem Original gibt es auch die Miniaturen in den Farben Rot und Schwarz.

Elegant geschwungen

Gestalter wie Alvar Alto und Marcel Breuer entwarfen schon in den 30er-Jahren zahlreiche Sitzmöbel wie Liegen und Freischwinger aus schichtverleimter Birke. Auch Halil Hinz reizte dieses Prinzip und er fertigte eine Miniatur des Isokon Long Chair von Marcel Breuer, einer Liege aus gegenläufigen Formsperrholzteilen. Die Schablonen im Maßstab 1:6 für die Herstellung der aufwendigen Schablonen zur Formverleimung fertigte er auf dem Bearbeitungszentrum der Tischlerei Jörg
Richter in Lindlar, der Betrieb, in dem Halil Hinz auch seine Ausbildung absolviert hat und seit 18 Jahren arbeitet.

Doch nicht immer hält sich Halil Hinz sklavisch an die Vorbilder. Bei manchen Miniaturen nimmt er sich auch auch die Freiheit zu einer Interpretation des Vorbildes. So auch beim Sessel Poäng des Möbelhauses Ikea, der vor mehr als 40 Jahren vom japanischen Designer Noboru Nakamura entworfen wurde. Anders als beim Original bestehen Sitzfläche und Rückenlehne aus einem Stück Formsperrholz, aber auch der Hocker und viele kleine Details sind die Idee des Tischlermeisters.

Filigranes Sitzobjekt

Den bisher aufwendigsten Miniaturstuhl fertigte Halil Hinz mit dem Wooden Chair des australischen Stardesigners Marc Newson – ein filigranes, aus 24 verschlungenen Leisten gebildetes Sitzobjekt. Die einzelnen, aus lediglich 3 x 1,5 mm starken Bucheleisten bestehenden Schleifen wurden gekocht und in eigens angefertigten Schablonen gebogen und getrocknet. Die unterschiedlich großen Schleifen werden durch vier gezahnte Quertraversen und ein solides Endstück verbunden. Alle Verbindungspunkte, selbst die Kreuzungspunkte der einzelnen Schleifen, sind mittels winziger Linsenkopfschrauben verbunden – keine leichte Übung bei gut 168 Schrauben im Durchmesser von knapp 1 mm!

www.miniaturstuhldesign.de