Werkstattbesuch beim Bildhauer und Restaurator. Von Gotik bis Modern - BM online
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Von Gotik bis Modern

Werkstattbesuch beim Bildhauer und Restaurator
Von Gotik bis Modern

Vom geschnitzten Geländer im Jugendstil bis hin zu Repliken antiker Figuren, von politisch motivierter Kunst bis hin zu Meisterstücken für Vergolder – Peter Alois Brutler arbeitet sich stilsicher durch sämtliche Genres.

Melanie Kirchlechner

Zielsicher befreit die geübte Hand die Volute aus Linde von allem überflüssigen Holz. Peter Alois Brutler macht es wie der berühmte Michelangelo: Für ihn ist die endgültige Form schon von Anfang an da, sie muss nur noch freigelegt werden. „Ich will nicht meine Zeit mit Tonmodellen verplempern, sondern gleich Originale in Holz herstellen“, bestätigt der flinke Künstler.

Das fein geschnittene organische Ornament soll später in der Vergolderwerkstatt von Dietmar E. Feldmann mit dem edelsten aller Materialien – Gold – überzogen werden. Dazu muss der Bildhauer „unter der Fassung“ schneiden, das heißt immer die unzähligen Schichten einer Polimentvergoldung, die auf den geschnitzten Untergrund aufgebracht werden sollen, im Blick haben. Auch dürfen Kanten nicht zu scharf gearbeitet sein, damit auch dort der goldene Überzug dieselbe Schichtdicke hat wird wie bei den übrigen Flächen.

Sauber kopieren, nicht verschleiern

Momentan arbeitet er an der Restaurierung und Neuanfertigung von Schleierbrettern für eine Klostersakristei im barocken Bayern. Dafür baut er zunächst die restaurierungsbedürftigen Teile am Originalschauplatz ab, reinigt und ergänzt sie daraufhin in seiner Werkstatt. Das alles muss nach den Vorgaben des Denkmalamtes geschehen, das bei der Wiederherstellung von alten Meisterwerken immer seine Finger im Spiel hat. Teile, die zu stark beschädigt sind oder vollständig fehlen, fräst er im Originalmaßstab mit seiner Kopierfräse vor, um ihnen anschließend von Hand ihren unverwechselbaren feinen Charakter zu verpassen.

Traum und Wirklichkeit

Der unauffälligen Werkstatt im Einfamilienhaus in Parsberg sieht man von außen nicht an, was für großartige Meisterwerke von erstaunlicher Präzision der Bildhauer und Restaurator Peter Alois Brutler hier erschafft. Und das schon seit 20 Jahren. Damals kam der gebürtige Siebenbürger, unzufrieden mit der politischen Situation in Rumänien, hierher mit dem Ziel, sich möglichst bald mit freien Bildhauerarbeiten selbstständig zu machen. Aber ganz so schnell ließ sich dieser Traum nicht in die Realität umsetzen. So nahm er zunächst eine Anstellung bei den Restaurierungswerkstätten „Preis und Preis“ in Parsberg an, die damals in ihren drei Filialen über 160 Bildhauer und Restauratoren beschäftigten. Als Angestellter durfte er aber immer nur nach den Vorgaben anderer arbeiten, sich lediglich an Ergänzungen restaurationsbedürftiger Werke beweisen.

Ganz nah am Orginal

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt fing Brutler aus eigenem Antrieb an, Repliken alter Meister z. B. von Christian Johann d. Ä. und Ignaz Günther nachzuschnitzen. Da er aber damals noch nicht über die entsprechenden Aufträge verfügte, um sich und seine Familie mit solchen Kunstwerken zu ernähren, begab er sich wieder in Lohn und Brot bei der Restaurierungswerkstatt „Eis“ in Lappersdorf. Schlussendlich, knapp zehn Jahre nach seiner Ankunft in der neuen Heimat, wagte er dann doch den Weg in die Selbstständigkeit. Seiner stilsicheren Hand und dem genauen Auge hat er es zu verdanken, dass sich dieser Schritt bald auszahlte. Inzwischen gilt er als außergewöhnlicher Könner seiner Zunft und das nicht nur unter den Meisteranwärtern im Vergolderhandwerk, die bei ihm Repliken berühmter Figuren für ihre Meisterprüfung in Auftrag geben.

Tüfteln gehört dazu

Die zu vergoldenden Figuren dürfen laut Prüfungsverordnung der Vergolder nur eine Größe von 60 bis 80 cm haben. Meisterwerke aus der Gotik und dem Barock sind im Orginal aber meist deutlich größer.

Brutler verfügt zwar über eine Kopierfräse, die alles 1:1 bzw. spiegelverkehrt kopieren kann. Aber Verkleinerungen lassen sich so eben nicht herstellen. So brütet er seit Jahren über verschiedenen Pantographsystemen, die den Maßstab wunschgemäß verändern. Nachdem die ersten beiden Varianten mit Rastersystem bzw. Seilzügen nicht die gewünschte Genauigkeit brachten, tüftelt er nun an einem Apparat, der mittels Ketten das Original in die passenden Proportionen überträgt.

Früh übt sich

Schon im Alter von fünf Jahren macht er erste, teils schmerzhafte Erfahrungen mit dem Werkstoff Holz. Er haut sich beim Schnitzen mit der Axt in einen Zeh. Dennoch wächst der Wunsch, Holzbildhauer zu werden, stetig in ihm. Dies war im damaligen rumänischen Schulsystem nur möglich, wenn man zuvor eine Schreinerlehre absolvierte. Nach dem erfolgreichen Abschluss beider Ausbildungen verdingt er sich in einem rumänischen Staatsbetrieb mit 5000 Angestellten, darunter 100 Stilmöbelschnitzern. Die unzähligen Aufträge für Hubertus-Jagdszenen kamen hauptsächlich aus Russland und Deutschland. Erste Erfolge mit künstlerisch eigenständigen Arbeiten konnte er als junger Mann im Rahmen eines Wettbewerbs „Lobgesang Rumäniens“ erzielen. Trotz beruflicher und künstlerischer Möglichkeiten in seinem Heimatland macht ihm das politische System doch so sehr zu schaffen, dass er im Alter von 30 Jahren nach Deutschland emigriert.

Kunst kommt von Können

Peter Alois Brutler findet schon immer an durchaus gegensätzlichen Stilrichtungen der traditionellen und modernen Bildhauerei Gefallen. Und er arbeitet selber in so unterschiedlichen Techniken, dass er sogar einmal den Vorwurf zu hören bekommen hat, seine Arbeiten seien nicht einer einzelnen Künstlerhand zuzuordnen. „Aber wieso soll ich mich beschränken, wenn mich so vieles interessiert?“, entgegnet er mit der für ihn typischen, selbstbewussten Bescheidenheit.

Seine persönliche aktuelle Herausforderung sind Bildhauerarbeiten, die ganz ohne Handarbeit auskommen. Die korallenartig wirkenden Plastiken und Figuren werden von ihm „nur“ gefräst und gebohrt. Aber auch andere Materialien als Holz sind ihm nicht fremd. Als Mitglied der Kunstgilde nimmt er häufig an Ausstellungen in der Region teil. So zieren seit dem Gewinn eines Wettbewerbs seiner Heimatstadt mehrere moderne Skulpturen aus Stein den örtlichen Stadtpark.

Lebensechte Figuren

Aber am eindrucksvollsten für den interessierten Betrachter sind wohl seine halbmeterhohen Figuren aus Lindenholz, die zugleich fein und lebendig wirken. Neben unzähligen Repliken antiker Meister thront so auch der antike Held „Atlas“ friedlich vereint neben dem Comic-Helden „Wolverine“ auf einem Schrank. Auf der Werkbank davor beeindruckt die lebensechte Miniatur des letzten Goldschlägers seiner Zunft. Genauso nimmt sich auch Peter Alois Brutler wahr: Er bezeichnet sich als „einen der letzten Dinosaurier, der noch traditionell arbeitet.“ Wer aber sein Handwerk so meisterlich beherrscht, dürfte für jetzige und kommende Generationen von Bildhauern immer ein Vorbild sein!

www.holz-restaurierungen-pab.de

Hier finden Sie weitere Holzsplitter.


Die Autorin

Melanie Kirchlechner ist gelernte Schreinerin. Sie arbeitet freiberuflich als Restauratorin, Autorin und Dozentin.

www.holz-sinn.de

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